, pflücke mir Eichenlaub, indess ich die Kränze zu winden beginne –" erwiderte sie lächelnd.
Er gehorchte. "Das ist ja eine Scene, wie aus dem Sohn der Wildniss," sagte er, als er mit den gepflückten Zweigen sich zu ihren Füssen setzte und ihr die Blumen zureichte.
Sie lachte und begann, um das Bild zu vervollständigen, mit ihrer schönen melodischen stimme zu singen:
"Mein Herz, ich will Dich fragen,
Was ist denn Liebe? – Sag'!
Zwei Seelen, ein Gedanke,
Zwei Herzen und ein Schlag!"
Er hatte sie noch niemals singen hören – sie liebte es nicht, vor fremden Zuhörern auf Bitte oder Geheiss zu singen, sie tat es nur in den Stunden, wo es ihr innerstes Bedürfniss war, dann lag ihre ganze Seele in ihrem Gesange, und so auch jetzt. Von Bewunderung hingerissen lauschte er bezaubernd den hellen Tönen, die so frei und freudig wie jubelschlagende Lerchen hervorflatterten aus der Brust seines teuern Mädchens. Er liess sie das Lied vollenden, ohne sie zu unterbrechen, und bat dann nur einfach:
"Sing' es noch ein Mal!"
Und sie antwortete der Bitte nur dadurch, dass sie es noch ein Mal sang.
Die Augen halb geschlossen vor sich niedergesenkt hörte er ihr träumend zu – wie oft hatte er sonst Bella's Töne bezaubert gelauscht – aber nie hatten sie ihn so im tiefsten inneren angegriffen, wie dieser einfache seelenvolle Gesang Elisabets. Es war die Sprache glühender, oft wilder leidenschaft, welche er aus Bella's Tönen hörte, Sirenenklänge, die mit wunderreichem Zauber verderbendrohend ihn umstricken – die ihn erst hinschmelzen liessen in weicher Wollust, rasend vor glühendem Verlangen, dann vernichtet in sich selbst zusammensinkend – bis er plötzlich ernüchtert, besonnen, aber innerlich ermattet und zerrissen aufwachte wie aus einem fieberheissen Traum. Aber jetzt, wo Elisabet sang, war ihm als stimmten droben im Himmel alle Engel dazu ihre Harfen und spielten dazu auf ihren feinsten saiten Elisabets einfache Worte als heilige Gebete nach, es war ihm, als stimme die ganze Schöpfung vor leisem jubel zitternd sanft mit ein in das Liebeslied. Wie Orgelgetön und Glockenklang, wie Vögelgesang im Mai, wie ein Liebespäan einer seligen Schöpfung, den fromme betende Menschen und eine ganze gottdurchgeisterte natur zusammenstimmend aufsteigen lassen – so zog es jetzt durch seine Seele.
Und als sie geendet hatte und er noch immer träumend vor sich niederblickte, sagte sie lächelnd:
"Nun, mein Lied hat wohl gar das grosse Kind in Schlummer gesungen?" Und wie sie ihre Wange an die seinige lehnte, sah sie eine helle Träne in seinem Auge – sie küsste sie ihm hinweg, und unaussprechlich selig hielten sie einander in den Armen.
Sie hatte zwei Guirlanden vollendet und wand sie um die Marmorsäulen. Die schönsten Rosen hatte sie noch zurückbehalten.
"Aus diesen winde Dir selbst eine Krone!" bat er.
Sie begann das anmutige Geschäft von Neuem. Er sass neben ihr; sie umschlungen haltend, sah er über ihre Schultern hinweg ihren regen Fingern zu.
Da rauschte es plötzlich wie von Tritten und im Grase schleppendem Seidenzeuge – Elisabet sah auf, sprang erschrocken empor – die Rosen fielen von ihrem Schoos zu ihren Füssen – ein Ausruf der Ueberraschung drang aus ihrem mund.
"Du streust mir Blumen, Elisabet!" rief lachend eine jugendfrische stimme. Sie kam von einer jungen Dame mit einem hübschen muntern Gesicht, zu dem schwarze Locken und ein blumengeschmückter Strohhut recht gut passten.
"Aurelie!" rief Elisabet – und die jungen Verwandtinnen umarmten und bewillkommten sich mit Herzlichkeit.
Jaromir ging einstweilen in dem nächsten Gange etwas unbehaglich hin und her.
"Aber wie kommst Du hierher?"
"Gerade hierher? Nun sieh – ich wollte Dich überraschen, obwohl ich nicht wissen konnte, dass meine Ueberraschung für uns Beide so gross sein würde."
"Du bist noch immer mutwillig. – Aber wie kamst Du gerade hierher?"
"Durch meinen vortrefflichen Ortssinn und Deine getreue Beschreibung diese Platzes. Du hattest mir in einem Deiner Briefe diese Rotunde beschrieben und erzählt, dass Du alle erste Nachmittagsstunden hier allein zubrächtest – was freilich der Wahrheit nicht ganz gemäss war –"
"Aurelie, doch – damals!"
"So, nur jetzt ist es anders – ich nahm mir also vor, ehe Du etwas von meiner Ankunft erführest, ehe ich das Schloss beträte und Deine Eltern begrüsste, Dich hier zu überfallen. Im Park war ich noch ziemlich bekannt und so ist es gerade kein Wunder, dass ich mich zurecht fand."
"Und Tausend Mal willkommen, Du Gute! Wir werden uns Viel zu erzählen haben –!"
"Ja, nun beichte – Dein Ritter dort wird seiner Irrgänge müde werden –"
"Ich werde Dich ihm vorstellen – aber Eins, Aurelie! Du bist die Vertraute unsers Geheimnisses – vergiss das nicht – wir lieben uns – aber Du bist die Erste, welche es erfährt –"
"Das würde für mich sehr schmeichelhaft sein, wenn es minder zufällig wäre – um so neugieriger bin ich – Dein romantischer Hang hat Dich am Ende einem Dichter oder Künstler entgegengeführt, der nicht recht in unsere Verwandtschaft passt. – Hab ich Recht oder nicht? –"
"Beides zugleich –" und Elisabet rief "Jaromir" und stellte ihm Elisabet vor: "Meine Cousine, Aurelie, von Treffurt." Dann nannte sie ihr seinen Namen –
Sie war fröhlich erstaunt –