1846_Gerstcker_144_77.txt

doch sonst so pünktliche Stunden."

"Wird wohl mit Roberts kommen," war die Antwort – "in drei Wochen ist ja die Hochzeit, und da darf er die Braut doch nicht so lange mehr allein lassen."

"Was? – Hochzeit?" frugen drei oder vier Andere, sich neugierig hinzudrängend, "ist's wirklich wahr, dass Mr. Rowson Marion heiratet?"

"Ich hab's von der Mutter selbst, und die sollt' es doch wissendass sie einander lieben, war ja ausserdem schon lange eine altbekannte Sache. Uebrigens muss ich Sie bitten, noch keinen Gebrauch davon zu machen, denn ich weiss nicht, ob es schon veröffentlicht werden darf. – Aber wahrhaftig, da kommen Roberts o h n e Mr. Rowson; nun weiss ich doch in der Tat nicht –"

"Er war ja an den Arkansas gegangen," meinte ein Verwandter von Bowitt, "am Ende hat er so viele Geschäfte dort zu besorgen, dass er gar nicht zur rechten Zeit zurück sein kann."

"Das wäre recht schade," seufzte die jüngste Miss Smeiers; "ich hatte mich so auf die Predigt heute gefreut."

"Oh, er kommt gewiss," rief die alte Madame Smeiers, eine wohlbeleibte, freundliche Matrone, "es tut auch not, dass wir in der Ansiedelung hier Gottes Wort recht fleissig hören. Solche Sündhaftigkeit, wie j e t z t überhand zu nehmen drohtder Herr wolle uns nur gnädig bewahren!"

"Und dabei gibt's noch Leute, die gar nicht an's Beten denken," sagte Mrs. Bowitt – "Leute, die zu keiner Versammlung gehen, und wenn sie im Nachbarhause gehalten würdenLeute, die fluchen und schwören –"

"Ach, wenn ich nur meinen Mann ein einziges Mal dazu bewegen könnte, das Wort Gottes mit anzuhören," sagte Mrs. Hostler – "jedesmal verspricht er's mir, und n i e hält er's."

"Sie müssen es mit ihm so machen, wie ich neulich mit meinem mann," erwiderte Mrs. Hennigs; "der hatte sich Nachmittags ruhig in die Ecke zum Schlafen hingelegt, und wie er erwachte, sass das ganze Zimmer voller Menschen und der Prediger vom Petite-Jeanne drüben fing gerade sein Gebet an. Die Augen hätten Sie einmal sehen sollen, die Hennigs machte; er konnte' es aber nicht mehr ändern und musste geduldig aushalten. Noch zwei- oder dreimal so, und ich bin überzeugt, er kommt von selbst. – Ach, wenn sie nur erst einmal das Süsse und Wohltuende einer solchen Predigt empfunden haben, dann zieht sie's immer wieder hin."

"Mr. Hennigs hat aber zu meinem Mann gesagt," behauptete Madame Smit, "dass er sich das nächste Mal die Hunde mit zum Schlafen hineinnehmen wollte, damit die Spektakel machten, sobald Jemand käme."

"Das soll er sich nur unterstehen!" rief Mrs. Hennigs entrüstet; "die Hunde auf meine Betten, nicht wahr? Da wollt' ich denn doch einmal sehen, werGuten Abend, Mrs. Roberts," unterbrach sie sich selbst, als in diesem Augenblick die Genannte mit ihrer Tochter in das Haus trat – "wie geht's, Miss Marion?"

Begrüssungsformeln wurden nun von allen Seiten gewechselt, und die Frauen hatten, in übergrossem Eifer, den neuen Putz der immer wieder neu Hinzukommenden zu mustern, ganz übersehen, dass Mr. Rowson indessen wirklich angekommen war und jetzt plötzlich mit einem freundlichen Gruss mitten unter ihnen stand.

Aber, grosser Gott, wie sah er aus! Sein Antlitz war bleich, seine Wangen hohl, die Augen eingefallen und seine Sprache zitterte merklich, als er, den linken Arm tief in die Weste hineingeschoben, die niedere Schwelle heraufstieg.

"Mr. Rowson!" riefen die Frauen fast wie aus Einem mund – "sind Sie krank? Was fehlt Ihnen denn? – Sie sehen ja todtenbleich aus!"

"Sie müssen krank sein!" sagte Mrs. Roberts, indem sie an ihn herantrat – "oder ist etwas vorgefallen?"

"Neingar nichtsich danke Ihnen," erwiderte freundlich lächelnd der Prediger – "von ganzem Herzen danke ich Ihnen für Ihre Teilnahme, meine verehrten Freundinnen und Schwestern, es ist aber nur eine etwas übermässige Anstrengung. Ich komme aus den nördlichen Niederlassungen herunter und bin die ganze Nacht geritten, um mein Wort zu halten und zur bestimmten Zeit hier zu sein. Das mag mich wohl etwas zu sehr angegriffen haben, da mein Körper an dergleichen nicht gewöhnt ist."

Er trat dabei zu Marion und reichte ihr freundlich die Rechte, als diese die sonderbare Haltung seines linken Armes bemerkte und ihn besorgt fragte, ob er sich auf irgend eine Art verletzt habe.

"Eine Kleinigkeit," erwiderte der Priester – "die bald vorübergehen wird. Mein Pferd stürzte gestern Abend über einen im Wege liegenden Ast und warf mich gegen einen Baum, wobei ich mir den Arm ein wenig aufriss. Da es ganz unbedeutend war, achtete ich im Anfange gar nicht darauf; nach der sehr feuchten, unfreundlichen Nacht schwoll es jedoch gegen Morgen an, und der Arm ist mir jetzt etwas steif geworden. Es wird jedoch, wie gesagt, bald vorübergehen."

"Ach, Mr. Rowsonich