nun durfte er sie nicht verlassen in der Stunde der Gefahr, da sie ihn nicht verlassen hatten – nun hatte diese Alle eng verbrüdert. Er musste mit ihnen stehen und fallen, siegen und verderben oder sterben. Das fühlte er klar. Und Pauline? Welche Gefahren konnten ihr jetzt drohen? Wer sollte sie schirmen und schützen, wenn nicht er?
"Komm August!" rief er jetzt, indem er auf diesen zueilte. "Komm! Da ich das Verderben einmal nicht aufhalten konnte, das jetzt hereingebrochen, so wollen wir's auch redlich teilen! Nur stellt mich nicht hin zur blinden Zerstörung, ich mag nicht kämpfen mit wehrlosen Dingen! Aber wo Gefahr ist, da lasst mich sein – ich gehöre zu Euch, denn Ihr habt mich frei gemacht, und konnte' ich Euch im Leben nicht mehr nützen – wollte nun nur Gott, ich könnt's mit meinem Tod!"
Ein Wagen näherte sich der Fabrik und wollte durch ein Gedränge von Männern, Weibern und Kindern nach den Wohnhause zu – aber die Menge fiel den Pferden in die Zügel, zerhieb die Stränge und rief: "Auch die Pferde sollen heute frei sein, wenn sie's gleich im Leben besser gehabt haben als wir!"
Dann ward der Kutscher verspottet, der entsetzt vom Bocke sprang und den Pferden nachsah. Elisabet hatte ihren Wagen geschickt, um Pauline zu holen, und so ward er empfangen.
In den nächsten Dörfern hatte man die Bauern aufgeboten, herbei zu kommen und die aufrührerischen Rotten von weitern Zerstörungen abhalten zu helfen. Aber Herr Felchner hatte sonst oft vor Gericht in Streitigkeiten mit ihnen gestanden, er hatte ihre Feldund Gartenfrüchte immer so schlecht als möglich bezahlt, und sie waren in keinem Stück mit ihm in gutem Einvernehmen gewesen, So kam es, dass nur Wenige Lust hatten, ihm zu hülfe zu eilen und die Meisten von Denjenigen, welche sich dazu entschlossen, waren solche, die nur gern bei Raufereien und Schlägereien waren. Sie bewaffneten sich mit Spaten, Sensen und Düngergabeln, tranken sich erst Mut und zogen singend und lärmend nach der Fabrik. Da kam ihnen ein Haufe junger Arbeiter entgegen, Wilhelm an der Spitze.
"Was wollt Ihr?" rief er ihnen zu. "kommt Ihr als unsre Feinde – dann würdet Ihr verloren sein, denn Ihr seid nur eine kleine Schaar und wir sind viel mehr als Ihr. Aber wir können auch nicht glauben, dass Ihr so törigt wäret, in uns Euere Feinde zu sehen. Wir sind von natur Eure Freunde und Brüder, und nur die unbarmherzigen Reichen, welche elendes Geld aufhäufen, um Tausende verhungern zu lassen, sind unsere Gegner. Wir wollen nur diesem geizigen Tyrannen hier zeigen, dass seine Reichtümer von Rechtswegen uns gehören müssten, und da er uns unser rechtmässiges Eigentum entzogen hat, so wollen wir es uns nehmen. Deshalb werdet Ihr nun uns doch nicht Uebles antun wollen, weil wir in die Welt ein Bischen bessere Ordnung bringen mögten? Und wer von Euch arm oder dienend ist, der ist unser natürlicher Bundesgenoss und wird uns beistehen gegen diesen geizigen Tyrannen hier!"
Und so sprach er noch weiter – da stimmten ihm viele von den Bauern bei und schrien: "Ja wir wollen Euch helfen!" und mischten sich unter die Fabrikarbeiter; Andere aber, welche dies nicht mogten, ergriffen die Flucht und wurden von Steinwürfen und Peitschenhieben wieder zurückgejagt in ihre Dörfer. Einzelne, welche sich widersetzten, gerieten in ein fürchterliches Handgemenge, und eine blutige, entsetzliche Scene folgte auf die andre – aber überall zogen die Bauern den Kürzern.
Der Fabrikherr ward vor Schrecken noch bleicher, als er das hörte. – Wo nun hülfe finden? Das Militair konnte kaum vor dem andern Morgen kommen – und was konnte nicht Alles geschehen bis dahin! Jetzt war es erst Mittag, und schon hatten die Leute fast alle seine Maschinen zerstört und wüteten noch in den vordern Fabrikgebäuden. Jetzt hatten sie den etwas entfernt liegenden, einzeln in den Felsen gehauenen Keller erbrochen, ein Fass Wein heraufgeschroten und sassen nun um dasselbe herum und tranken die Gesundheit der neuen Zeit und der armen Leute in dem besten Französischen Weine des Fabrikherrn. Sie ruhten dabei aus von ihrem Zerstörungswerk, um sich neue Kräfte und frischen Mut zu trinken.
Nur die Factoren, Marktelfer und Kutscher waren dem Fabrikherrn treu geblieben, die Andern waren Alle gegen ihn. Helfen konnten diese wenigen Menschen gegen den überlegenen und wütenden Feind auch nur Weniges – durchkommen konnte jetzt auch Keiner mehr, weder herein noch heraus. Georg war auch ganz wie vernichtet – er hatte nie weiter Etwas gekonnt als rechnen und schelten – jetzt wusste er nicht mehr, was zu tun sei. Es blieb Nichts übrig, als auf die militairische hülfe zu warten, die von aussen das umzingelte Wohnhaus der Fabrik gleichsam wie eine Festung entsetzen musste. Man musste sich darauf beschränken, dieses zu verschliessen und zu verrammeln, desgleichen auch den Hof, der es umgab und die nächsten Gebäude, welche noch frei waren.
Ein Gewölbe mit Vorräten von Fleisch, Butter, Kraut und Rüben, das sich neben dem Weinkeller befand, war auch eröffnet worden – an einem grossen Feuer im Freien kochten die Weiber davon und die Männer liessen es sich dann mit ihnen trefflich schmecken, so dass jetzt Alles ganz friedlich und gemütlich aussah. War es ja doch eigentlich nur der Hunger, welcher die Meisten dieser Armen zum Aufstand gebracht hatte! Denn von communistischen