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den wollen wir bestrafen lassen, wie es recht ist. Komm, Vater, komm, folge nur dies Mal Deinem kind!"

"Du bist irre gewordenich folge keiner Närrin!"

"Vater, was hat es denn genützt, wenn Du dem Rat der Menschen folgtest, die Alles nur weise berechnen wollten? Nur ein Mal wage mit mir den Versuch! Was willst Du tun? Eine Schlägerei anfangen zwischen diesen rohen Meschen? Dann sie mit Soldaten zur Arbeit hetzen lassen? Warum Gewalt, wo Du Alles in Güte kannst? Sie werden Dich segnenoder Dir fluchen, Dir und uns Allen. – Ach Vater, es ist hart, den Fluch so Vieler durch ein ganzes Leben mit sich schleppen zu müssenund vielleicht noch über das Leben hinaus!"

Ueberwältigt von ihrer Angst, von der Wichtigkeit seiner Entscheidung, fiel sie ihm zu Füssen und umklammerte seine Knieeda klangen von draussen die Stimmen wieder lauter, ein freches Spottlied singend mit pfeifenden und jauchzenden Lauten begleitet.

Der Fabrikherr, wie er das hörte, stiess sein Mädchen mit dem fuss zurück und machte sich los: "Für diese freche Bande kann ein sittsames Mädchen bitten? Musst Du nicht bei ihren schlechten Liedern erröten? – Draussen führen sie eine wahnsinnige Posse auf und Du willst mit Deinem Vater auch Comödie spielengeh' und besinne Dich! Ich hätte Dir mehr weibliches Zartgefühl zugetraut."

"Vater," rief sie ausser sich, "ich erröte nicht mehr über die grobe Gemeinheit schlechter Worte, als darüber, dass es solche verwilderte Menschen noch gibtund über uns, die wir Schuld sind an dieser Entsittlichung. Vaterhast Du schon um militairische hülfe gebeten?"

"Jasie kann schon diese Nacht kommen, wenn sie nicht langsam sind."

Sie wollte zur tür hinaus.

"Wo willst Du hin?" rief er und hielt sie fest.

"Ich will es den Leuten sagen, dass sie ruhig werden, ehe man auf ihre Verzweiflung mit Waffen antwortet."

"Das fehlte noch!" schrie Felchner vor Unmut blass und bebend, während seine kleinen Augen unheimlich funkelten. "Das fehlte noch, dass auch mein Kind gegen mich rebellirte! – Geh' hinauf in Deine stube!"

Er führte sie bis an die Treppe; sie ging schweigend hinauf von Friedericken gefolgt.

Wie er hörte, dass Beide oben waren, lief er selbst nach, schloss sie leise ein, zog den Schlüssel ab und steckte ihn zu sich.

IX. Ein Plan

"Wird der Retter ihm erscheinen?

Bricht er dann das Joch entzwei?"

K. Beck.

Am Morgen nach dem Waldowschen fest kam Gustav Talheim nach Hohental, um Abschied zu nehmen. Am Abend wollte er abreisen.

Die Gräfin Mutter war unwohl von der Gesellschaft und nicht zu sprechen, der Graf war auf die Jagd gegangen, und so empfing Elisabet Talheim allein. Sie sah sehr blass aus und ihre Augen waren matt wie von einer durchwachten Nacht und von Tränen. Sie trat ihm freundlich entgegen und sprach ihre Freude darüber aus, dass er noch ein Mal komme, um Abschied zu nehmen. Aber auch bei ihrem Lächeln entging es ihm nicht, dass sie im Innersten schmerzlichst bewegt war.

Um ihm das eigne Weh im Herzen zu verbergen und es bei sich selbst nicht quälender aufkommen zu lassen, begann sie von Fremden zu sprechenund zwar von Paulinen.

"Seitdem ich weiss, was Liebe ist," begann sie mit einem unterdrückten Seufzer, "kann mich Paulinens Schicksal auf das Tiefste bekümmernwas auch ihr können!"

"Und fühlt sie das selbst schon, oder sprechen Sie nur aus der Erfahrung teilnehmender Freundschaft?"

"Ich habe sie plötzlich besser selbst verstehen lernen, als sie sich verstehtweil ich zum Bewusstsein der Liebe gekommen binsie ist's vielleicht noch nicht."

"So wissen Sie Allesund bestätigen die Ahnungen meines Bruders?"

"Jaich habe es erraten. – Und was wird ihr los sein?"

"Sich dem Herkommen zu fügenund die grauen Haare eines zärtlichen Vaters zu ehren."

"Eines Tyrannen, dem sie eben deshalb gehorcht, weil sie ihn weder achtet noch liebtund er ihr doch das Leben gegeben hat. Und was hat Pauline mit dem andern Tyrannenmit dem Herkommen zu tun? Sie lebt hier still und abgeschlossen von der Welt, sie hat keinen Umgang mit ihrdie Leute wissen nur, dass der reiche Felchner ein Töchterlein hatdas wieder einen Reichen freien muss! – Und so soll ihr Leben ein lächerliches Opfer sein, für gar Nichts gebracht, während, wenn sie ihrem Herzen folgte, sie Hunderte beglücken könnte?"

"Elisabetbevor die Erde kein Paradies ist, sind die Gefühle unsrer Herzen nicht immer zu verwirklichen. Prüfen Sie die Sache besser. Pauline gibt vielleicht einem Fabrikherrn, den sie achtet, die Hand und lässt es die Aufgabe ihres Lebens sein, indem sie ihn zur Milde und Menschenliebe stimmt, Einrichtungen zu verwirklichen, welche auch Tausende beglücken, oder wenigstens ihr los verbessern."

"Und Ihr Bruder?"

"Mein Bruder ist ein armer Arbeiterund für einen solchen ist es schon eine Genugtuung, wenn das Weib, das er vor Allen hochstellte, ihr Leben dem Wohl seiner Kameraden weiht."

"Sie sind Brüderich habe mich gefragt: Wenn