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Sie erkannte Jaromir's stimme und sank in seine arme. Dann bewillkommnete er Eduin:

"Endlich!" rief dieser. "Wie oft hab' ich mich, seit ich in den Alpen Dein Bild fand, nach dieser Stunde gesehnt, nun hattest Du sie immer weiter hinausgeschoben und doch hatte ich gerade Dich jetzt Viel zu fragen, Du solltest mir erzählen von der herrlichen Frau, an die ich Dein Bild wieder zurückgab, ich muss sie wiedersehen, weisst Du, wo ich sie finden kann?"

Jaromir sah ihn verwundert an, denn er konnte ihn nicht verstehen.

Aber aus Eduin sprach der Rausch, der sich jetzt nur noch vermehrt hatte, als er aufgestanden und in das Dunkel getreten war, aus dem doch jetzt die unruhigen Gebilde des Feuerwerks vor ihm aufzitterten, er rief laut: "Du liebst ja nur Elisabetgieb mir Bella, – aber sie liebt Dich auchund Du konntest sie vergessen! – Wie kann man jemals einer Bella untreu werden?"

Jaromir schwieg.

"Sie ist in der ResidenzJaromir! – Du bist bei ihr gewesen!" rief Eduin immer heftiger.

Elisabet trat zurück und lehnte bleich und halb bewusstlos an einem Baume.

Wenn Du Deinen Rausch ausgeschlafen hast, Knabe," sagte jetzt Jaromir stolz, "will ich Dich um Erklärung Deiner jetzigen Rede bitten."

In diesem Augenblick trat der Rittmeister zu dem neuangekommenen Gast. Er entschuldigte seine Verspätung mit der Wegsunkenntniss seines Kutschers. – Die Gesellschaft vereinigte sich wieder, dann fuhr der Graf Hohental mit Gemahlin und Tochter ab, ohne dass diese noch ein vertrautes Wort mit Jaromir hatte wechseln können.

VIII. Der Aufstand

"So mag denn über Dich, Du Brut,

Du stolze Brut, das Aergste kommen!"

A. Meissner.

Polizeirat Schuhmacher war triumphirend zurückgekehrt. Er hatte mit Erfolg seinen Unterricht erteilt in der von ihm gerühmten Kunst, da hinein zu verhören, wo Nichts heraus zu verhören war; und so hatte er denn glücklich erfahren, dass einer der gefänglich eingezogenen Eisenbahnarbeiter früher ein guter Freund von Franz Talheim gewesen war und einen Brief von diesem an ihn ausgeliefert erhalten, in welchem Frau; geschrieben hatte: dass die Fabrikarbeiter noch weniger verdienten, als die Arbeiter bei den Eisenbahnen.

Diese Worte genügten, um die weitläufigsten Folgerungen und Combinationen daran zu knüpfen und die lange Reihe von Anklagen, welche man schon gegen Franz in Bereitschaft hatte, zu vervollständigen.

Der Polizeirat brachte einen Polizeidiener und einen Verhaftsbefehl mit.

Es schien ihm aber geratener, den Befehl gleich in in aller Frühe, wenn Franz noch zu haus, Alles noch still und dämmerig sei, als am hellen Tage, und viel

Daher gingen der Polizeidiener, der Gensdarm des Ortes und noch zwei zuverlässige Männer in aller Frühe, da es noch dunkel war, nach Talheims wohnung.

Aber so früh und dunkel es auch noch war, schon trieben sich viele Frauen und Kinder vor den Türen herum und machten seltsame neugierige Gesichter.

Wie die vier Männer an ihnen vorüberkamen, stiessen ein paar beisammenstehende Frauen sich leise an und sagten:

"Was wollen denn die?"

"Sie werden es doch nicht schon gehört haben mit ihren Maulwurfsohren?"

"Mit denen nehmen wir's auch noch auf, lasst sie nur kommen!"

"Sie machen grimmige Gesichter –"

"So wollen wir ihnen bald noch bessere schneiden."

So murmelten die Frauen unter einander hin und her

Jetzt kam Franz mit gesenktem haupt langsam des Weges herzwei andere Männer folgten ihm. –

Heute war nämlich der Morgen, an welchem Bertold's Weib sammt Kind begraben wurde. Alle Arbeiter waren leise aufgestanden und mit hingezogen auf den fernen Kirchhof. Auch Franz war mitgegangendieser neue Jammer hatte ihm in tiefster Seele weh getanihm selbst war wie einem Menschen zu Mute, der aus hundert Wunden blutet und darüber nicht mehr fühlt, welche ihn am Meisten schmerzt. Aber er wusste noch nicht, was die Arbeiter sannen, warum sie gerade heute Alle einer Leiche folgten, da doch oft eine solche einsam hinausgetragen ward. Denn die Kameraden misstrauten ihm jetzt und hielten deshalb ihre Absichten vor ihm geheim. Auch wussten eigentlich nur Wenige von einem bestimmten Vorsatz und Plan, die Meisten taten aus einem blinden Instinkt wie die Andern.

Draussen am grab hielt Wilhelm eine Rede: "Das ist das los unsrer Weiber und Kinder," sagte er. "Uns macht man zu elenden Sklaven, unsre Weiber und Kinder mordet man! – Ich brauche Euch nicht erst an unser ganzes erbärmliches Dasein zu erinnernIhr habt es ja täglich vor Augen! Und Ihr habt es auch täglich vor Augen, wie, während man so mit uns verfährt, unsere Peiniger von unsrem Schweiss und Blut Paläste aufbauen und mit dem schwelgen, wovon uns ein gutes teil gehörteilen wir uns dieses teil zu nehmen!"

Wildes Beifallsgeschrei folgte darauf.

Ein Anderer sagte: "Und Ihr wisst auch, wie die verfluchten Maschinen daran Schuld sind, dass wir jetzt schlechtern Verdienst habensie machen unsere hände entbehrlichnun, so wollen wir auch hier das Ding umkehren und die Maschinen vernichtensie sind unsre schlimmsten Feinde!"

"Weg mit den Maschinen, wir wollen sie alle zerstören!" schrie die Menge.

"Brüder, Kameraden, das wird nicht gut, hört mich," begann Franz.

"Lasst ihn nicht zu Worte kommen!" riefen viele Stimmen