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noch überhaupt das Herz habt, hierher zu kommen."

"Kindergeschichten," murrte der Andere. – "Es wird übrigens nicht lange trocken bleiben, wir bekommen wahrscheinlich einen nassen Morgen."

"Vielleicht nicht, meiner Meinung nach fängt es an kälter zu werden, und dreht sich der Wind –"

"Nun, was habt Ihr?" fragte der Eine, als Jener, durch irgend etwas gestört, plötzlich in seiner Rede einhielt.

"War mir's doch, als ob ich hier ganz in der Nähe ein Pferd stampfen hörte," sagte dieser.

"Oh, Unsinn," murrte sein Kamerad – "die Tiere stehen eine Viertelmeile von hier entfernt. – Doch kommt, es scheint wirklich, als ob es besser Wetter werden wollte."

Die Tür öffnete sich wiederdie Männer traten hinaus, und Totenstille herrschte auf's Neue in der verödeten, dunklen Hütte. Lange aber noch lag Brown regungslos in seine Decke gehüllt und lauschte dem Sturm, der jetzt tobend durch die Ritzen und Spalten des Hauses pfiff, mit den losgerissenen Dachbrettern spielte, in den Wipfeln der Bäume rauschte und seine Bahn in tollem Mutwillen die breite Fläche des Arkansas nieder verfolgte.

"Wer konnten nur die Männer gewesen sein, die hier in solcher Nacht und an solcher Stelle mit einander verkehrt hatten?" Das war der Gedanke, der ihn fast einzig und allein beschäftigte. Etwas Gutes lag nicht in ihrem Plane, sonst hätten sie bessere Zeit und gelegenheit gewählt – w e r aber waren sie? Die e i n e stimme besonders kam Brown bekannt vor, und er wusste genau, dass er dieselbe schon einmal gehört hatte. Wo aber oder wann, hier in Arkansas oder in Missouri, ja gar über dem Mississippi drüben, das war ihm nicht möglich zu entscheiden. Im Nachdenken darüber verwirrten sich jedoch seine Ideen wiederer schloss die Augen, zog die Decke über den Kopf, um ungestört von äusseren Eindrücken jene stimme in die verborgensten Tiefen seines Gedächtnisses verfolgen zu können, undträumte in wenigen Minuten wieder. Die beiden Stimmen wurden ihm dabei immer bekannter, immer vertrauter, und zuletzt konnte er sogar die Gestalten erkennenMarion und Rowson, wie die Geliebte vor der Umarmung des ihr aufgedrungenen Bräutigams zurückflohimmer weiter und weiter, und ihr Verfolger immer tollere und entsetzlichere Gestalten annahm, ihr immer näher und näher kamsie zu erfassen drohte, und das arme Mädchen endlich in höchster Todesangst um Hilfe hinausrief in die dunkle, stürmische Nacht.

Entsetzt warf er die Umhüllung von sich und sprang emporder kalte Schweiss stand ihm auf der Stirn, doches war ja nur ein Traum gewesen. Draussen aber heulte der Uhu sein monotones, schauriges Morgenlied, ein paar Wölfe antworteten aus weiter Ferne, und ein mattes Licht, das von dem öslichen Himmel ausging, kündete den nahenden Morgen.

Die Luft war bitterkalt geworden, der Wind hatte sich nach Nordost gedreht, und kein Wölkchen trübte mehr das reine, blaue Himmel. Brown, den die Vorfälle der Nacht jetzt fast wie ein wirklicher Traum vorkamen, da sie sich mit dem seinigen verschmolzen, blieb sinnend und brütend stehen und versuchte auf's Neue, aber wiederum vergebens, jene Personen mit von ihm erlebten Scenen zu verbinden. Umsonster musste den Versuch endlich aufgeben, und ging nun mit um so grösserem Eifer daran, sich in der Beschäftigung des Augenblicks zu zerstreuen und zu vergessen, was er doch nicht ändern oder ergründen konnte. Mit dem letzten Mais, der ihm geblieben, fütterte er sein Pony, führte es dann an eine kleine, durch das feuchte Wetter gebildete Lache, um seinen Durst zu löschen, sattelte es und war schon im muntern Trabe auf dem Heimweg, ehe noch die Sonne durch einen einzigen Strahlengruss ihr Kommen angekündigt hatte.

Die frische Morgenluft und der scharfe Ritt gaben aber seinem Körper wie seiner Seele neue Spannkraft, und das kleine mutige Tier, das er ritt, trabte, von dem leichten Schenkeldruck berührt, mit freudigem Schnauben durch das flache, sumpfige Tal des Arkansas, bis es die ersten niederen Hügelreihen betrat und nun, festen Boden unter den Hufen fühlend, über denselben hinflog, als ob es sich selber danach sehne, die heimische Weide recht bald wieder zu begrüssen.

Da sah der Reiter auf dem breiten, ausgehauenen Wege, dem er folgte, einen Fussgänger schnell daher schreiten und erkannte im Näherkommen zu seinem unbegrenzten Staunen den Indianer.

"Assowaum!" rief er, indem er dem Pony mit rascher Hand in die Zügel griff. Das blieb übrigens schon von selber stehen, da es roten Krieger gut genug kannte und wohl wusste, es verstehe sich von selbst, dass die beiden befreundeten Männer auch mit einander plandern müssten. – "Assowaumwas in aller Welt führt Dich dieses Weges? wohin willst Du?"

"Bis zu dieser Stelle," antwortete ruhig der Indianer, indem er die ihm dargereichte Hand fasste und drückte.

"So hast Du m i c h gesucht? was ist vorgefallen?"

"Vielsehr vielund weiss mein Bruder gar nichts davon?"

"Ich? woher ichwar ich nichtund dochdie beiden Männer in der letzten Nachtihre geheimnissvolle Zusammenkunftwer weiss, in welcher Verbindung das mit dem steht, was Du mir zu sagen hast. Doch heraus mit der Spracheich brenne vor Neugierde."