die Unterredung des Geheimrates mit ihrem Vater, dann die ihrige. – Er hörte gespannt zu. – Wie sie ihm auch ihre Worte zu ihrem Vater wiederholt hatte, sagte er mit innigstem Ton, aber schmerzlich bewegt:
"Sie sind eine Schwester aller Unglücklichen, ich zähle Sie mit unter diesen."
Sie verstand ihn – "Franz!" rief sie mit leisem Vorwurf und lehnte das goldne Lockenhaupt an seine Schulter.
Selige Schauer durchzogen ihn – er wagte nicht, sie zu küssen, er beugte das Knie vor ihr und verstummte vor Entzücken.
Wilhelm hatte von fern gestanden – er hatte Alles mit angehört – jetzt lachte er höhnisch erfreut vor sich nieder und zog sich vorsichtig zurück.
Dritter Band
I. Ueberraschung
"Mein Herz, ich will Dich fragen,
Was ist die Liebe? – Sag'!
Zwei Seelen, ein Gedanke,
Zwei Herzen und ein Schlag."
Friedrich Halm.
Jaromir fühlte ein neues Leben, einen neuen Lenz in sich. Es gab für ihn Stunden, wo er sich selbst nicht mehr erkannte, wo er sich ganz wie verwandelt vorkam. Mit welch' neuem Reiz lag jetzt das Leben wieder vor ihm, wie füllte wieder ein seliger Hochgedanke seine ganze Seele aus, ein Hochgefühl, an das er lange nicht mehr geglaubt, das er oft im bittern Unmut seines unbefriedigten Herzens, im Uebermut seines stolzen Geistes verspottet und verlacht hatte. – Und wieder gab es andere Stunden für ihn, wo eine ganze Reihe zuletzt verlebter Jahre vor ihm wie ein böser Traum versunken, wo er sich wieder Jüngling fühlte und alle Begeisterung, alle süssen Schwärmereien seiner Jugendjahre wieder empfand. Er war wieder Poet aus der Fülle seines Herzens, und jene seligen Momente kamen ihm wieder, wo in lauter, rauschender Sphärenmusik ein ganzer Himmel urewiger Harmonieen im inneren einer Menschenbrust aufweckt, die men wollen, bis sie eine äussere Erscheinung gefunden – ein Lied, das jubelndes zeugnis ablegt von ihrem Dasein, ihrer Macht und Herrlichkeit.
Ein seliges Liebeleben vereinigte ihn mit Elisabet.
Und sie, die ernste, verschlossene Jungfrau, weihte ihm die ersten vollsten Blüten eines Gefühls, dem bisher ihr Herz kaum eine leise Ahnung gezollt hatte. Man konnte ihr Inneres einer hohen weissen Lilie vergleichen, die schlank aufgesprossen ist und deren Blüten über Nacht in heiliger, schweigender Ruhe bei melodischem, gleichförmigem Quellengeriesel träumend gross geworden sind und im weissen silberreinen Glanze viel heilige Geheimnisse in sich selbst noch ungeahnt und schlummernd verschlossen halten. Da strahlt der Morgenstern hell und tagverheissend auf die Blütenkrone, der erste Morgentan hängt sich an sie, mit einem zarten, durchsichtigen Perlenschleier sie noch verklärend, vorahnend schlägt die erste Lerche ihr Lied ihr vorüber im dunkeln Morgengrauen empor – es klingt mit seltsamer Bewegung wieder im Blumenkelch – er richtet sehnsüchtig sein Haupt noch höher auf – aber er bleibt verschlossen. Nun graut es im Osten – nun fallen alle Nebel, wirbeln und singen alle Vögel zugleich – ein heiliges Schauern zieht erschütternd durch die ganze natur, regt sich in der höchsten Eiche, wie im kleinsten Halme – ein tausendstimmiger jubel bricht los – als plötzlich die Sonne aufgegangen und mit viel Tausend strahlenden Liebesbändern die ganze Schöpfung an ihr unsterbliches Herz zieht. Und einer dieser allmächtigen Strahlen rührt auch an den verschlossenen Lilienkelch – und die Blütenseele wacht aus ihrem Traum auf, tut ihre verhüllenden Blätter auseinander, öffnet sich dem heissen Lichtglanz und lässt ihn segnend eindringen in ihre goldenen Tiefen, dass köstliche Nektartropfen darinnen hervorperlen. – Dieser hohen Lilie glich Elisabet. Gleich einem strahlenden Morgensterne hatte einst Gustav Talheim ihr nahe gestanden, zu dem sie mit heiligen Vorgefühlen emporschaute – aber Jaromir war ihr als eine leuchtende Sonne aufgegangen, ihr tief in's Herz gedrungen, so dass es all seiner Schönheit Fund seines Reichtums sich dadurch erst selbst bewusst geworden war und immer vollendeter Beides entfaltete. –
So war denn das ganze Maileben glühender keuscher Liebe für sie angebrochen. –
In den ersten sonnigen Stunden des Nachmittags eilte Jaromir täglich in den Park von Hohental und in die stille, von Bäumen verschwiegen beschattete Rotunde, in welcher er Elisabet zuerst seine Liebe gestanden hatte. Dort harrte er dann – und harrte selten vergebens – bis die Geliebte unter den Bäumen hervor ihm entgegentrat und zart errötend in seine geöffneten arme sich warf. Nur zuweilen, wenn Gäste zu Mittag im Schloss waren, blieb sie aus oder flog nur eilend hin zu ihm, um ihn nach wenig Momenten wieder fortzutreiben. Denn noch lag der zarte Schleier des Geheimnisses über ihrer Liebe und es war, als hätte Keines von Beiden ihn heben mögen. Zwar machte er jetzt noch öfter als vorher Besuche in Elisabets Familie und ihre Eltern empfingen ihn gern, obwohl es schien, als ob sie Aarens noch mit freundlicherer Auszeichnung willkommen hiessen.
So waren denn auch eines Nachmittags Elisabet und Jaromir in der Rotunde bei einander. Er hatte ihr einen Strauss Rosen mitgebracht und wollte jetzt, dass sie diese sich zum Kranze winde.
"Wir wollen hier die kleinen Marmorsäulen unsers heiligen Liebestempels umkränzen," sagte sie, "wir dürfen wohl heute ein geheimes fest feiern, denn heute' ist es ein Jahr, dass wir zuerst uns sahen."
"Sei mir nicht böse," sagte er und küsste sie innig, "aber ich brachte Dir dazu die Rosen mit, um zu sehen, ob Du auch diesen Tag im treuen Gedächtniss bewahrt haben würdest."
"Nun, dafür, dass Du mich erst prüfen wolltest, verdientest Du wohl eine Strafe – geh