Louise Otto
Schloss und Fabrik
Roman
Erster Band
Vorwort
An dem Tage, wo ein Autor zu seinem buch die Vorrede schreiben kann, sagt Jean Paul irgend wo, ist er glücklich.
Jean Paul hat mit diesem Wort so Recht, wie mit manch' anderm – ich fühle das jetzt und heute. Aber wenn ein Mensch eine glückliche Stunde hat, wie sie ihm selten kommt, so macht sie ihn öfter stumm, als beredt, so dass er zu all' denen, welche ihm begegnen, oder zu ihm kommen, nicht anders zu reden weiss, als durch einen herzlichen Druck der Hand.
Und so denn auch Euch, meine Leser, jetzt kein Wort weiter, aber Gruss und Handschlag von
der Verfasserin.
M e i ss e n , im Januar 1846.
I. Die Erziehungsanstalt
"Was er mir ist? O, frage Blumenkelche,
Was ihnen wohl der Tau, der sie besprengt?"
Betty Paoli.
Zehn Uhr Abends. Um diese Stunde mussten in dem grossen haus des Herrn Doctor Nollin alle Lichter verlöscht und sollten alle Augen geschlossen sein. Und es waren viel schöne Augensterne, die da mit den Lichtern um die Wette zu leuchten aufhören mussten, statt dass manche von ihnen gewiss noch so gern abendlich geschwärmt und geblinkt hätten. Denn mehr als zwanzig junge Mädchen bewohnten dieses Haus auf der breiten, aber etwas einsamen Königsstrasse einer Deutschen Residenz zweiter Grösse. Herr und Madame Nollin leiteten nämlich ein Institut zur Erziehung und Ausbildung junger Mädchen aus den höheren Ständen. Das Institut war eben so vornehm, als kostspielig eingerichtet und daher auch nur von den Töchtern solcher Familien besucht, welchen Rang und Reichtum einen grossen Aufwand gestattete. Dasselbe das erste der Residenz nennen zu können, war der Stolz von Madame Nollin.
Zehn Uhr Abends. Auch die junge Gräfin Elisabet von Hohental hatte ihr Licht verlöscht und, der te sich bald wieder unruhig auf, zog mit der kleinen Hand die Vorhänge ihres Himmelbettes auseinander, streckte das Köpfchen hervor und vom matten Mondlicht unterstützt, blickte und lauschte sie nach der nebenan offen stehenden tür, dann rief sie halblaut:
"Aurelie!"
Kichernd sprang auf diesen Ruf ein junges, leichtfüssiges Mädchen, in den leichten Schlafrock gehüllt, die niedlichen Pantoffeln, um Geräusch zu vermeiden, in den Händen, herein und warf sich in den Sessel neben Elisabets Lager.
"Nun, gestrenge Herrin," lachte sie, "da bin ich zu Dero Befehl – ich brenne nämlich vor Neugier, zu wissen, warum Du heute den ganzen Tag so blass und schmachtend ausgesehen hast, und mit welchen grossartigen Plänen Du umgingst, als Du heute Deine Stikkerei drei Mal auftrennen musstest, ehe sie sich vor kritischen Augen sehen lassen konnte – nun beichte –"
"Kann man nicht ernstaft mit Dir reden, Aurelie?" fegte Elisabet mit etwas vorwurfsvoller Betonung.
"Nun, warum denn nicht? Wer weiss denn, dass Deine Geständnisse so gewaltig wichtig sind? Aber wirklich, was hast Du denn?" und Aurelie, indem sie die letzten Worte mit liebreich teilnehmender stimme sprach, nahm die Rechte der Freundin zwischen ihre beiden kleinen hände.
"Talheim," begann diese, "ist heute abermals aussen geblieben –"
"Nun, und was weiter?"
"Was weiter? Wäre nicht dies allein schon genug, um –"
"Um Dich zu ärgern? Möglich!" sagte Aurelie, indem sie zu gähnen begann, "es tut mir zwar sehr leid, dass du dadurch verhindert worden bist, Deinen letzten geistreichen Aufsatz vortragen zu können, dass Du heute sein Lob nicht eingeärntet hast – allein hat Deine heutige Sentimentalität keinen andern Grund, als diesen etwas lächerlich ehrgeizigen, so tut es mir wirklich leid um den Schlaf, den ich jetzt versäume."
"Es sollte mir leid tun, hielte ich Dich von irgend einem Vergnügen zurück; ist Dir der Schlaf ein solches, dann, gute Nacht!" versetzte Elisabet kalt und lehnte sich in die Kissen zurück.
Aurelie stand stumm auf, öffnete leise das Fenster und sah hinaus. Sie tat dies nur, um ein wenig Luft zu schöpfen oder vielmehr um Zeit zu gewinnen, sich mit der Freundin wieder auszusöhnen; zu schnell wollte sie dieselbe aber nicht versöhnen, um sich selbst Nichts von ihrer eignen Würde zu vergeben. Bald jedoch ward ihre Aufmerksamkeit durch Stimmen, welche sich auf der Strasse hören liessen, gefesselt.
Zwei männliche Gestalten gingen unten vorüber und die Lauschende hörte die Worte:
"So viel ist gewiss, dies ist das Institut, welchem sie angehören, aber wie aus einer so scharfbewachten Heerde gerade die Eine herausfinden, die man im Sinne hat und von der man nicht einmal weiss, ob sie Pauline oder Aurelie heisst –"
Das Wort "Heerde" klang Aurelien zwar etwas anstössig, sie konnte es nicht ohne Nasenrümpfen hören, doch als sie ihren eignen Namen verstanden hatte, strengte sie ihr Gehör auf's Aeusserste an, um vielleicht noch ein die erregte Neugierde befriedigendes Wort zu vernehmen, und so hörte sie noch eine zweite stimme sagen:
"O, ich habe mir das Engelsgesicht zu deutlich gemerkt, um es je wieder vergessen zu können, wer sie auch sei, wie tyrannisch sie vielleicht auch bewacht sein mag, ich werde Mittel finden, mich ihr zu nähern."
Die erste stimme liess darauf ein wieherndes Gelächter vernehmen – darüber schien die vorher friedliche Unterhaltung in ein Gezänk überzugehen, von dem Aurelie, da