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wollen einander nicht erweichen," sagte sie, "ich glaube, ich werde noch viel Kraft brauchen! – Drunten läutet eben die Mittagsglocke. – Wollen Sie vielleicht mit Franz sprechen? unterdessen mach' ich mich zur Fahrt zurecht und bestelle den Wagen."

Er stand auf, stimmte bei und ging.

Unten traf er bald auf Franz, der mit gesenktem Haupt daher kam. Er schüttelte ihm die Hand und sagte, dass er von Paulinen komme.

Franzens Augen leuchteten: "Begreifst Du nun, wie Alles kommen musste?" fragte er traurig.

Andere Arbeiter gingen vorüber, machten böse Gesichter und murmelten mit einander:

"Habt Ihr gesehenwas er für einen Bruder hat, sieht aus, wie was Rechtes."

"Der bringt ihm vielleicht noch den Verstand zu Recht, das ist so Einer, die's mit dem volk halten, wenn's der Franz auch nicht zugeben willich weiss es besser! Er kommt aus der Schweiz, wo die armen Leute viel aufgeklärter sind als hier und besser zusammenhaltenund wo auch Leute, die fein angezogen gehen wie er, mit denen zusammenkommen, die in schlechten Blousen und geflickten Lumpen gehen wie wir!" sagte Anton.

"Was Du nicht immer wissen willst!" meinte ein Anderer.

"Wisst Ihr's, zischelte ein Dritter, "der Alte ist heute verreist, und wenn die Kasse nicht zu haus istnun da wisst Ihr schon."

"Bleibt er über Nacht weg?"

"Neindas nicht."

"Nun, da ist auch Nichtsdie Mäuse können nur die Nacht tanzen und pfeifendie Nacht muss es losgehen!"

"Ja, die Nacht! Und mag der alte Kater selber das Zusehen umsonst haben!"

"Pst, Brüder, pst!" ermahnte Wilhelm. "Wenn Jemand Euch hörtund wenn Ihr auch murmeltjetzt, hat jedes Steinchen im Wege ein Ohr."

Die Burschen gingen ruhiger vorüber.

Jetzt fuhr der Wagen vor und Pauline stieg einder ältere Talheim kehrte um und setzte sich zu ihr. Franz blieb am Wege stehen, bis der Wagen vorbeifuhr. Seit jenem Abend, wo sie von ihrem Gefühl überwältigt an seine Brust gesunken war, hatte er noch weniger als vorher gewagt, sich ihr wieder zu nähernaber jetzt in dieser Entfernung, in diesem Moment konnte er es schon wagen, ihr einen blick zuzuwerfen, in dem seine ganze Seele lag und sie erwiderte ihn mit einem gleichen.

Dann besprachen die Beiden noch Manches, das sie einander nur immer werter machte und näher brachte. So kamen sie gerade kurze Zeit nach Aarens im Schloss an. Man sagte ihnen, dass der Graf und die Gräfin im Augenblick nicht zu sprechen wären, die Comtesse aber sei in der Rotunde. Dortin eilte Pauline mit dem Lehrer.

V. Ein blick hinter die Coulissen

"Ich will Euch sagen was in's Ohr:

Die Hungersnot ist vor dem Tor,

Die Leute klagen nicht, sie jodeln und scherzen,

Und das ist schlimm! Ich kenne die Menschenherzen.

Wollt ihr, dass noch zu dieser Not

Ein Glaubenskrieg mit überreizten Nerven

In stille Hütten mag den Pechkranz werfen?"

K. Beck.

Schreiben des Pater Xaver an den Pater Valentinus.

"Gesegnet sei der heilige Loyola! Er lässt die Seinen niemals sinken und die Seinen niemals ihn.

Verleugnen müssen wir ihn zuweilenaber dafür straft er uns nichtdas vergilt er uns tausendfach.

Du in Deiner glücklichen Einsamkeit, welche Dir gestattet, in friedlicher Stille den Pflichten unsers heiligen Ordens zu leben, Deinen frommen Wandel mit einen freudigen Gehorsam fortzusetzen, der keine Selbstverleugnung von Dir fordert, da Alles, was er Dir auferlegt, als natürlich von Dir übernommen werden kannwirst Dir kaum einen Begriff machen können von all den künstlichen Mitteln und mühevollen Combinationen, zu welchen unser Orden oft greifen muss, um sich seine Welterrschaft nicht entreissen zu lassen. Du in einem glücklichen, gesegneten land lebend, das wir als unsere Heimat betrachten dürfen und in dem Alles still, gläubig, fromm und friedlich zugeht, wirst Dir auch davon keinen Begriff machen können, wie unser Leben in einem land ist, in dem das verderbliche Licht der Aufklärung täglich grössere Fortschritte macht, in einem land, in dem der grössere teil der Einwohner aus Ketzern besteht!

Hier war der Spruch unsers Heiligen schon eingetroffen: sie hatten uns verjagt wie Wölfe, aber wir hatten uns verjüngt wie Adler.

Schon wagten wir es wieder die Länder siegesbewusst in unsere Klauen zu fassen, schattend unsere weitreichenden Flügel über die Völker auszubreiten, dass es Nacht ward bei ihnenschon dachten wir, es sei die Zeit gekommen, dass wir zugreifen könnten, uns unserer Beute zu versichern, sie zu zerfleischen, ihr das Herz zu entreissen, das doch ein Mal unwillig und aufrührerisch gegen uns schlagen könnte.

Aber wir hatten uns getäuscht, schrecklich getäuscht!

Wir erlebten nur einen kurzen Triumpf und dann eine um so schmerzlichere Niederlage.

Die Franzosen hatten ein entsetzliches Buch gegen uns geschriebendas in das verführerische Gewand eines Romans gekleidet, berechnet war, unsern heiligen Namen auf's Neue vor aller Welt zu brandmarken. Das war schon entsetzlich! Und auf den Namen Eugen Sue ward der tausendstimmige, einhellige Fluch unsrer ganzen Brüderschaft für alle zeiten geworfen! – Ach, ein Fluch, der leider ohnmächtig abgeprallt ist, denn er