diesen zugleich zu verwunden und doch auch ihm einen Dienst zu leisten, der Anspruch auf die grösste Dankbarkeit hatte.
"Ich missbrauche das Vertrauen," sagte der Geheimrat, "welches Aarens in mich setzt – aber der Wunsch, Ihnen, teurer Freund, einen Dienst leisten zu können, lässt mich alle andern Rücksichten vergessen."
"Ich bitte," antwortete Jaromir kalt und stolz, "beschweren Sie meinetwegen Ihr Gewissen nicht."
"Sie werden bald anders denken – Aarens flüsterte mir zu, dass er gestern vom Grafen Hohental und seiner Gemahlin das Jawort zu einer Verbindung mit ihrer Tochter erhalten habe."
"Wie? – Das ist nicht möglich!"
"Er versichert es auf seine Ehre."
"Das ist seine gewöhnliche Redensart."
"Aber bedenken Sie, Graf."
"Es ist unmöglich! Das ist Alles, was ich bedenken kann!"
"Dennoch – bedenken Sie – wie kann er heute erzählen, was ihn, wenn er es widerrufen müsste, in den Augen aller Welt lächerlich machte? – Dazu ist er viel zu stolz und eitel."
"Seine Eitelkeit verführt ihn selbst, sich das als gewiss zu denken, was er wünschen mag."
"Sprechen Sie vielleicht aus Erfahrung?"
"Herr Geheimrat!"
"Ereifern Sie Sich nicht – glauben Sie mir, Ihrem alten Freund, ich meine es aufrichtig mit Ihnen und sehe als unparteiisch und unbeteiligt ganz klar in dieser Angelegenheit: Sie sind vielleicht des Herzens der jungen Gräfin gewiss – Aarens ist, wie er mir sagt, des Willens der Eltern gewiss – und daraus entsteht ein sehr natürlicher Conflict und jetzt haben Sie Beide gleiche Macht auf dem Kampfplatze. – Es ist gewissermassen die neue und die alte Zeit, welche hier zusammen kämpfen – sehen wir zu, welche in den Gesetzen des Schlosses Hohental vertreten wird: – Sonst warb man zuerst bei den Eltern, die Einwilligung der Tochter war Nebensache – jetzt will man es umgekehrt machen – mir scheint aber, als widersetzte man sich auf Schloss Hohental sehr standhaft dem neuerungssüchtigen Zeitgeist."
Jaromir war wirklich zu bestürzt, als dass er den Geheimrat hätte unterbrechen sollen – auch fühlte er nur zu gut, dass dieser eigentlich vollkommen Recht habe. – Wie er dazu kam, von diesem mann so in allen seinen Geheimnissen, in den ältesten wie in den neuesten ausgekundschaftet zu sein, dieser Umstand vermehrte zwar im Allgemeinen seine Bestürzung, aber es fiel ihm doch jetzt weit weniger auf, als es zu anderer Stunde der Fall gewesen sein würde, und darüber nachzudenken, hatte er gleich gar keine Zeit – er drückte dem Geheimrat wirklich herzlich die Hand und rief:
"Ich muss sie jetzt veranlassen – Tausend Dank für Ihre Teilnahme, für Ihre Nachricht und ein ander Mal bessere als jetzt."
Er stürmte fort in seine wohnung.
Der Geheimrat sah ihm lachend nach und war jetzt ausserordentlich mit sich selbst zufrieden.
Jaromir warf sich schnell in einen eleganten Anzug und eilte nach Schloss Hohental.
Er lief eine Seitentreppe hinauf, von welcher er wusste, dass sie gleich aus dem Garten nach Elisabets Zimmer führte. Er hatte es noch nie betreten, nur ein Mal Elisabet bis hinauf begleitet. Die Vormittage brachte sie dort meist allein zu, das wusste er. Seine plötzlich erregte Angst, die Dringlichkeit des Momentes, sagte er sich, berechtigte ihn zu Allem – Elisabet werde ihm verzeihen – und im Uebrigen vertraute er seinem guten Stern. Er lauschte an der tür – wie erschrak er, als er Elisabets weinende stimme hörte – darauf die aufgeregte der Gräfin – er hörte die ganze letzte Hälfte ihrer Unterredung – wie gering die Gräfin von ihm dachte, mit welch' zuversichtlicher Liebe, welch' zärtlicher Begeisterung Elisabet von ihm sprach – und so fasste er seinen Entschluss.
Als die Gräfin öffnete, hatte er bereits die kleine Lüge ersonnen, als sei er mit dem Vorsatz gekommen, bei ihr um Elisabets Hand zu werben – aber er segnete den Zufall, der Alles so für ihn gefügt hatte.
Nun waren sie zusammen zu dem Grafen geeilt. Er war nicht wenig verwundert, als er so unangemeldet und zu so ziemlich früher Stunde Jaromir eintreten sah und noch dazu an Elisabets Hand.
"Mein Gemahl – Du wirst," begann die Gräfin.
Elisabet fiel ihr in's Wort und sagte gleichzeitig: "Du wirst verwundert sein, mein teurer Vater, über unser Kommen – sollen wir es entschuldigen, aufklären mit vielen Worten? Unsre Herzen sind dazu zu voll, wir haben nur ein Wort zu sagen: Lass Jaromir durch mich Deinen Sohn werden!" Und sie hing sich an den Vater mit süsser schmeichelnder Umarmung und einer Träne in den sanften Augen.
Zugleich fasste Jaromir nach der Hand des Grafen und sagte: "Vergeben Sie dem liebebangenden Herzen, wenn ich nicht nach hergebrachten Formen, sondern mit dem Ungestüm allmächtiger Gefühle um die Hand Ihrer Tochter werbe."
Die Gräfin stand äusserlich ruhig und kalt fern von der Gruppe und sah auf ihren Gemahl – er warf einen fragenden blick auf sie, denn er stand bestürzt und unschlüssig und wusste so zu sagen gar nicht, woran er eigentlich war.
Elisabet bemerkte diesen blick und sagte: "Die Mutter hat uns auf Deine Entscheidung verwiesen – sie sagte, Du habest etwas anders über meine Hand verfügt. – Du hattest Dich in mir getäuscht, als Du das tatest, denn Du wusstest nicht, dass ich Jaromir liebte; denn