Sie um Paulinen geworben, wenn sie ihren Vater mit Bitten bestürmt hätte – vielleicht würde er sich haben erweichen lassen, denn er will sie im grund doch nur glücklich machen – aber auf seine Weise – aber Ihr Bruder ist ein armer Arbeiter – ist sein Sclave – er muss aufhören das zu sein!"
"Was meinen Sie?!"
"Befreien Sie ihn aus dieser unwürdigen Lage," sie stand auf und gab ihm ein versiegeltes Papier unter seiner Adresse. "Hier ist Geld, unnütz für mich, nützlich für ihn, wovon er leben kann, bis er eine andre Stellung sich erworben. Ich habe die Bücher gelesen, die er geschrieben – er hat Talente, die ihm weiter helfen können – dann kommt er vielleicht in Jahren wieder wie Sie – Pauline ist ihm treu geblieben – Felchner vielleicht tot – dem bescheidnen Mann, der mit der Feder sein Brod verdient, darf sie ihre Hand reichen vor den Augen der Welt – nur dem armen Proletarier nicht – und dann, o, dann wird aus den Schöpfungen dieser beiden Menschen ein Utopien aufblühen –"
Er nahm das Geld und ihre Hand zugleich: "Ihr grosses, schwärmendes Herz," rief er, "macht mich selbst mit schwärmen – ja! Und ist es ein Irrtum – einem schönen und edlen sich hinzugeben, ist auch kein verlorenes Gefühl. – Wenn man verzagen will im Glauben an die Menschheit und findet noch Herzen wie Sie und Pauline, da richtet man wieder begeistrungsmutig sich auf!"
"Diese Herzen danken I h n e n , was Sie jetzt an Ihnen rühmen wollen –" und sie sah innig zu ihm auf.
In diesem Augenblick trat ein Diener ein und übergab ihr ein kleines Päcktchen, welches mit der Post gekommen war und die Bemerkung trug: "sogleich zu eröffnen."
Sie bat um Entschuldigung und öffnete – es entielt ein grosses goldenes Medaillon. Auf einer beigefügten Karte stand nur:
"Ich wünsche Ihnen zu ihrer Verbindung Glück und übergebe das Bild, das ich bisher an meinem Halse trug, dem Herzen, das jetzt dem Original vertraut! – Bella."
Sie öffnete das Medaillon – es war Jaromir's Bild.
Durch die rückhaltlose Unterredung über die Freundin war jetzt auf ein Mal das Band des Vertrauens innig geknüpft zwischen diesen Beiden, darum fasste sie wieder seine Hand und sagte flehend und stürmisch:
"Von Ihnen allein kann ich einen Rat fordern – mein Vertrauen in Jaromir war nicht erschüttert – wenn er vor mir geliebt, was habe ich davon Rechenschaft zu fordern? – Aber gestern Eduins Worte und nun dieser Brief – Wenn er eine Andere um mich betrogen hätte – wenn ich daran Schuld wäre? Ich hätte es ihm verbergen sollen, dass ich ihn liebte – aber ich wusste es ja selbst nicht eher, bis das Wort ausgesprochen war! – Und wenn ich nun die Ursache geworden, dass ein anderes Herz um ihn bräche?"
Er sah vor sich nieder und schwieg – was sollte er auch sagen? War Jaromir dieser vertrauenden Liebe wert – er, den eine leichtfertige Schauspielerin betören konnte? Und sollte er ihn verklagen – konnte er es, ja durfte gerade e r es? War er es nicht, der ihm, wenn gleich ohne es zu wissen, die erste Geliebte genommen – und sollte er ihm jetzt vielleicht auch die letzte nehmen?
Sein Verstummen erschreckte sie: "So habe ich Recht?" fragte sie tonlos.
Er besann sich und sagte nun: "Sie irren! Fällt Ihnen denn der Name nicht auf? – Die Dame, von der Eduin sprach, und diese, welche Ihnen jetzt das Bild schickt, ist nur eine und dieselbe – die Sängerin Bella."
Da richtete sie sich plötzlich gross auf und sagte: "Dank dem Himmel! So darf ich ihn mein nennen, so darf ich darauf vertrauen, dass meine reine Liebe ihm vollen Ersatz geben wird für diese, die ihn aufgiebt und zu der sein sehnsüchtiges Herz sich verirren konnte."
Talheim stand auch auf und sah bewundernd zu ihr – vor einer solchen Liebe begann er plötzlich selbst wieder ihre Allgewalt zu empfinden. In diesem Augenblicke ging Etwas in ihm vor, das seinem Herzen eine stumme Sprache zu sich selbst gab, auf die er nicht länger hören mogte.
"Leben Sie wohl und glücklich," sagte er, "vergönnen Sie mir einen schnellen Abschied." Er drückte ihre Hand sanft an seine Lippen – eine Träne fiel darauf.
"Ich scheide heute anders von Ihnen – als das letzte Mal – damals hatte ich meinen Lehrer verloren – jetzt habe ich einen Freund gefunden – Sie werden mich auch nicht vergessen, und wir werden uns wiedersehen!" sagte sie innig bewegt, aber mit edler jungfräulicher Würde.
In diesem Augenblick öffnete sich die tür und Jaromir trat ein. Talheim liess Elisabets Hand los und warf sich erschüttert in seine arme:
"Graf," rief er, "wir haben uns in einer der schwersten Stunden des Lebens begegnet, wo unser Beider Herzen heftiger schlugen als gewöhnlich – es war bei einem weib, das nicht wert war, dass wir es Beide geliebt hatten. – Heute ist es anders, heute schlagen unsere Herzen wieder anders als gewöhnlich – aber der Himmel hat einen seiner Engel in eine Frauengestalt zu uns gesandt, damit ein Weib Alles sühne, was ein Weib verbrach. – Graf! Der Augenblick, wo das Männerherz vor dem weiblichen Ideal sich neigen