den weiten Geschäftskreis seines Vaters – er stand still auf dem Platz, auf welchen ihn dieser gestellt. Er war einer jener Zahlenmenschen, welche ihr Leben lang niemals gedacht, sondern immer nur gerechnet haben. Aber darüber waren alle edleren Regungen seines Herzens erstorben. Der Grundzug seines Characters war böse Härte geworden. glückliche und heitere Gesichter waren ihm förmlich unerträglich – sobald er solchen begegnen musste, ward er noch mürrischer als gewöhnlich; – dass es so kam, war der Neid seines Herzens, weil er selbst für Freude und Glück ganz unempfindlich geworden war; aber er war dies auch für Schmerz und Trauer. In ihm war immer nur eine Empfindung lebendig: der Aerger und seine Aeusserungen bestanden in Härte und Grausamkeit. So ärgerte er sich stets über die Fabrikarbeiter, und weil er sich über sie ärgerte, hasste er sie, und weil er sie hasste, misstraute er ihnen, und weil er ihnen misstraute, behandelte er sie mit der ausgesuchtesten Strenge.
Es war natürlich, dass er jetzt, als ihm sein Vater die Warnungen des Geheimrates mitteilte – dieselben begierig in sich aufnahm, das Misstrauen des Vaters vergrössern half und zu verstärkter Strenge gegen die Arbeiter riet.
Und so kam es, dass am nächsten Lohntag jedem der ledigen Arbeiter angekündigt ward, dass man ihm am nächsten Lohntag ein paar Groschen von seinem Lohn abziehen werde, dafern er wieder in den Arbeiterverein in die Schänke gehe, hinter dessen gefährliche und aufrührerische Zwecke man endlich gekommen sei. Man wolle keine weiteren Nachforschungen anstellen, aber Jeder möge sich hüten, wieder Aehnliches zu versuchen – und der Verein sei jetzt ein für alle Mal unwiderruflich aufgelöst.
Der Eindruck, welchen diese Maassregel auf Alle, welche sie betraf, machte, war ein sehr verschiedener.
"Das leiden wir nicht! Wir sind freie Arbeiter! Wir sind keine Sclaven, keine Bedienten! – Man darf uns keine solchen Vorschriften machen! – Wir wollen doch sehen, wer dazu ein Recht hat!"
So redeten die Arbeiter unter einander hin und her im ernsten lauten Zorn.
nachher klang es anders – da kamen all' die Aber hinterdrein, gar viel und mannichfaltig – all' die Aber der armen Leute.
Da hiess es nun wohl so:
"Aber was wollen wir tun? – Wie wollen wir's anfangen uns zu widersetzen? Leicht zwar ist's getan, zusammenzukommen wie gewöhnlich; aber dann, dann kommt der Lohntag, dem wir jedes Mal so sehnsüchtig entgegen harren – kommt der Lohntag und kein Lohn! Denn wird unser Lohn noch mehr geschmälert, so müssen wir verhungern und elend zu grund gehen. – Wollen wir klagen vor Gericht? – Die Gerichtsklagen sind teuer und den armen Leuten helfen sie nicht! – Wer die Macht hat, hat das Recht! –"
So sprachen die Arbeiter hin und her und sahen traurig und nachdenklich vor sich nieder.
Anton hatte seine Ohren überall.
Wilhelm hörte mit innrer Freude all' das Murren der Zornigen, sah vergnügt all' die grosse Bestürzung. Nun werden sie es wohl einsehen," sagte er für sich, "nun werden sie's nicht mehr lange tragen!" Aber laut und zu den Andern sprach er nur:
"Da seht Ihr es! Wir sind freie Arbeiter, wir können die Freiheit haben zu verhungern – wir sind keine Sclaven – unser Herr kann uns fortjagen, wenn wir ihm nicht zu Willen sind – aber so ist es einmal, dem Reichen gehört die Welt – bis sich einmal das Ding umkehren und der Reiche der Welt gehören wird." Zu Franz sagte er dann halblaut: "Was meinst Du nun, Bruder? Was Du mühsam Jahre lang ringend aufgebaut, um Deine Kameraden für Menschenwürde zu erziehen, um sie zu sittlicher Erstarkung zu führen, um sie vor der äussersten Not zu bewahren – das sinkt nun Alles in Nichts zusammen vor dem Machtwort des reichen Trannen. Was meinst Du nun? Glaubst Du nun, dass es für uns besser werden könne, so lange wir die Sclaven der Reichen bleiben, so lange wir vor jeder Selbstülfe feig zurückschaudern?"
"Lass' mich jetzt, Wilhelm!" bat Franz mit wehmütiger stimme, "lass' mich, bis ich mit mir selbst zu Rate gegangen; zu unerwartet kam der Schlag."
Wilhelm lachte höhnisch.
Nach dem Feierabend ging Franz auf der Strasse nach Hohenheim. So entmutigt, so niedergeschlagen wie jetzt, war er noch niemals gewesen. Wie ein Schlag aus blauem Himmel war ihm diese neue unerhörte Strenge des Fabrikherrn gekommen. Er hatte ja von Anfang an Nichts gegen den Verein gehabt, als ihn Franz zuerst davon benachrichtigt und sogar um seine Zustimmung gebeten hatte. Woher nun dieses plötzliche Misstrauen gegen eine Sache, welche man nie mit dem Schleier irgend eines Geheimnisses umhüllt gehabt hatte? Woher diese plötzliche Härte?
Franz sann lange darüber nach, doch immer vergebens. Und je weniger er einen Grund herausfand, welcher diese ausserordentliche und unerwartete Maasregel des Fabrikherrn hätte rechtfertigen können, desto trüber und unheimlicher ward ihm zu Mute – eine ungeheure Angst vor kommenden Dingen begann sich wie ein drückender Alp auf seine Seele zu lagern. Diese Ankündigung, die ihm und allen Arbeitern heute geworden, – war sie nicht der Vorbote nahenden grossen Unheils? Glich sie nicht dem ersten schmetternden Blitz, dem ersten rasch abbrechenden Donnerschlag, die ohne die Gewitterschwüle der Luft durch lindernde Regentropfen zu kühlen aus finsterm Gewölk hervorbrechen? Und dann ist es wieder still,