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todtenstill und keine Bewegung am Horizont. Nur dass die schwarzen Wolken immer grösser wachsen, immer höher sich auftürmen, ohne doch sichtlich weiter von ihrer Stelle zu rücken, ihre dunkeln massen mit schneehellen Spitzen schmücken, mit rotschillernden Streifen durchziehenso dass der Beobachter des Wetters wohl sieht: das ist mehr als ein Gewitter, das mit vorübergehenden Schrecken der Erde Segen bringtdas verkündet schlimmen Hagel, das wird sich nicht eher entladen, als im grässlichen Wolkenbruch. Auf die todesängstliche stille Erde, die unter dieser drohenden schwarzen Last sich nicht zu rühren wagt, wird plötzlich das Entsetzen hereinbrechenund sie wird ohnmächtig aufschreien unter den fürchterlichen Kampf der Elemente, aber unhaltbar werden die grossen Hagelkörner herunterstürzen und die Bäume zerbrechen, die nicht geduldig sich beugen wollen, die junge Saat zerstampfen, die hilflos dasteht, und unter allen Früchten ringsum eine furchtbare Ernte halten vor der Zeit. Und tosende Wasserschlünde wird der Himmel öffnen, die werden zusammenströmen mit den Wassern auf der Erde und sie aus ihren friedlichen Betten aufjagen, heraushetzen auf blumige Wiesen und Felder und über sie hinweg bis hinein in die schutzlosen Häuser armer Menschen. Und dann, wenn das Werk der Zerstörung vollendet sein wird, dann wird von droben ein ruhiger blauer Himmel herniederlachen auf all' den Jammer unten, und kleine Silberwölkchen werden im spielenden Tanz erzählen: das Unwetter sei nun vorbei und komme nicht wieder, es herrsche nun wieder lauter klarheit und Ruhe. Als ob nun Alles gut sei! Als ob es Nichts sei, eine zertrümmerte Ernte! Als ob die vernichteten Hoffnungen von Tausenden Nichts wären!

So zog es durch Franzens Seele. So hatte er das bestimmte Vorgefühl wie vor solch' grässlichem Gewitter. So legte es sich wie ein drückender Alp auf seine Brust. Da drinnen fühlte er es bestimmt: so werde es kommen.

Wer so die niedern Arbeiter tagtäglich freiwillig und friedlich sieht an ihre einförmigen und schweren Geschäfte gehen, der ahnt wohl nicht, welch' ungeheuere Kämpfe oft mögen ausgekämpft werden in diesen stummen Herzen, die hinter einem groben grauen Hemd und unter einer zerrissenen Jacke schlagen. – Und wenn auch öfter noch vielleicht diese Herzen kein Verlangen haben, weil der hungernde Magen daneben eine beredtere Sprache als sie gelernt hat, wenn auch all' diese Sinne durch frühe Gewöhnung tierisch abgestumpft sind und nur aus Gewohnheit ein lästiges Leben fortführen, ohne ein anderes zu begehren, weil ihnen von ihrer Geburt an vorgesagt worden ist: das sei ihr losund sie für sich niemals ein anderes erstreb'bar hielten: ach, so trifft doch doppelte Qual diejenigen, welche aus ihrer dumpfen Lebensnacht aufgewacht sind und sich doch ausgeschlossen sehen von All' dem, was man eigentlich Leben nennt. Dann beginnt jenes Ringen des inneren Menschen wider das los, zu dem der äussere Mensch durch seine Geburt verdammt ist. Und wer nun frommer Sieger bleibt in solchen Kämpfen, vielleicht der härtesten von allen, welche den Menschen beschieden sind, dessen wartet dafür kein Wort der Anerkennung, kein Hauch der Bewunderung, kein leuchtendes Ziel und kein ehrender Kranzkaum dass von ihm die Welt sagt: er tut seine Pflicht; sie sagt entweder: es ist so seine Bestimmung, was kann er Anderes wollen? Oder sie spricht gar nicht von ihmdenn von dumpfen Maschinen, die man sich nur zu einem bestimmten Gebrauch hält, pflegt man nicht zu sprechen.

Wer mogte diese Kämpfe ahnen, in welchen Franz täglich mit sich selber rang? Wer diese Versuchungen, welche gleich der lernäischen Hydra, wenn er sich Sieger wähnte, ihm immer wieder ein neues Haupt züngelnd und giftauchend entgegenbäumten?

Und jetzt rang er wieder.

Er hatte sich jenseit des Grabens der Strasse, auf welcher er ging, unter einen Baum geworfen und starrte, die hände krampfhaft vor seine Brust gedrückt, vor sich nieder. Zwei grosse schwere Tränen rannen ungehemmt über seine bleichen Wangen.

"Da ist er ja!" rief plötzlich eine stimme und ein Mann sprang rasch über den Strassengraben hinweg und stand vor Franz.

Der Wandrer glich ihmund doch auch wieder nicht. Er war grösser als Franz, seine Haare waren von lichterem Braun, seine Augen hatten einen sanfteren und milderen Glanz. Der Schnitt der Gesichter war gleich wie ihre Blässe und in den Furchen Beider las man grosse geistige Kämpfe verzeichnet. Aber während man es Franz ansah, dass eben jetzt diese Kämpfe am Heftigsten tobten, schienen sie bei dem Andern überwunden und der Ausdruck eines ruhigen Schmerzes lagerte auf seinem Antlitz, welches beinah etwas Heiliges und Verklärtes hatte. – Einem fremden Beobachter wäre vielleicht noch aufgefallen, dass diese Beiden, die sich bis auf den Unterschied der Jahre, denn Franz mogte um zehn Jahre weniger zählen als Jener, so ähnlich sahen, in ihrer Kleidung um so unähnlicher erschienen. Denn während Franz Beinkleider von grobem Tuch, eine geflickte und zerknitterte Leinwandblouse und einen alten roten Shawl um den Hals unter den groben Hemdkragen geschlungen trug, erschien jener in dem feinen, modernen und netten Anzug eines Mannes von Welt.

Aber die Bruderherzen schlugen in gleicher Liebe zu einander, gleichviel ob unter feinen Stoffen, ob unter Lumpen.

"Franz!"

"Gustav!"

So riefen sie sich gleichzeitig einander zu. Und sie schüttelten einander die hände und sahen sich an mit allen Freudenzeichen des Wiedersehens.

"Du bist schneller wieder zurückgekommen, als ich dachte," sagte Franz.

"Waldow bekam auf einmal das Heimweh und ward kränklich. Befragte ärzte rieten zur