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Franz suchte sie zu überschreien: "Hört mich dennoch! wenn wir Recht haben wollen, dürfen wir nicht mit einem Unrecht anfangen! – Wir wollen Einige hingehen und sagen, dass wir nicht länger arbeiten könnten, weil solche Teuerung geworden sei, wenn –"

Aber die Andern übertäubten ihn. "So haben die Eisenbahnarbeiter angefangen und sind dafür bestraft worden und schlecht genug weggekommen; wir müssen es gleich besser anfangen, nicht betteln, sondern zugreifen."

Franz hatte sich aus dem Gedränge zurückgezogen, er war tief bekümmert, denn er sah ein, dass Keiner auf seine Warnungen mehr hören werde. So ging er schnell und traurig von dannen."

Wie Andere dies bemerkten und ihn allein auf die Fabrik zugehen sahen, riefen sie: "Eilt ihm nach, damit er uns nicht verrät!"

"Das tut er nicht," sagten Andere, "er hat nun einmal immer seinen Kopf für sich."

So folgten ihm zwei Arbeiter, gleichsam um ihn zu bewachen.

Als sie so eine Weile gegangen waren, wurden sie die Vier von vorhin gewahr: den Polizeidiener, den Gensdarm und die zwei Männer.

Diese traten auf Franz zu, griffen ihn und sagten roh: "Du kommst mit!"

"Wohin? Und was wollt Ihr?" fragte Franz und trat zurück.

"Dich verhaften und einstecken!"

"Das ist nicht möglich, ich habe Nichts verbrochen, Ihr täuscht Euch!"

"Nein, denn Du bist Franz Talheim, und hier gilt weiter kein Federlesen."

Der eine der Arbeiter, welche Franz begleitet hatten, stiess einen gellenden Pfiff aus und lief den Weg zurück, auf dem sie hergekommen; der Andere holte weit mit dem grossen Knittel aus, den er in der Hand trug, und schlug damit den Einen, welcher Franz binden wollte, dass er hinfiel.

"Bindet ihn auch!" rief der Gensdarm.

Franz hatte sich geduldig den Strick umlegen lassen der Andere wehrte sich tüchtig mit seinem Stock.

Da scholl hundertstimmiges Geheul durch die Luftdie ganzen Arbeiter kamen mit Stöcken, Knütteln und Steinen bewaffnet dahergezogen und überfielen jene Vier, die sich dessen nicht im Geringsten versehen hatten.

Franz stand ruhig da und regte sich nichtaber eine grosse Träne trat in sein frei aufblickendes Auge. Diese Vier waren gekommen, ihn wie einen Missetäter zu verhaften, weil sie ihn anklagten gegen Ordnung und Gesetz, gegen das Bestehende aufgewiegelt zu habenund jene wilden Rotten hatten ihm noch vorhin gezürnt und ihn einen Verräter genannt, weil er zur Ruhe geredet hatteaber es waren seine Kameraden, welche jetzt kamen, ihn zu befreien und nicht duldeten, dass Andere ihm Unrecht taten, wie sie ihm nur eben erst selbst getan.

Das war seine Genugtuung.

Er hatte sich von beiden Partieien verketzert gesehen, eben weil er nur das Recht wollte und auf den beiden Seiten seiner Angreifer das Unrecht warso sprach ihn sein Gewissen frei und unschuldig! Und so stand er gross da, der Mann, den die Gesellschaft von sich ausstiess, dem sie ein paar Lumpen zuwarf und Brod, dass er nicht verhungertedas war ihre ganze Gabe für ihn! Und unter den Tausenden, welche schimmernd sich kleideten und in Prunkgemächern wohnten, schlug kaum ein Herz so gross wie dieses, an das sie niemals glaubten.

August trat schnell vor und zerhieb mit seinem Beil die Stricke, welche um Franz geknüpft waren und dabei rief er:

"Seht, der liess sich für uns geduldig binden von unsern Feinden, den Ihr einen Verräter nanntet, hier bittet es ihm Alle ab!"

Andere Stimmen riefen: "Nun, Franz, siehst Du wohl, wie gut die es mit Dir meinen, für die Du bei uns sprechen wolltest! Nun, siehst Du wohl, wie weit die armen Leute kommen, wenn sie von den Leuten des Gesezzes ihr Recht erwarten! Nun hast Du eine gute Lehre empfangen, und wirst es nun doch mit uns halten! Wozu Dich unser Zureden nicht brachte, dahin bringt Dich nun die Strenge des Gesetzes! Was willst Du nun tun?"

"Am Liebsten an die Arbeit gehen wie alle Tageund dass Ihr friedlich mit mir kämet!" sagte Franz.

Wildes Gelächter antwortete darauf.

Während dem hatten Einige die beiden Männer mit denselben Stricken gebunden, welche für Franz bestimmt gewesen waren, während Andere sich noch mit dem Polizeidiener und Gensdarme herumprügelten.

Unter Wilhelms Anführung zog ein ganzer Haufe gegen das Fabrikgebäude, in welchem sie meist zu arbeiten pflegten. Schreiende Weiber und Kinder schlossen sich jubelnd dem zug anverwundert standen hier die Aufseher, dass noch Niemand bei der Arbeit erschienen war; der unerhörte Fall konnte nichts Gutes bedeuten; aber als jetzt die tobende Rotte herbeikam, so löste sich die Verwunderung jener bald in das grösste Entsetzen. Einige fielen über sie her, misshandelten sie und drangen dann in das Innere des Hauses. Unter Spotten, Fluchen und lachen wurden hier die Maschinen mit Aexten, Stangen und Stämmen zerstört, und was etwa von den einzelnen, zertrümmerten Stücken an Eisenwerk brauchbar schien, damit bewaffnete man sich für spätere Zerstörungen. Am Aergsten trieb es hier die lange Lise:

"Für jedes Kind eine Maschine!" rief sie. "Da langen die Maschinen nicht zu, jede hat mehr als einen Kindermord auf dem Gewissenunsre Vergeltung ist noch immer viel zu gnädig! Ein Kind ist mehr wert als eine Maschine