."
"Aber Du, Franz – Du? So will der wahnsinnige Communismus auch hier sich einnisten?"
"Ich habe oft Tag und Nacht gerungen – aber davon nachher. Nach einigen Wochen bekam ich einen zweiten Brief – er zeigte mir an, dass die Eisenbahnarbeiter hier in der Nähe aufstehen würden – der Sieg müsse den Armen bleiben, sobald sie nur wollten – wir wären ja einige Hundert – es gelte, ein Heldenbeispiel zu geben – die Andern würden folgen – der Tag der Erlösung sei nahe für die Armen –"
"Franz – und was tatest Du –?"
"Meine Antwort war – Schweigen. Du bist der Erste, der von diesem Brief erfährt –"
"Gott sei Dank, dass Du aushieltest in der Versuchung, mein starker Bruder!"
"Sie war gross – und wenn nun gar noch Reue käme? Die Eisenbahnarbeiter haben es nun schlimmer als früher, Einige von ihnen sind im gefängnis. – Und wir? Wir haben es nun auch schlimmer. – Und was hatten wir denn weiter zu verlieren? Und wenn ich nun aus dem Brief kein geheimnis gemacht hätte – und die Kameraden wären seiner Mahnung alle beigesprungen – und viel Hundert arme wären plötzlich aufgestanden wie e i n Mann und hätten ihr Recht gefordert von den Reichen – was hätten sie denn beginnen wollen im ersten Schrecken? Nun büssen jene armen Brüder traurig ihre Kühnheit; und wenn nun ich daran Schuld wäre? Sie hatten Vertrauen zu mir, sonst hätten sie ja an einen Andern von uns ihre Mahnung schicken können – und ich habe ihr Vertrauen gemissbraucht – ach, das ist ein hässlicher Vorwurf – –"
"Franz, um Gottes Willen, Deine Gefühle verirren sich grässlich, Deine Gedanken werden wirr –"
"Und lass' mich Alles sagen, dann richte, ob es mir nicht zu vergeben, wenn es so wäre, dass meine Seele die gewohnten Gedankengänge verlernte. – Du kennst ja Paulinen, Du bist ihr Lehrer gewesen – ich liebe sie – ja, ja – und sie liebt mich auch!"
"Die Tochter des Fabrikherrn?" rief Gustav in äusserster Erschütterung.
"Ja, und wer anders ist Schuld daran als Du? Du hast ihr Mitleid gelehrt mit den Armen und Gleichheit der Menschen – und so bist D u es, dem wir unsre Seligkeit und unsern Jammer danken!"
Es verging lange Zeit, bevor die Brüder wieder zusammensprachen, sie waren Beide zu schmerzlich bis in ihre innersten Seelentiefen durchschüttert. Der Eine von der Mitteilung, wie er sie noch niemals über seine Lippen hatte gleiten lassen, der Andere von dem Ueberraschenden und Erschreckenden des Gehörten.
Endlich begann Franz wieder gefasst: "Du bist ja jetzt weit herumgekommen, Du bist ja in jenen Staaten gewesen, wo die Bürger freier sind, als bei uns, und die Arbeiter nur desto gedrückter – dort sagt man ja, es gähre überall, dort wohne das, was Du Communismus nennst? Erzähle!"
"Ja, es will sich überall regen mit unheilvollen Zeichen. Gefährliche Verbindungen gründen sich auf gefährliche Systeme, die auf den Umsturz aller bestehenden Verhältnisse hinaus laufen –"
"Aber, Gustav, was soll endlich werden? Du nennst jene Systeme gefährlich – gefährlich sind sie für die wenigen Tausende, welche jetzt im Besitz und im Rechte sind – aber für die Millionen Rechtloser und Enterbter sind sie doch die einzige Rettung! – Meine Geduld geht zu Ende; ich schwöre sie ab. Wenn ein edles Volk unter schändlichen Tyrannen Fessel nach Fessel um sich schlagen sieht – so empört es sich endlich gegen seine übermütigen Herrscher – die Armen sind alle ein grosses unglückliches Brudervolk – warum sollen sie es nicht auch tun? Warum sollen die Armen nicht: "Freiheit und Gleichheit!" rufen? Wir wollen ein grosses Brudervolk werden – brüderlich die Arbeit teilen, brüderlich den Genuss – und hat man uns jetzt mit Gewalt unglücklich gemacht – warum sollen wir nicht versuchen, durch Gewalt glücklich zu werden? –"
"Du appellirst an die Gewalt – Dein Gefühl sagt Dir, dass die Gewalt der Reichen ein Unrecht, ein Verbrechen ist – und was würde die Gewalt der Armen Anders sein?" Gustav griff nach einem buch, das unter andern Büchern und Papieren auf dem nächsten Tische lag. "Jene Leute," sagte er, "deren Lehren zum teil in dem Schreiben entalten sind, welches man an Dich gerichtet hat, meinen es vielleicht redlich mit der Menschheit, ich will sie nicht verdächtigen. Sie lieben die Menschheit und ihre Not hat ihnen in's Herz geschnitten – und so haben sie einen Plan ausgesonnen, die ganze Welt zu beglücken, welcher auf den ersten Anschein viel Bestechendes hat, weil er durch ein allgemeines Band der Liebe die Menschen zu vollkommner Gleichberechtigung vereinen will. Aber darin ginge die persönliche Freiheit zu grund – und eine solche Gemeinschaft, in der ein Jeder seine bestimmte Arbeit zu geniessen bekäme, dafür aber nie mehr zu hungern und zu frieren, nie für sich selbst zu sorgen brauchte – hat ihre Vorbilder bei dem los der Amerikanischen Sclaven und der Russischen Leibeigenen. Dawider empört sich der freigeborene Mensch, dessen Glück im S t r e b e n beruht. Und empörte sich nicht Dein Herz dagegen, als man Dir Deinen Gott und Dein Vaterland nehmen wollte? Jenes System des Communismus macht die Menschen zu Sclaven, denn es z w i n g t einen Jeden zur Arbeit, es macht sie zu