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alle Welt wüsste, dass er Bella's erklärter Liebhaber war."

"Jaromir?"

"Das hättest Du wirklich nicht gewusst? Nun dann freilich hätt' ich's nicht ausschwatzen sollen."

Die beiden Männer hatten sich schnell verständigt und kehrten jetzt wieder zu den beiden Damen zurück, auch Pauline kam mit hinzu. Elisabet war, von Aureliens Worten betroffen, erst ein Weilchen still und in sich gekehrt, – aber Jaromir, der gern seine vorige Aufwallung wieder vergessen machen wollte, war liebenswürdiger, lebendiger denn je, und so ward auch sie wieder von ihm hingerissen und dachte nicht mehr an das Wort, das sie vorhin bestürzt gemacht hatte.

Man nahm einen Platz im Freien ein. Eine halbrunde Bank von Eisenguss zierlich ineinander gefügt in einen Halbkreis, im Hintergrund mit Weingelände umgeben, das aber vorn für eine weite lachende Aussicht sich öffnete, war dazu ausgewählt.

Elisabet sass zwischen Talheim und Jaromir, der dicht zu ihr gerückt war und ihre Hand in der seinigen hielt. Aurelie sass auf der andern Seite Talheims und neben ihr Pauline.

Bald waren Alle in einem heiter ernsten Gespräch vereinigt und auf all' diesen Gesichtern malte sich eine angenehme Befriedigung der Stunde, eine harmonische Stimmung zu einander und zu der schönen friedlichen Umgebung, zu der ganzen schönen natur.

Welch' eine fürchterliche Unterbrechung war auf einmal der gellende Schrei, welcher sich aus nächster Nähe hören liess.

Alle schraken zusammenam Meisten Talheimihm war diese stimme bekanntund dennoch schien es ihm unmöglich, dass er sie jetzt hier hören könne.

Nur einige Schritte hatte man zu geheneine weibliche Gestalt, deren auf den Boden gedrücktes Gesicht man vor einem seidnen Hut nicht sehen konnte, lag auf dem Wege und warf sich wie in Krämpfen hin und her.

Aurelie hatte sie zuerst erkannt und war hingeeilt und um sie beschäftigt, ohne ihren Namen zu nennen

Talheim rief unwillkürlich: "Amalie!" und nahm sie in seine arme.

Jaromir trat betroffen in einige Entfernung hinter die Bäume zurück. Elisabet stand bei ihm.

"Dies unerwartete Wiedersehen getrennter Gatten muss fürchterlich sein!" sagte sie.

"Fürchterlich!" wiederholte er dumpf und sah vor sich nieder, dann fasste er plötzlich Elisabets Hand, sah sie mit unaussprechlichem, flehendem Ausdruck der Liebe an und sagte feierlich:

"Elisabetdas ist ein Stück aus meinem Lebenich habe Dir bis jetzt nur von meiner Gegenwart, von unsrer Zukunft gesprochenaber nun will ich Dir all mein Leben erzählenwie mein Herz in seinen ersten heiligen Regungen betrogen und zertreten wardwie es dann vergebens suchte und niemals das Rechte fandbis mein Herz endlich bei all' diesem vergeblichen Ringen sich selbst Hohn sprach, sich selbst verlachen und verspotten konnteund als es aufgehört hatte zu suchen, fand es, woran es nie mehr geglaubtsolches mit Dir Elisabet! Aber Dein Herz ist ein heiliger Altar und Du bringst mir seine heilige Erstlingsflamme als Opfer dargross und heilig stehst Du in Deiner lichten Unschuld davor als geweihte Priesterin und weisst nicht, dass Du es bistund vielleicht weisst Du nicht, dass es mit der Liebe auch anders kommen kann in einem Menschen. – Wirst Du mich verstossen, wenn ich Dir sage, wie Viel mein Herz schon erfahren?"

Sie unschlang ihn innig, wie zum Zeichen, dass sie ihn nimmer lassen könneaber sie antwortete nicht.

"Elisabet!" seufzte er schmerzlich. "Nicht wahrnun glaubst Du meiner Liebe nicht?"

Sie machte sich sanft von ihm los, um ihm desto inniger in die Augen zu sehenda fielen ihre Augen auf zwei blühende Sträuche Monatsrosender eine war buschig und hatte einen starken Stamm, der andere war klein und schlank, aber sie blühten Beide. Elisabet brach von jedem eine Rese und gab sie Jaromir.

Er sah sie fragend an.

"Siehder eine dieser Sträuche hat schon manchen Sommer geblüht, der andere hat jetzt seine Rosen gebrachtich sehe keinen Unterschied an den Blumen!"

Im seligsten Entzücken drückte er sie in seine arme, an sein Herz.

An der ganzen Scene und an der welche in der nächsten Nähe des Paares spielte, war Nichts Schuld, als ein verlegter Schlüssel.

Die Oberstin Treffurt litt, vielleicht auch weil ihre Nerven immer angegriffen waren, sehr an Zerstreuteit, in dieser verlegte sie oft die nötigsten Dinge an die unpassendsten Plätze, ohne es selbst zu wissen, und konnte dann, wenn sie einen solchen Gegenstand vermisste, wieder Stunden lang in ungeduldiger Hast danach suchen, durch welche sie am Allerwenigsten zum Ziele kam. So hatte sie auch heute einen Schlüssel verlegt, den sie notwendig haben musste, und da er durchaus nicht zu finden war, kam sie auf die Vermutung, dass er von Aurelien mitgenommen worden sei, wie denn die Oberstin überhaupt nie ihre Zerstreuteit eingestand, sondern deren Folgen immer auf Rechnung Anderer brachte. Der Kutscher war schon weggeschickt, das Dienstmädchen musste im Garten und hof suchen, und so ward denn Amalie gebeten, auf das Schloss zu gehen und Aurelien nach dem Schlüssel zu fragen.

Amalie wusste, dass Jaromir in Hohenheim war, und an demselben Morgen hatte sie ihn vom Fenster aus gesehen, sein verhältnis zu Elisabet kannte sie aber nicht. Auch die Ankunft ihres Gatten war ihr noch fremd.

Als sie jetzt in das Schloss kam und nach Aurelien fragte, zeigte ihr ein Kammermädchen den