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zögernd.

"Stört ihn heute Abend nicht mehr," bat Roberts – "er hat als Indianer seine eigenen Ansichten und Gefühle, und ich glaube kaum, dass ihm bei denen der Anblick eines Weissen, und wäre es der eines Freundes, willkommen ist."

Die Männer entzündeten hiernach ihre grösstenteils verlöschten Kienfackeln wieder, bestiegen die Pferde und ritten langsam zu Mullin's haus zurück. – Das einsame Blockhaus aber umschloss still und schweigend die beiden Wesen, die, wenn auch nicht freundlos, doch fremd unter einem volk gelebt, das ihren Stamm vernichtet und aus dessen Mitte jetzt eine Mörderhand die letzte zarte Blüte zernickt hatte.

Der dunkelklare Himmel funkelte in all' seiner mitternächtlichen Herrlichkeit, rauschende Lüfte spielten mit den hochragenden Wipfeln der riesigen Bäume und schlugen in abgemessenen Zwischenräumen die gewaltigen guirlandenartigen Weinreben an die schlank aufstrebenden Stämme an; der Fluss tobte dazu schäumend und brausend dicht an der halbverfallenen Hütte vorbei, und es war fast, als ob er gierig hinauflecke nach der blutigen Leiche und sich danach sehne, sie in seinen Armen mit fortzuführen, ein Spiel dem noch wilderen Gesellen, dem breiteren und mächtigeren Arkansas.

In dem inneren raum aber, des Rauschens der Wipfel, des murmelnden Brausens der aufgeregten wasser nicht achtend, sass zu den Füssen seines toten Weibes der Indianer und schaute schweigend und sinnend, wie ihn die Männer verlassen hatten, auf ihr schmerzdurchzucktes, blutiges und doch noch so schönes Antlitz. Das Feuer war ziemlich niedergebrannt und nur noch manchmal glühte vor dem Erlöschen ein roter Flammenstrahl daraus empor, um die nachfolgende Dunkelheit so viel auffallender und unheimlicher zu machen. Da sprang auf einmal, wie von einer Natter gestochen, der rote Sohn der Wälder emporseine Augen drängten sich fast aus ihren Höhlen, mit bebenden Händen warf er, was er an dürren Spänen in der Nähe fand, auf die fast verglommene Glut, fachte diese in zitternder Hast wieder zur neuen Flamme an, wandte sich jetzt in Fieberglut zu der Leiche und beobachtete mit ängstlicher Sorgfalt ihre Züge.

Ach! das ungewiss flackernde Licht hatte ihn getäuscht, ihm war es gewesen, als ob sich die starren Züge wieder belebt, die bleichen Lippen geöffnet hätten. Er konnte sich ja noch nicht zu der überzeugung zwingen, dass das Weib seines Herzens, seine Alapaha, hier tottot zu seinen Füssen liege, und an jeden Strahl von Hoffnung klammerte sich mit der Kraft der Verzweiflung die sinkende, schmerzdurchschauerte Seele. Bald erfüllte den Unglücklichen aber nur zu sicher die schreckliche Wahrheit. Alapaha, die Blume der Prairien, war wirklich totnur eine gefühl- und seelenlose Leiche traf sein liebender blick, und traurig entfielen die flammenden Späne der matt und kraftlos niedersinkenden Hand.

Der augenblickliche Hoffnungsstrahl hatte ihn jedoch wenigstens aus seiner träumenden Letargie aufgerüttelt; er strich sich die langen, wild und unordentlich seine Schläfe umflatternden Haare aus der Stirn, schaute, fast wie ungläubig, einige Secunden in dem engen Raum umher und bebte erst dann schaudernd wieder zusammen, als er dem starren Geisterblick der Gebliebten begegnete.

Die Wölfe, die in der vorigen Nacht nicht gewagt hatten, das von Menschenhänden errichtete Gebäude zu betreten, näherten sich jetzt, und zwar durch Hunger kühner geworden, der Stelle, welche ihre schauerliche Beute entielt. Scheuchte sie aber schon die Witterung der vielen frischen Fährten zurück, so ward ihre Furcht noch durch die Nähe eines lebenden Wesens vermehrt, und schon umzogen sie in weiten Kreisen die wohnung des Todes und heulten in klagend ängstlichen Weisen ihren Leichengesang. Assowaum achtete ihrer kaum; er kannte diese Hyänen des Waldes, fürchtete sie aber nicht und beschäftigte sich nur mit dem früheren Gegenstand seiner Liebejetzt seines Schmerzes. Noch einmal schürte er das Feuer an, dass es in hellen Flammen die Wände der Hütte wie mit Tageshelle erleuchtete, und wanderte nun spähend umher und forschte nach Spuren und Zeichen der verübten Tat.

Die Hütte, vor langen Jahren von einem neuen Ansiedler errichtet, der sie bald darauf wieder verliess, war seit dieser Zeit nur höchst selten von einzelnen Jägern bei stürmischem Wetter als Lagerplatz benutzt worden, und deshalb gänzlich vernachlässigt und verfallen. Früher hatte auch wohl der erste Besitzer ein kleines Stückchen Land dicht daneben urbar gemacht und Mais darauf gezogen, jetzt aber nahm kräftig aufwachsendes Unterholz mit seinen engverzweigten Wurzeln den Acker ein, und selbst im inneren der Hütte verrieten einzelne junge Stämme die üppige Vegetation des Bodens, der hier, von Regen und Sonnenschein gleich entfernt gehalten und nur durch die Feuchtigkeit des vorbeiströmenden Flusses genährt, mehrere junge Eichen- und Hickorystämmchen an derselben Stelle emporgetrieben hatte, wo vor noch nicht so langer Zeit Menschen unter schützendem dach gehaust. Neben einem dieser Schösslinge lag die Leiche, Assowaum suchte jetzt vergebens nach Spuren, die ihm den Mörder hätten verraten können. Der Boden war zu hart, um die Spuren eines Menschenfusses in deutlichen Umrissen bewahrt zu haben, und was sich noch etwa hätte zeigen können, hatten die Männer zertreten. Nur dort, dicht neben dem kleinen Gestell, auf dem Alapaha das von dem Gatten erlegte Hirschfleisch getrocknetin der zerstreuten Ascheentdeckte er, von den Anderen noch nicht zerstört, die teilweise Fussspur eines Mannes.

Assowaum betrachtete sie lange und aufmerksam, es war aber nur der vordere teil des Fusses, er konnte nicht die ganze Länge erkennen, und dann wieder rührte sie von einem solchen Stiefel her, wie ihn Brown trug; es mochte des jungen Mannes Spur sein, der ja eben erst die Hütte verlassen hatte