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er treu ist; auf keinen Fall brächt' es ihm Vorteil, uns zu verraten, denn noch ist kein Preis auf meinen Kopf gesetzt. Hahaha, denken die Tintenlecker, den Cotton im wald zu fangen? Das möchte schwer halten und könnte wahrhaftig auch n u r durch Verrat geschehen."

"Ihr denkt zu schlimm von Rowson," beruhigte ihn Johnson, "er hat natürlich seine Fehler, nun die haben wir ja Alle, sonst ist er aber treu, und ich bin fest überzeugt, die Regulatoren könnten ihn schinden, ehe sie ihm einen Namen seiner Freunde über die Lippen pressten."

"Jadann müsste aber erst noch bewiesen werden, dass ich zu denen gehörte," lachte Cotton. – "Doch ade, Johnson – I h r meint's gut, das weiss ich, und auf Euch kann man auch einmal im Notfall rechnengehabt Euch wohl. Uebermorgen früh finden wir uns hier wieder zusammen, und haben wir erst einmal ein paar hundert Dollars in den Taschen, dann lebt sich's auch schon besser und sicherer. Es gibt Manche hier unter den Ansiedlern, die jetzt das Maul auf eine entsetzliche Art aufreissen und über Diebstahl und Sünde schreien, denen doch mit einer einzigen Fünf-DollarNote die Lippen zusammengeheftet werden könnten, dass sie sich nur noch zum freundlichsten Lächeln wieder öffneten. – Doch die Zeit drängtauf baldiges und frohes Wiedersehen."

Die Männer trennten sich jetzt, Cotton und Weston gingen zusammen dem Ufer des Flusses zu, Johnson aber wandte sich in gerader nördlicher Richtung durch die Büsche, überschritt die ausgehauene CountyStrasse und verschwand in den steilen, kieferbedeckten Hügeln.

Der Versammlungsort der "Pferdehändler," wie sie sich selbst nannten, lag nun ruhig und verlassen in Sabbatstille da. – Wohl eine Viertelstunde wurde diese auch durch nichts unterbrochen, als durch das einfache Schirpen des Eichhorns und das muntere Geschrei des Hehers, als sich die Büsche wiederum, ohne jedoch das geringste Geräusch zu verursachen, teilten und die dunkle Gestalt eines Indianers den kaum verlassenen Platz betrat.

Vorsichtig horchte er nach allen Seiten hin, ehe er den lichten Fleck überschrittgerade wie ein Hirsch, der, aus dem Waldesdunkel tretend, einen Pfad zu kreuzen im Begriff ist, fast stets stehen bleibt und zuerst rechts und links hinüberblickt, ob ihm keine Gefahr droheund glitt dann lautlosen Schrittes, die Augen auf den Boden geheftet, darüber hin. Plötzlich aber, und sehr wahrscheinlich durch die vielen Fussstapfen aufmerksam gemacht, blieb er stehen und überschaute spähend den engen Raum. Besonders genau betrachtete er den Platz, wo der Hund gelegen hatte, und umging dann in weiterem Kreise die kleine Lichtung, als ob er die Spuren zählen wolle, die von hier fortführten.

Er war eine kräftig schöne Gestalt, dieser rote Sohn des Landes, und das dünne buntfarbige baumwollene Jagdhemd, das seinen Oberkörper bedeckte, konnte, an vielen Stellen von Dornen zerrissen, nicht ganz die breiten Schultern und sehnigen arme verhüllen, die darunter hervorschauten. Dieses wurde um den Leib durch einen ledernen Gürtel zusammengehalten, der zugleich einen kleinen scharfen Tomahawk und, nach der Sitte der Weissen, ein breites Messer trug. Seine Beine staken in dunkelgefärbten ledernen Leggins, mit dem wohl zwei Zoll breiten Saum nach aussen, und um den Hals trug er eine grosse silberne Platte, schildartig ausgeschnitten, auf der sehr einfach, aber nicht ungeschickt ein Renntier graviert war. Sonst hatte er keinen Schmuck an sich, und selbst die Kugeltasche, die an seiner rechten Seite hing, war aller Glasperlen und bunten Lederstreifen bar, mit denen die Eingeborenen sonst so gern ihre Jagdgerätschaften schmücken. Der Kopf war ebenfalls unbedeckt, und die langen schwarzen, glänzenden Haare hingen ihm in Streifen an den Schläfen bis auf die Schultern hinunter. Seine Büchse war eine der gewöhnlichen langen amerikanischen Reifel.1

Mehrere Minuten lang hatte er seine Untersuchung fortgesetzt, dann richtete er sich hoch auf, strich die vorgefallenen Haare aus der Stirn, warf noch einen prüfenden blick umher und verschwand auf der entgegengesetzten Seite von da, wo er den Platz zuerst betreten hatte, im Dickicht.

Fussnoten

1 Rifle von rifled, "gezogen".

2.

Mehrere neue Personen erscheinen auf dem

Schauplatz. Wunderbares Jagdabenteuer des

"kleinen Mannes".

Auf der County-Strasse zogen an demselben Morgen, und kaum fünfhundert Schritt von dem im vorigen Capitel beschriebenen Dickicht, zwei Reiter hin, die augenscheinlich der besseren Farmerklasse des Landes angehörten. So sehr sie übrigens in ihrem ganzen Wesen und Aussehen von einander abstachen, so sehr schienen sie dagegen im Uebrigen zu harmonieren, denn sie unterhielten sich auf das Beste mitsammen. Der junge schlanke Mann, auf einem braunen feurigen Pony, das sich nur mit augenscheinlichem Unwillen und oft versuchter Widersetzlichkeit dem langsamen Schritt fügte, in den es sein Herr zurückzügelte, lachte wenigstens oft und laut über die Spässe und Bemerkungen, die ihm sein kleiner wohlbeleibter Gefährte zum Besten gab.

Dieser war ein Mann etwa in den Vierzigen, mit sehr vollem und sehr rotem Gesicht und dem freundlichsten, gemütlichsten Ausdruck in den Zügen, der sich nur möglicher Weise in eines Menschen Gesicht hineindenken lässt. Seine runde, stattliche Gestalt entbenswürdige Weise, und die kleinen lebhaften grauen Augen blitzten so fröhlich und gut gelaunt in die Welt hinein, als hätten sie in einem fort sagen wollen: "Ich bin ungemein fidel, und wenn ich noch fideler wäre, wär's gar nicht zum Aushalten."