Kindern, denn es nimmt ihnen die Freiheit des persönlichen Willens – aber noch mehr – es macht sie zu Tieren, denn es nimmt ihnen Gott und mit ihm alle Menschenwürde, es nimmt ihm die Familie und würdigt die Liebe der Gatten herab zu einem gemeinen sinnlichen Triebe – ja, es würdigt den Menschen noch unter das Tier, denn es reisst auch die Kinder von den Eltern und spricht ein Verdammungsurteil aus über diese heiligsten Bande des Blutes! – Aber es gibt noch Andere, welchen die Not der Erde eben so an's Herz geht, welche es auch ehrlich mit der Menschheit meinen, welche aber statt wahnsinnig zu z e r s t ö r e n mit klarem blick und regem Fleisse f o r t b a u e n . Höre wie ein Solcher spricht." Und Gustav schlug das Buch, das er ergriffen hatte, auf und las:
""Die Aufgabe der Menschen ist Vervollkommnung; Vollkommenheit würde sie tödten. Dem gang der Vervollkommnung durch rohe Gewalt vorgreifen wollen, heisst nur die Unvollkommenheit verlangen. Die Ansprüche aller Menschen auf politische Rechte wie auf Glück und Gut sind gleich; die Teilung aber durch Gewalt bewerkstelligen wollen heisst nur die Rollen tauschen und den Bevorrechteten zum Rechtlosen, den Besitzenden zum Armen machen um den Kampf der Gewalt auf's Neue hervorzurufen. So lang es Vernunft gibt, muss auf sie vertraut, so lang es ein Recht gibt, muss an seinen Sieg geglaubt werden. Wer Vernunft und Recht verwirklichen will, wende auch Vernunft und Recht dazu an.""
""Das G e w o r d e n e hat auch sein Recht. Es muss umgewandelt, nicht zerstört werden. Ist das Gewordene als Zweck nicht gut, so ist es gut als Mittel. Man denke nur daran es zu gebrauchen. Die Lage von Millionen unsrer Brüder ist beklagenswert. Aber wie sie mit dem Gewordenen zusammenhängt, so muss sie auch in dem Gewordenen ihre Heilung finden. Das Gewordene in unserm Ganzen ist der Staat. Im S t a a t müssen wir die Mittel zur Besserung suchen. Gebt kein Gehör jenem leichtfertigen, die notwendigkeit des Entwicklungsgesetzes überspringenden Zerstörungsgeist, welcher glaubt die Welt zu bessern, wenn er sie umkehrt. Halten wir die gewordene Welt fest, aber reformiren wir sie durch Vernunft und Recht, durch überzeugung und Gesinnung. Wir alle zusammen haben wenig Rechte im Staat, aber die Armen haben gar keine; so streben wir dahin, ihnen Rechte zu verschaffen, damit sie sich Glück verschaffen können. Wir haben wenig Mittel dazu, so gebrauchen wir um so mehr diejenigen, die wir haben. Es gibt noch viel vernünftige und rechtliche Leute unter den Besitzenden. die sich uneigennützig dem Streben anschliessen, dem Menschen zu erringen, was dem Menschen gehört, und die zu Opfern wie zu Kämpfen bereit sind. Und diejenigen, die fühllos genug sind, sich aus Eigennutz diesem Streben entgegenzusetzen, werden wir zu überzeugen wissen, dass gerade der Eigennutz sie bewegen soll, sich ihm anzuschliessen. Wir werden jener Blindheit den Staar stechen, welche glaubt, ihren Besitzstand zu sichern, indem sie ihm durch feindliche Abwehr gegen die Gleichberechtigung nur erbitterte Gegner schafft; wir werden sie besiegen jene Blindheit des Besitzes, welche ihr Interesse zu wahren glaubt, indem sie sich der Blindheit der Gewalt anschliesst und dienstbar macht. Wir werden sie verbannen, jene Verstockteit des Egoismus, welche Alles behalten will, um endlich Alles zu verlieren.""
""Nur ernsten redlichen Willen, aber keine Gewalt! Die Gewalt stürzt aus der Luft, sobald sie nicht mehr umgangen werden kann; aber wer sie herabruft, ist ein Frevler an der Vernunft und an der Menschheit. Welche einzelne Gestaltungen ein friedlicher Kampf um die Besserung unserer Zustände uns noch bringen wird und wie viel Geduldproben wir noch zu bestehen haben werden, das vermag kein Mensch vorher zu bestimmen. Das aber präge man sich ein: es gibt keinen z w e i t e n Schritt ohne den e r s t e n , es gibt keinen w a h r e n Fortschritt ohne überzeugung, und die Früchte des gesellschaftlichen Fortschrittes haben keine Dauer ohne den p o l i t i s c h e n !""
""Und wenn auch das Billigste als Verbrechen betrachtet wird, wir dürfen dennoch die Geduld nicht verlieren; je mehr Hindernisse desto festeren Willen! Ein schlechter Soldat im Kampf der Politik, der wegen eines Flintenschusses aus der Festung die Belagerung aufgiebt! Aber es war bis jetzt unser erster Fehler, dass wir kämpften wie die Wilden: im Anlauf sind sie stürmisch, in Schlichen sind sie tätig, aber in ehrlicher, offener Schlacht nehmen sie die Flucht, so bald der erste Mann fällt.""
Gustav hielt inne. Franz sagte: "Es beginnt schon wieder ruhiger in mir zu werden – vielleicht wird mir das los: der erste Mann zu sein – w e l c h e r f ä l l t . Könnt' es die Sache der Armen fördern! – – Aber hier meine Hand, Bruder – ich will die Geduld nicht verlieren!"
Noch lange sprachen die Brüder zusammen und Franz stärkte die edle Seele an der gestählteren und zuversichtlicheren des ältern Bruders.
III. Mutter und Tochter
"fester ist der Seelen Band als Eisen,
Heiliger als Opfer ihre Glut."
Karl Haltaus.
Einige Tage nach Aureliens Ankunft sass Elisabet allein in ihrem Zimmer. Sie warf wehmütige Blicke zum