Antwort von ihr zu erwarten schien. Letztere fuhr endlich fort:
"Nicht nur, dass Du seit einiger Zeit verschlossen gegen mich geworden bist, Dein ganzes Wesen hat sich verändert, zuweilen habe ich Dich weich und gefühlsinnig gesehen oder kindlich heiter wie sonst niemals – aber dann wieder bist Du ernst und kalt und loderst dennoch dabei mit einer Art Feuerbegeisterung für Dinge auf, für welche ich diese Begeisterung am Allerwenigsten billigen kann."
"Mutter," sagte Elisabet, diesen letzten Punkt gerade festaltend, um dadurch das Gespräch vielleicht auf eine allgemeinere Bahn zu bringen und sich ein Examen zu ersparen, welches ihr jetzt zu drohen schien, "Du siehst die Dinge in einem andern Lichte, als wir, die Jugend von heute, sie sehen. Wenn Du statt in dieser Zurückgezogenheit mit der Welt fortgelebt hättest, so würde Dir Vieles weder auffallend noch befremdlich vorkommen, das mich in tiefinnerster Seele bewegt. Du hast es oft selbst gesagt, dass die Welt anders geworden sei seit Deiner Jugend, und dass Du deshalb Dich von ihr zurückgezogen, um so Wenig als möglich von diesen Veränderungen gewahr zu werden – das durftet Ihr wohl tun, Du und der Vater, Ihr hattet Eurer Zeit gelebt und ihr genug getan und sie Euch – aber die nach Euch kommen, müssen nun wieder ihrer Zeit leben und dürfen nicht nach Vergangenem zurücksehen – und so geht es von Geschlecht zu Geschlecht –"
"Elisabet," unterbrach sie die Gräfin in zürnendem Ton, "diese Sprache hätte ich nie gewagt gegen meine Mutter zu führen."
Das Mädchen sah bestürzt vor sich nieder und küsste mit einem Seufzer die Mutterhand – es fühlte eben, dass es nichts Unehrerbietiges gesagt und dass nun nie ein inneres Verstehen mehr möglich sei, wo nicht zwei verschiedene Menschen, sondern zwei verschiedene zeiten sich einander unvereinbar gegenüberstanden.
Nach einer kleinen Pause begann die Mutter wieder: "Ich meinte, es gebe für Frauen nur ein Gefühl, welches die Charaktere verwandeln, die Herzen aufregen und erheben könne – ich dachte, diese Zeit sei jetzt für Dich gekommen – aber Dein ungleiches Benehmen machte mich wieder irre – nun sah' und sch' ich oft, wie unweiblich Du an männlichen Dingen Interesse findest – und nun weiss ich nicht, was ich denken soll!"
"Nenne nicht unweiblich, Mutter, was –"
"Suche mich nicht wieder von dem abzuleiten, was ich jetzt mit Dir zu besprechen habe. Ich habe mir nun Dein Wesen erklärt: Du siehst Dich geliebt – aber weil Dein Herz kalt und stolz ist, so will es keinem sanften Gefühl Einlass geben, es wehrt sich dagegen – –"
"Ach Mutter – wie kannst Du so Dein Kind verkennen? Wie seltsam denkst Du von mir!"
"Ich glaube nicht, dass ich mich täusche – Du siehst, wie zärtlich und ergeben Dich Aarens liebt –"
"Aarens?!"
"Wie ihn selbst Deine Kälte nicht ändert, wie geduldig er Deine Launen erträgt – ende dies unwürdige Spiel Deines Uebermutes! – Aarens warb gestern um Deine Hand – er hat das Jawort Deiner Eltern und heute wird er sich das Deinige holen."
Elisabet sprang auf: "Ist das Dein Ernst? Kann das Dein Ernst sein?"
"Welche Frage! Hast Du mich jemals scherzen hören über solche Dinge?"
"Und wie soll ich glauben, dass Aarens, nachdem ich es ihm nie verborgen, so weit dies Zartgefühl und feine Sitten erlauben, dass ich nicht eine einzige Sympatie für ihn habe – dass er eitel und törigt genug ist, sich einzubilden, ich werde ihm meine Hand geben?"
"Elisabet – diese Einbildung teilen Deine Eltern!"
"Ich weiss vor Verwunderung nicht, was ich sagen soll – um Liebe kann man doch nur bei dem Herzen werben, das man feix nennen möchte! Und Du und der Vater, Ihr konntet Euch so in mir täuschen, um ein Wort zu geben, das Ihr heute doch wieder zurücknehmen müsst? – Ihr glaubtet, ich liebe ihn, denn sonst –"
"Wir werden Aarens mit Freuden Sohn nennen und Dein verletzter Eigensinn wird sich endlich darüber beruhigen, dass wir so handelten, wie es von jeher bei unsern Ahnen Sitte gewesen – auch meinen Gatten bestimmte mir die Wahl meiner Eltern und ich lernte ihn innig und treu lieben – weil er mir bestimmt war. Das Beispiel einer Mutter heischt Ehrfurcht und Nachahmung von der einzigen Tochter. Ich erwarte das von Dir. Jetzt will ich Dich allein lassen, damit Dir Zeit wird zu überlegen, dass hoffentlich auch Deine neue Zeit den Gehorsam für den Elternwillen nicht zum Mährchen gemacht hat."
Die Gräfin war aufgestanden und nach der tür gegangen, um sich zu entfernen. Sie ward jetzt von Elisabet zurückgehalten, durch deren aufgeregte Seele jetzt plötzlich ein Gedanke schoss. "Meine Mutter," sagte sie stumm zu sich selbst, "ist zu mir gekommen, damit ich kindlich mein Herz vor ihr öffne – sie muss meine Liebe zu Jaromir erraten haben und es kränkt sie, dass ich ein geheimnis vor ihr habe. Und es mir zu entlocken, sprach sie vorhin von Liebe, ich schwieg – und um mich dafür zu bestrafen, um mir zu zeigen, dass dieser Mangel an Vertrauen von mir, mir selbst verderblich werden könne, hat sie das Mährchen von Aarens ersonnen – vielleicht auch hat er wirklich um mich angehalten und sie droht nun mit dem Jawort, wenn meine Weigerung