1846_Otto_146_125.txt

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"Nun ja, ein guter Junge war er," rief Wilhelm, "das hab' ich wohl am Besten gewusstden letzten heller hat er oft hergegeben, wenn er damit helfen konnteaber jetzt ist er eigensinnig verstockt geworden und will mit offnen Augen nicht sehenmir hat er neulich geradezu erklärt: nun sei er mein Gegner."

"Das ist ehrlich und daran erkennt man den FranzAnton würde das im Leben nicht sagen. Am Ende bleibt doch Franz besser als wir Alle, wenn er gleich jetzt mit uns nicht fort willseine Tugend lehrt ihn die Not ertragenwir haben keine Tugend, darum müssen wir es freilich umkehren und aus der Not eine Tugend machen. Franz mag uns widersprechen, verraten wird er uns nie! Anton wiederspricht nicht und wird uns verraten! Seht, ich weiss gewiss, dass er in Hohenheim ein Mal bei demselben Schuft gewesen ist, der den Fabrikherrn wider uns aufgehetzt hat, denn nach dem Tage, wo so ein alter Schwarzfrack in der Fabrik gewesen, kam das Verbot unsers Vereins, wisst Ihr?" erzählte August.

"Es ist wahr, wir wollen uns vor Anton in Acht nehmen! Franz hat mir ein Mal erzählt, wie es auch in andern Verhältnissen, unter den Bürgern zum Beispiel, solche Leute gebe, die am Schlimmsten auf Vorgesetzte schimpften und dagegen lärmten, nur damit man ihnen beistimme und sie Einen hernach anzeigen könnten! Vorsicht ist nötig," mahnte ein anderer Arbeiter.

Eben trat ein ältrer Arbeiter mit verstörtem gesicht herein. "Gebt mir einen Schnaps, dass man sich den Jammer vertrinken kannweiter gibt's ja doch keinen Trost auf der Welt für unser Einen!"

"Was hast Du denn, Bertold? Du siehst ja ganz grimmig aus und wie zerschmettert obendrein!" bestürmten ihn Einige fragend.

"Bin's auchbin auch grimmig und zerschmettert, da habt Ihr ganz Recht!"

"Nun und was hast Du denn?"

"Was? Da habt Ihr gut fragenmein Weib ist eine Leiche!"

"So schnell?"

"Hatte sie nicht Aussicht auf Mutterschaft?"

"Ich habe sie doch noch heute früh gesehen? so fragte man ihn wieder.

"Das war's," sagte Bertold und schrie in schmerzlicher Wut: "Sie hatte heute noch eine Arbeit in der Fabrik, wobei sie Schweres heben musste, sie hat gesagt, das könne sie nichtaber ein Aufseher meint, es sei Ziererei und sie musssie hat aber Recht gehabtbis zum Feierabend schleppt sie sich noch so hinwie sie zu haus kommt, legt sie sichund da ist sie nicht wieder aufgestandendas Kind ist tot, weil's zu früh kam und es hat auch ein grässliches Ende gehabt –" er stürzte den Branntwein hinter und trank seine bittern Tränen mit hinab, die in das Glas fielen.

"Das ist Jammer!"

"Es ist schändlich!"

"Das ist doppelter Mord."

"Ein abscheuliches Verbrechen!"

"Das müsst Ihr auf Mord klagen!" so hallten die Antworten der Arbeiter durch einander.

"Donner und Teufel! Davon werden Weib und Kind nicht wieder lebendig. Und denkt Ihr, dass die Unmenschen, die sie in den Tod brachtenEtwas auf ihren Tod geben werden? Es ist weniger Bettelvolk auf der Welt, so sprechen sieihr habt nun weniger zu sorgenes ist eine Wohltat!" rief Bertold.

"Ja!" sagte Wilhelm, der jetzt hervortrat, "die einmal tot sind, die stehen nicht wieder auf! Aber wir, wir leben noch und das wollen wir ein Mal unsern Peinigern beweisen. Sie sollen vor der Lebenskraft erschrecken, die noch in unsern ausgehungerten Körpern wohnt! – Vertold, wir wollen alle mit Deiner Frau zu grab gehenund dann, wenn wir armes Volk einer armen toten die letzte Ehre angetan habendann wollen wir hingehen und ein Mal ein deutliches Wort mit den reichen Lebenden reden!"

Ein allgemeines Geschrei und Gelärm erhob sich, man stimmte Wilhelm jauchzend bei und wechselte damit ab, ihm Recht zu geben, den Fabrikherrn, ihre ganzen Bedrücker, alle Reichen zu verfluchen, Bertold zu beklagen und mit Zerstörung aller Maschinen und der ganzen Fabrik zu drohen. Wilhelm und August mahnten zur Ruhe, warnten davor, den Plan laut werden zu lassen, und die Meisten folgten diesen Mahnungen.

Während sich hier Entsetzliches vorbereitet, gab der Rittmeister von Waldow auf seinem Gut in nächster Nähe ein grosses fest.

Es galt, die Rückkunft seines Sohnes Karl zu feiern, während Talheim und Eduin noch anwesend waren.

Die sämmtliche Gesellschaft des Kurortes war geladen und die Familie Hohental.

Ein paar Tage waren seit Jaromirs und Elisabets Verlobung vergangen und diese eben jetzt durch Karten und Zeitungen die grosse Neuigkeit des Tages geworden.

Jaromir hatte gleich am Tage nach derselben wegen eines dringenden literarischen Geschäftes in die Residenz reisen müssen, und ward erst am Tage des Waldow'schen Festes wieder zurück erwartet. So hatte er Elisabet noch nicht wieder gesehen und so auch sein Wort nicht halten können, ihr sein Leben zu erzählen. – Als an jenem Morgen Aarens bei dem Grafen Hohental gewesen, hatte der unglückliche Bewerber, der so plötzlich aus seinem Himmel, den er eben mit sichern Schritten hatte betreten wollen, herabgeworfen worden war, sich nicht gleich in seine