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, es auszugleichen."

"Sie suchten nach Briefen von Szariny; die Sie fanden, waren Ihnen zu altvielleicht kann ich Ihnen neue geben."

"Sie würden Sich dadurch ein grosses Verdienst erwerben."

Es kam nun zu einem weitläufigen Hin- und Herreden, wo Keines dem Andern seine Absichten verraten wollte, man capitulirte förmlich und gelobte sich Schweigen. Endlich sagte Amalie: "Wir haben hier mit einigen Familien ein gemeinschaftliches Portefeuille, worein die Briefe kommen, welche am andern Tage zur Stadt gebracht werden sollen. Der Oberst macht von diesem kleinen Verein gewissermassen den Postratdas Portefeuille ist hier," – sie holte es. "Graf Szariny hat heute einige Briefe hergeschickt."

Dem Polizeirat war es doch bedenklich, seine Geheimmittel, wie man allwissend wird, eine Frau wissen zu lassen. Er wiess ihren Vorschlag zurück.

Sie hatte dennoch das Portefeuille geöffnet und hielt ihm einen Brief mit Szarinys Wappen und Handschrift hin. Er war an den Redacteur eines neuen Volksblattes adressirt, welches eine ziemlich radicale Färbung hatte. Der Umstand war bedenklich.

Der Polizeirat wog ihn bedenklich und bemühte sich, durch das dünne Couvert zu lesen; er unterschied die Worte: Franz Talheim, ein Fabrikarbeiter.

In staatsgefährlichen zeiten liess sich am Ende Alles entschuldigenauch wenn Amalie nicht schwiegund sie gelobte Schweigenein heissgeglühtes Federmesser hob mit leichter Mühe das starke Siegel unverletzt ab.

Der Brief entielt an den befreundeten Redacteur eine Empfehlung Franz Talheims zum Mitarbeiter, da dieser wahrscheinlich sich in Kurzem ganz der Volksschriftstellerei widmen werde. Es hiess darin unter Anderm: "Sein Bruder und ich halten ihn für vollkommen befähigt zu dem neuen Lebensplan, welchen jener für ihn ausgesonnen."

Der Polizeirat war befriedigt, der Brief ward notirt und wieder vorsichtig versiegelt. Amalie erfuhr den Inhalt nicht, aber sie las es in seinen Mienen, dass sie einen Schritt zu ihrem Ziel getan. Ehe er mit ihr ein neues Verhör über Gatten und Schwager anstellte, fand er es geraten, mit Bordenbrücken Rücksprache zu nehmen. Darum ging er.

Von dem Geheimrat erfuhr er alles unterdessen Vorgefallene. Anton, der schon seit jener ersten Bekantschaft mit Schuhmacher, als er den Namen Stiefel angenommen, immer als Aufpasser und Berichterstatter in dessen geheimen Sold geblieben war, hatte angezeigt, dass die Brüder Talheim mehrfach lange Zwiesprache gehabt, dass seitdem Franz sie Alle meide, immer zur Ruhe und Frieden rede, aber dass hinter dieser Maske jedenfalls die rebellischsten Absichten steckten. Dass ferner durch den Tod einer Frau und ihres Kindes unheimliche Stimmung entstanden sei. Da man sich zuletzt vor Anton hütete, so hatte er nicht mit berichten können, was eigentlich wirklich schon Bestimmtes zu fürchten war.

Der Polizeirat hatte seinen Verhaftsbefehl gegen Franz schon mit und so sollte er denn in morgendlicher Stille benutzt werden. Am Abend vor diesem Morgen war Gustav Talheim ahnungslos abgereist. Er hatte den Bruder nicht noch ein Mal sprechen können, ihm aber seinen Plan geschrieben und diesen Brief einem gewissenhaften Diener Waldows zur Besorgung gegeben. Das Geld sollte er sich selbst bei Karl von Waldow holen. Den eröffneten Brief hatte Jaromir auf Elisabets Bitte geschrieben, welche ihm ihre Unterredung mit Talheim mitgeteilt hatte.

X. Vereinigung

"Der Zorn, dass noch der alte Fluch

Vom armen volk nicht gewichen,

Dass aus dem grossen Lebensbuch

Das Wort Despot noch nicht gestrichen;

Dann möge durch Dein Herz wie Glut

Die Träne Deiner Mutter lodern,

Dann gebe Gott Dir Kraft und Mut,

Die Schuldner vor Gericht zu fodern!"

Ludwig Köhler.

Waldows Diener, um den Brief gewissenhaft zu übergeben, den er von dem Doctor Talheim erhalten, war auch frühzeitig nach der Fabrik gegangen. Er wusste sich den Tumult nicht zu deuten. Als er endlich näher kam und das Entsetzliche gewahr ward, kamen einige Arbeiter auf ihn zu, fragten ihn, ob er wie sie tun wolle und gegen die Reichen zu feld ziehen, deren Sclave er ja doch auch nur sei? Andere verhöhnten sein Tressenkleid, sagten, dass er sich darin wohl gefalle und noch Staat mache mit seiner Sclaverei. Mit Schlägen und Schimpfreden umringten sie ihn.

Da schrie der Gemisshandelte laut aus Leibeskräften nach Franz Talheim.

Das rettete ihn, denn Franz war in der Nähe und nahm ihm den Brief ab. Er bat die Andern, den Diener laufen zu lassen, er möge es den Leuten immer erzählen, was hier vorgehe, verborgen könne es doch nicht bleiben. Von Mehreren wie ein wild gehetzt entfloh der Befreite.

unterdessen hatte Franz den Brief seines Bruders gelesenerst leuchteten seine Augendenn es war ihm, als griffen erbarmungslose hände in sein Herz und rissen es in Tausend Stückeund um die innere Empfindung im Aeussern nachzuahmen, zerriss er den Brief und streute die Blättchen rings um sich. Noch gesternwenn er da den Brief erhalten, hätte er seiner Mahnung folgen, fortgehen und irgendwo eine andre Heimat suchen könnenfür die Kameraden hier konnte' er ja doch Nichts mehr tun, sein Werk hatte man ihm zerstört und gewehrt und die Kameraden liebten ihn und trauten ihm nicht mehrhier war sein Geschäft aus.

Aber heute konnte er nicht gehen, heute nicht! Das wäre feige Flucht gewesen! – Man hatte ihn einkerkern wollen und die Kameraden hatten ihn befreit, das musste er ihnen vergelten. Jetzt waren sie aufgestanden in wilder, zerstörender Wutsie hatten das Entsetzliche getan und jede nächste Stunde konnte für sie eine entsetzlichere Vergeltung bringen