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Platz, wo sie Aurelien finden werde: "bei dem neuem Braupaar."

Amalie erreichte die Stelle, von wo aus sie plötzlich Elisabet Hand in Hand mit Jaromir und neben Talheim sahneben ihrem Gatten, den sie niemals hatte wiedersehen wollen.

Beides war zu Viel für die Reizbarkeit einer Frau wie Amalieund so stiess sie den Schrei der Ueberraschung aus, welcher Jene erschreckte, und verfiel in Krämpfe, von denen sie bei allen heftigen Gemütserschütterungen erfasst ward.

Talheim, gleichfalls auf's Tiefste von diesem Wiedersehen erschüttert, kniete neben ihr nieder und hielt sie halb in seinen Armen. Aurelie und Pauline waren scheu und verlegen zur Seite getreten.

So waren einige Minuten vergangenda raffte sich Amalie plötzlich auf, riss sich von dem Gatten los und eilte zwischen die Bäume hinein auf die Stelle, wo Elisabet und Jaromir standen.

"Junge Gräfin!" sagte sie hastig in seltsam schneidendem Tone, "ich wünsche Ihnen Glück dazu, dass sie jetzt meine Stelle einnehmenJaromir war vor Ihnen meiner war der Grund, dass ich mich von meinem Gatten trennteund dass ich Sie jetzt wie einst mich selbst in meiner Jugend zwischen diesen Beiden Männern sah, die an meinem Elend Schuld sindnahm mir die Fassung."

Grosse und unschuldige Frauenseelen haben, besonders wenn die erste Allmacht der Liebe sie plötzlich mit ungeahnten Offenbarungen geweiht hat, oft einen Seherblick, der das verwandte Edle, das sich ihm naht, auch ohne äusseres Zeichen erkennt und das Niedrige, Unreine, das sich in seinen Kreis drängt, eben so schnell, auch wenn es eine andere Maske borgen will, herausfindet und zurückweistso zog auch jetzt Elisabet mehr ahnend als verstehend Jaromirs Hand an ihr Herz und sagte im allmächtigen Vertrauen der Liebe:

"Ich will Alles gut machen, was verbrochen ward."

Amalie konnte es nicht ertragen, länger dieser hohen Jungfrau gegenüber zu stehenum so mehr als sie fühlte, dass sie es schon durchschaute, wie ja sie, Amalie, selbst es war, welche an Jaromir ein Unrecht begangen, nicht er an ihrauch kam sie jetzt erst eigentlich zur Besinnung, wie sehr sie Ort und Personen vergessen und wo und zu wem sie sprach. Als nun Talheim ihr den Arm bot, um sie hinweg zu führen, so folgte sie erst willigdann aber machte sie sich plötzlich los und sagte:

"Jetzt ist eine Erklärung zwischen uns nicht möglich, es bedarf auch weiter keinerwir wollten uns nicht wiedersehendenke, es sei so gewesen. Willst Du mir einen Dienst erweisen, so entschuldige mich bei fräulein Aurelie."

Und damit eilte sie schnell fort. Er konnte ihr nicht folgen, wenn er nicht das Auge der Spaziergänger auf sich und sie lenken wollte, welche auf der Strasse vorüber gingen, die sie bereits erreicht hatten.

VII. Zwei Gesellschaften

"Und still versammeln sich die Streitgenossen."

Fr. Steinmann.

In der Schenke der Fabrikarbeiter ging es ziemlich lärmend her. Der Wirt hatte die zweite stube zugemacht, weil sich nun Niemand mehr absondern durfte. Im grund war's dem Wirt so Recht. Die jungen Arbeiter hatten sonst nur Bier getrunken und keiner mehr als ein Glas. Dabei konnten sie wenig betrogen werden und der Verdienst dabei war ein geringer. Nun drängte sich Alles in der grossen stube zusammen. Nach dem Kruge Vier trank nun wohl fast Jeder noch einen Schnapsdie Hitze der und Dunst in der stube vermehrten den Durst und da folgte dem ersten Schnaps wohl noch ein zweiter und dritter. Das war bessrer Verdienst für den Wirt. Auch löste er wieder mehr an Kartengelddenn wer einmal dem Spiel zusah, bekam bald Lust, auch einmal die Karte zur Hand zu nehmen und sein Heil zu versuchen. Und hatte nun einmal die Hand nach den Karten gegriffen, so gab sie die neue Bekanntschaft sobald nicht wieder auf. Wer verlor, spielte fort, um endlich das Verlorene zurückzugewinnen, und wer gewann, spielte fort, weil es doch eine schöne Sache war, so sein Geld zu mehren. Dabei trank man sich noch Mut und desto mehr, je länger man blieb. So mehrten sich wieder die Zänkereien und Schlägereien unter den Fabrikarbeiterndies schien den Herrn Fabrikbesitzern und Factoren gleichgültig zu seinvielleicht hatten sie auch noch den beliebten jesuitischen Grundsatz: divide et impera.

Wilhelm lehnte mit August und ein paar Andern in einer Ecke.

August warnte wieder: "Ich bitte Euch nur vor allen Dingen, seid gegen Anton auf Eurer Hut! – Was hat er denn ewig, wenn's Dunkel wird, nach Hohenheim zu schleichen, wenn dahinter nicht eine Schufterei steckt?

"Ach was, er wird dort einen Schatz haben –" versetzte einer der Arbeiter.

"Das braucht er nicht vor uns geheim zu halteneinen Schatz hat Jeder –" sagte ein Anderer.

Wilhelm meinte ruhig: "Er denkt aber gerade wie wir, dass er den Franz nicht mehr leiden kann, und sagt, wir sollten uns vor dem in Acht nehmennun wer weiss, ob er darin Unrecht hat."

"Denkt wie wir," eiferte August, "ei ja doch, spricht wie wir! Woher weisst Du denn seine Gedanken? Ein gutes Maul hat er immer gehabt. Und wenn er nun vollends den Franz verlästern will, da soll er mir nur kommen! Als ob es einen bravern Burschen gebe