, als an Tagen, wo sie sich heiser melden lässt, und in ihrem Mutwillen ausgelassen lustig darüber ist, ihren Mitsängern und der Direction einen ärgerlichen Streich gespielt zu haben."
Als sie zur Vorhaustüre heraustraten, kam der Briesträger die Treppe herauf. "Von der Stadtpost," sagte er, und gab Jaromir einen Brief.
"Eine unbekannte Hand und ein T im Siegel –" bemerkte der Empfänger. –
"Eine unbekannte Hand – das ist in den meisten Fällen interessant, wenn es nicht von einem unsrer Handwerksleute und Lieferanten kommt – doch die Mahnbriefe sind immer unfrankirt. Es scheint eine niedliche Damenhand zu sein – so öffnen Sie doch nur, ich bin ungeheuer neugierig."
"Nein, das ist eine Teologenhand," sagte Jaromir, der in Folge eines unerklärlichen Gefühls sich beinahe scheute, den Brief zu öffnen und ihn sinnend in der Hand hielt. Endlich war das Siegel gelös't. Er las:
"Klingt Ihnen der Name Amalie noch bekannt? Amalie, die Sie einst liebten, ist eine Sterbende, und hat auf dieser Welt nur noch den einen Wunsch, sich sterbend mit Ihnen zu versöhnen, Ihre Vergebung zu erlangen. Wenn Ihnen je der letzte Wunsch einer Sterbenden heilig war, so kommen Sie heute' Nachmittag zwischen 4 und 6 Uhr in die Klosterstrasse Nr. 18, zwei Treppen, links, wo Sie an der tür den Namen finden: Doctor Talheim."
Eine ganze Vergangenheit wachte plötzlich vor Jaromir auf – er starrte regungslos auf das Papier, und stand wie angewurzelt fest – – "Amalie, Talheim – ganz recht, das war der Name ihres Gatten – –"
"Nun," fragte der Baron, "wollen Sie ewig hier stehen bleiben? Worüber sind Sie so ausser sich geraten? Kommen Sie – Bella wird Sie wieder beruhigen."
"Bella? Gehen Sie allein zu ihr, ich kann nicht mitgehen. – Aber was ist denn das?" fuhr er fort, auf das Papier starrend. – "Klosterstrasse Nr. 18 – da wohnt ja Bella auch! –"
"Aber was haben Sie denn? So kommen Sie doch nur! – Was ist denn das für ein verhängnissvolles Billet, das Sie so gedankenlos, so verdreht macht – so lassen Sie doch sehen! – Oder ist es ein zu zartes geheimnis, das einen Vertrauten nicht duldet?"
"Ja," rief Jaromir, indem er den Brief einsteckte, "es ist ein geheimnis, das einer frühern Zeit und einem frühern Menschen angehört, als der Szariny ist, der Ihr Freund ward!" und ruhiger fügte er in seinem gewöhnlichen Ton hinzu: "Rechnen Sie es mir nicht als Unart an, wenn ich Sie heute nicht zu Bella begleiten kann. –"
"Was, und Sie versprachen mir noch gestern, mich sobald als möglich bei ihr einzuführen?"
"Sie werden ihr auch ohne Einführung von meiner Seite willkommen sein – oder kommen Sie noch eine Augenblick in mein Zimmer, ich gebe Ihnen ein Billet von mir an sie mit, das ist der sicherste Weg zu ihr."
Jaromir kehrte eilig wieder in sein Zimmer zurück, und schrieb, während der Baron langsam und kopfschüttelnd nachkam, hastig an seinem Schreibtisch:
"Leider ist es mir heute unmöglich, selbst nachzufragen, wie meiner schönen Freundin die gestrige Anstrengung bekommen ist. Ich lasse mich durch meinen vertrauten Freund, Baron von Füssli, bei Ihnen vertreten, der schon längst nach dem Glück Ihrer Bekanntschaft strebte. – Sie werden in ihm einen geistreicheren und liebenswürdigeren Gesellschafter finden, als in ihrem ergebenen
S z a r i n y ."
Er las diese Zeilen hastig vor, siegelte sie dann rasch ein, und trieb damit den Baron zum Fortgehen, indem er ihm nochmals zurief: "Sie werden Bella sehr schön finden, und ich bin es gern zufrieden, wenn sie alle Rechte, die mir ihre Freundschaft gewährt, auch auf Sie überträgt."
Der Baron fand Jaromir heute so sehr in seiner von ihm so genannten Sonderlingslaune, dass er es wirklich für das Beste hielt, nicht neugierig in ihn zu dringen, und so ging er.
Als er fort war, warf sich Jaromir in das Sopha, nachdem er die tür verriegelt hatte, und sagte: "Endlich bin ich ihn los!"
Er lehnte sein Haupt mit der Stirn auf das Sophakissen, drückte noch beide hände vor, als wolle er gar Nichts sehen von der Aussenwelt, und versank in ein tiefes Sinnen.
Polen war gefallen, und Jaromir war in den ersten Jünglingsjahren mit seiner deutschen Mutter nach Deutschland geflüchtet. Der Vater war im Kampf geblieben – ein Bruder der Mutter nahm die armen Flüchtlinge auf seinem Gute auf. Die Gräfin Szariny, die in der letzten Zeit so viel erlebt hatte, alle Schrecknisse des krieges, alle Gefahren und blutigen Scenen der Revolution, den blutigen Tod des Gatten, den Verlust ihrer grossen Standesherrschaft und all' ihres Reichtums, so dass sie zuletzt in rascher Flucht Nichts retten konnte, als das Leben des einzigen, teuern Sohnes und ihr eigenes – erlag bald so vielfachen Lebensstürmen und starb. Ihr Bruder, Graf Galzenau, versprach der Sterbenden, sich ihres Sohnes anzunehmen. Der Graf war verheiratet, und hatte selbst eine zahlreiche Familie, und ein im verhältnis zu dieser und seinem Stand nicht eben beträchtliches Vermögen. Er selbst tat für den Schwestersohn, was er tun konnte, aber die Seinigen sahen immer