gar nicht verkehren könne – denn der Rittmeister konnte es niemals vergessen, dass sein schöner Wald mit all' seinen stolz und aristokratisch hochgewachsenen Bäumen ein Eigentum des Fabrikanten geworden war, der mit diesen Bäumen nun seine Fabrik heizte. – Zwar hatte der Rittmeister Paulinen, die ihm einst für seinen Sohn eine so wünschenswerte als nun unerreichbare Partie gewesen – als eine überspannte Närrin geschildert, welche mit den untergeordnetsten Arbeitern auf eine seltsame Weise verkehre – aber Talheim liess sich nicht in seinem Entschluss irre machen und seufzte nur innerlich, dass auch hier in dieser Abgeschiedenheit gerade das Edelste und Weiblichste einer zarten weiblichen natur so falsch beurteilt werden konnte.
Als Talheim in die Fabrik kam und nach Herrn Felchner fragte, sagte man ihm, dass er in die Stadt gefahren sei und vor Abend nicht zurückkäme.
Er fragte nach dem fräulein.
"Ich will sie suchen," antwortete die Magd, "warten Sie – unten wird gescheuert, weil der Herr nicht da ist – kommen Sie mit herauf."
Talheim folgte der vorauseilenden Magd und sie schob ihn in eines jener Prachtgemächer des oberen Stokkes, welche gar nicht benutzt wurden und in denen daher eine schwüle, dumpfe Luft herrschte.
Die Ueberladung, der Luxus dieses Gemaches, dessen Einrichtung in einer geschmacklosen Ueberhäufung prachtvoller Meubles und kostbarer Kleinigkeiten bestand, machte einen höchst widrigen Eindruck auf Talheim und versetzte ihn in eine peinliche Stimmung.
Pauline liess lange auf sich warten.
Endlich trat sie ein – die Magd hatte ihr nur gesagt, ein Herr warte auf sie – wie gross war ihr Erstaunen, als sie jetzt den Lehrer wieder erkannte! Sie bot ihm herzlich die Hand und hiess ihn mit froher Ueberraschung willkommen.
Talheim erzählte, wie es gekommen, dass er jetzt für einige Tage hier sei.
"Sie treffen ausser mir noch zwei Menschen hier, die sich innig dieses Wiedersehens freuen werden," sagte sie leise errötend, "Ihren Bruder und Elisabet," und hastig fügte sie bei: "waren Sie schon auf Schloss Hohental?"
"Ich beabsichtige, von hier dortin zu gehen."
"Das trifft sich gut – so darf ich hoffen, dass wir zusammen dahin fahren – ich beabsichtigte dies schon, da ich Elisabet lange nicht gesehen."
"Sie leben hier in gut nachbarlichem verhältnis?"
"Nicht mehr so ganz – es gab Differenzen zwischen unsern Eltern – Sie hatten nur zu Recht: unsrer Freundschaft standen Kämpfe bevor – aber wir hielten sie aus – Elisabet kam dann wohl noch zu mir – aber ich musste des Vaters Geheiss befolgen – heute aber ist er in die Stadt gefahren in Geschäften, weil ihm eine neue Handelsspeculation gelungen ist – er war sehr vergnügt und sagte – ich möge ihm eine Bitte nennen, er werde sie gewähren, und so –"
"So baten Sie darum, die freundlichen Beziehungen zum Schloss wieder anknüpfen zu dürfen?" Sie schwieg und sah vor sich nieder, wie um zu prüfen, ob sie Etwas sagen oder verschweigen solle – dann begann sie und eine Träne glänzte in ihrem Auge: "Sie kennen ja doch einmal die Einrichtungen in unsrer Fabrik, warum Ihnen nicht die Wahrheit sagen? – Die Freundschaft gilt mir viel – aber ihrer bin ich ja doch sicher und selbst wenn es nicht wäre, warum nicht ein Gefühl meines Herzens der Zufriedenheit vieler Unglücklicher zum Opfer bringen? Ich bat meinen Vater: den Arbeitern, denen er gestern gebot, ihren Verein aufzuheben – denselben doch wieder zu gestatten." Talheim ergriff ihre Hand und drückte sie mit warmer Herzlichkeit, indem er wehmütig fragte: "Es war umsonst?" "Umsonst – er ward zornig – er sagte, das sei keine Bitte für mich – und so tat ich erschreckt die zweite, die er gewährte." "Und da wir denn einmal auf diese beängstigenden Zustände gekommen sind – waren es nicht fremde Einflüsterungen, welche Ihren Vater dahin brachten, etwas zu verbieten, das er Jahre lang wenigstens als unschädlich geduldet hatte?" "Ja, ein Fremder sagte ihm, dass communistische Principien sich hier eingeschlichen, dass er das Schrecklichste erleben würde – er war lange ungläubig, und je schwerer er sich erst zum Misstrauen bringen liess, um so hartnäckiger beharrt er nun in demselben."
"Aber wenn ein Fremder ihn nach der einen Seite hin misstrauisch machen konnte – vermöchte nun nicht ein andrer Fremder dasselbe nach der andern Seite? Sollte es ihm nicht einleuchten, dass es gefährlich ist, den Unglücklichen durch Härte zur Verzweiflung zu treiben? Sollte man nicht von dieser Seite ihn warnen können? – Ich gestehe, um deswillen tut es mir leid, Sie allein getroffen zu haben."
"O, wagen Sie das nicht – Sie am Wenigsten – er misstrauet Ihrem Bruder – er könnte das Schrecklichste vermuten. Es ist Alles vergebens! Er hört auch kein Wort von mir mehr an über diesen Punkt – und mein Bruder ist noch misstrauischer und strenger als der Vater. – Ach, ich sehe das Fürchterlichste kommen – aber der blick der ungehörten Kassandra ändert Nichts an dem kommenden Unheil – es wird kommen, schrecklich kommen über uns Alle und seine Opfer fordern – und dann wird Alles sein wie vorher!" Pauline sagte dies mit so tiefem Grausen, dass kalte Schauer über ihren Körper rieselten und sie sichtbar zu zittern anfing.
"Sie haben ein trauriges los, Pauline, nur weil Sie ein Herz für die Menschheit haben."
Sie rasste sich zusammen und stand auf: "Wir