, das hat doch eine Seele und Leben – die Maschinen aber sind tot und lügen sich nur lebendig und sind doch schändlich genug, um morden zu können!"
Pauline ward von dem entsetzlichsten Geschrei aus sanftem, gaukelndem Morgentraume geweckt – sie wusste sich die Töne nicht zu erklären – auch im ganzen haus hörte sie ein ängstliches Hin- und Wiederlaufen, Türenöffnen und zuwerfen, lautes Rufen und leises Murmeln durch einander.
Sie sprang auf, öffnete die tür und rief nach Friedericke. Dann eilte sie an das nächste Fenster – draussen lag in schöner Morgendämmerung der Wald dampfend von silberweissen Nebeln, und erste blitzende Sonnenlichter flatterten feeenhaft aus blühenden Himmelsrosen hervor – denn so zierten den Himmel morgenrote Wolken wie ein Halbkranz glutvoller Rosen. Und drunten in den zitternden Tautropfen auf dem sammtnen Rasengrün spiegelte auch dies Rot sich wieder, wie ein farbiger Schleier. Es war ein schöner Anblick – aber Paulinen fasste ein eigenes Grausen dabei. Waren vielleicht ihre Augen vom Schlummer noch blöde? Dies Morgenrot sah ihr heute aus wie lauter Blut, und sogar im Rasentau, wo es so sanft und schön sich spiegelte, schienen ihr blutige Bäche darüber hinzufliessen. Das seltsame Stimmengewirr, wie sie es noch niemals gehört, hörte sie noch immer – die ganze Luft zitterte davon.
Jetzt trat Friedericke ein, bleich und verstört, nachlässig angezogen und mit herabfallenden Haaren. Sie konnte ihr Schluchzen nicht verbergen.
"Um Gottes Willen, was ist denn geschehen, Friedericke?" fragte Pauline.
"Ach, liebes fräulein – das Unglück! Die ganzen Arbeiter widersetzen sich – sie sind alle bewaffnet gekommen, und statt an die Arbeit zu gehen, sind sie jetzt Alle dabei, die Maschinen zu zerstören – dabei fluchen und schimpfen sie und singen gotteslästerliche Lieder, dass es ein Gräuel ist – ach, und das Allerärgste dabei bleibt doch – –"
"Nun was denn, was kann es noch Schlimmeres geben? Wo ist mein Vater – rede heraus und sage Alles!"
"Der Herr ist unten und wagt sich nicht heraus – aber was ich meine, das ist –: Wilhelm führt die ganze Bande an! Ach, das hätt' ich doch in meinem Leben nicht gedacht!"
"Und Franz?"
"Von dem weiss ich Nichts."
"Ich muss mit meinem Vater sprechen," sagte Pauline, zog schnell einen dunkeln Morgenüberrock über und steckte die halb aufgelösten, goldenen Hagre unter ein Häubchen hinauf; dann eilte sie die Treppe hinab und in das Comptoir.
Herr Felchner war ganz ausser Fassung – er hatte so zu sagen von dem ungeahnten plötzlichen Schrecken den Kopf ganz und gar verloren. Vor sich hinstaunend, die hände auf den rücken rannte er jetzt im Zimmer hin und her. Eine furchtbare Angst und Verzagteit hatte ihn ergriffen. Wie jetzt Pauline eintrat, so lief er auf sie zu und fasste sie bei beiden Händen:
"Du weisst es auch, Pauline? Die Schändlichen zerstören meine Maschinen, meine schönen neuen Maschinen! Erst vor wenigen Tagen kam die letzte aus England – und sie zerstören sie auf's Abscheulichste, sie werden gar nicht wieder herzustellen sein – Tausende sind vernichtet – ich bin ein geschlagener Mann!" –
"Ach, Vater, das ist wohl das Wenigste!"
"Das Wenigste! Kind, rede nicht so unverständig! Hast Du einen Begriff vom Gelde und wie mühsam man es erwerben muss, dass Du so sprechen kannst, als ob man Tausende wie Nichts zu verlieren hätte?"
"Ach, mein Vater, nur jetzt sprich nicht so, wo die Hunderte gegen uns wüten, die nie Etwas erwerben konnten und sich dennoch immer mühen müssen. – Aber was willst Du tun, damit das Unheil nicht noch schlimmer über uns kommt, damit die tobenden Leute wieder zur Besinnung kommen?"
"Die Soldaten werden sie zur Besinnung bringen!"
"Willst Du ein Mittel der Güte nicht eher als das des Zwanges versuchen?"
"Was wäre das für ein Mittel? – Meine Faktoren haben sie mit Steinwürfen zurückgejagt."
"Vater! Du hörtest nicht auf mich, als ich die Einflüsterungen des Geheimrats widerlegen wollte; dass Du jetzt meinen Worten folgtest!"
"Der Geheimrat hatte ganz Recht, wie Du siehst, dass diesem volk nicht zu trauen war."
"Weil Du ihm vorher nicht trautest, das Misstrauen hat sie verdorben – hättest Du sie zuletzt nicht härter behandelt, so hätten sie jetzt Nichts an uns zu rächen."
"Soll ich von einem kind und noch dazu von meinem kind in der Stunde des Unglücks auch noch Vorwürfe hören? Doch der Schreck hat Dich verwirrt – wie kämst Du sonst zu solcher Auffassung?"
"Vater, nur ein Mal folge meinem Rat. Diese Leute haben vor Dir immer nur Furcht gehabt, alle schlimme Behandlung, die sie von den Factoren erfahren haben, schreiben sie Dir zu. – Was soll daraus werden, wenn sie jetzt so fortwüten? Siehe, ich bin ihnen manchmal freundlich gewesen und habe ihnen geholfen in meiner Weise – mich lieben sie, mir tut keiner Etwas zu Leide. Komm, Vater, wir wollen zusammen hinausgehen, wir wollen es wagen – und dann will ich sie fragen: was wollt Ihr? Geht wieder heim in Eure Wohnungen und an Eure Arbeit, wir wollen Euch bessern Lohn dafür geben und Euere Kinder sollen Schule bekommen und nur vier Stunden des Tages arbeiten – aber wer von Euch nicht zu haus geht,