und wie ich drüben hörte, soll er den Mississippi hinauf nach haus gegangen sein."
"Das Haus steht noch?"
"Ja, Massa – aber –"
"Nun – aber? – ist kein Dach drauf?"
"Oh ja, Massa – ein gutes Dach – Alles in Ordnung noch – aber – die Leute drüben erzählen – es wäre nicht ganz richtig in dem haus."
"Nicht richtig, wie so?"
"Nun – die Frau, die sie dort unter den fünf Pfirsichbäumen begraben haben, die soll –"
"etwa noch gar ihr Wesen treiben?" lächelte der Fremde.
"Ahem!" nickten die beiden Schwarzen jetzt sehr bedeutend zusammen und sahen ängstlich die öde Uferbank hinauf und hinunter.
"Weshalb glaubt man das?" fragte der Weisse, indem er sich zum Gehen wandte – "hat Jemand den Geist gesehen?"
Wieder nickten die beiden Neger auf eine lebensgefährliche Art mit den Köpfen, denn es schien fast unmöglich, mit solcher Kraft eine solche Bewegung auszuführen, ohne das Genickdabei zu brechen. Uebrigens bedurfte es einer zweiten Frage, um etwas Näheres über die gespenstische wohnung zu erfahren, und der, welcher zuerst gesprochen, sagte dann aus, dass man sich allerlei entsetzliche Geschichten von jener Stelle erzähle, worunter die allgemeinste die sei: "Der Mann habe zuerst seine Frau, die er los zu sein wünschte, und nachher die beiden Kinder ermordet und sich dann auf einem Dampfschiff den Fluss hinunter begeben; wohin? wisse man nicht. Das Grab hätten jedoch nach seiner Abreise zwei Doktoren in Gegenwart von Gerichtspersonen geöffnet und ihren Verdacht bestätigt gefunden; einer der Doctoren solle übrigens die beiden Kinderleichen gestohlen haben, und die Mutter suche nun Nachts ihre Kleinen und kehre erst mit der Morgendämmerung in das Grab zurück."
Der Neger glaubte jetzt wahrscheinlich zu viel über einen so schaurigen Gegenstand gesprochen zu haben, als sich mit der Nähe des Ortes und der mehr und mehr einbrechenden Dunkelheit vertrug, stiess daher, ohne weiter eine Antwort abzuwarten, vom Ufer, wünschte dem Fremden eine gute Nacht, und gleich darauf glitt, unter den langsamen, aber kräftigen Ruderschlägen, das breite, unbehülfliche Fahrzeug über den Strom zurück.
Brown, denn kein Anderer als unser junger Freund war der Fremde, der sich auf seinem Rückweg nach dem Fourche la fave befand, schaute ihm noch lange sinnend nach. Weiter und weiter verschwand es in dem feuchten Nebel, der sich auf der Wasserfläche lagerte, und schien endlich nur noch ein unbestimmter dunkler Fleck, von welchem aus jedoch die abgemessenen Schläge der Ruder scharf und deutlich herübertönten. Endlich verschollen auch diese – das Boot hatte sein Ziel erreicht, und wie aus einem Traum erwachend, seufzte der junge Mann schwer und sorgenvoll, stieg dann zu seinem grasenden Tier empor, ergriff dessen Zügel und schritt langsam den schmalen Fusssteig hinauf, der von der Fährbootlandung zu der obenliegenden Fläche führte.
Dort angelangt, blieb er einen Augenblick stehen und überschaute schweigend die vor ihm ausgebreitete, mit düsteren Regenwolken überhangene Landschaft. Wenige hundert Schritt vom Flusse aus schien der Boden durch das Steigen des mächtigen Stromes aufgewühlt und mit dem weissen, ihm eigentümlichen Sand viele Fuss hoch bedeckt zu sein. An manchen Stellen waren sogar Birken und Baumwollenholzstämme halb von ihm verschlungen, und die Erde selbst glich mit ihren langen, wellenförmigen Erhöhungen einem wogenden Meer. Weiterhin aber, wo die Gewalt des angeschwollten Stromes durch Dikkichte von Papaos und Platanen gehemmt worden, lag die weisse, blendende Sandschicht wie eine ebene Schneedecke auf dem ursprünglichen Fruchtboden und dehnte sich bis dortin aus, wo das Land, höher steigend, dem gierigen Strom einen Damm entgegengestellt hatte. Dort bildete grünes, üppiges Gras den weichen Teppich einer Art Prairie, an den sich ein weiter, ungeheuer grosser, wilder Pflaumengarten schloss. Solche "Pflaumengärten" findet man in den westlichen Staaten nicht selten, und ihre buschig niederen Fruchtstämme sind sämtlich in früheren zeiten von den Indianern, besonders den Cherokesen, gepflanzt worden. Die früheren Eigentümer dieses Landstrichs hatte man jetzt freilich von ihrem Grund und Boden vertrieben und weiter westlich transportiert, und der Garten war zur Wüste geworden.
Am rand dieses "Cherokesischen Pflaumengartens," wie der Ort von den Bewohnern jener Gegend noch immer genannt wurde, lag nun das vorerwähnte kleine Haus, das, nach des Negers Aussagen, solch' unheimlichen Gäste beherbergen sollte. Brown wandte sich aber nichtsdestoweniger jener Stelle zu und erreichte mit einbrechender Dunkelheit den verrufenen Ort.
Es war eine jener kleinen Niederlassungen, wie sie sich zu Tausenden in dem fernen Westen Amerikas finden: eine niedere Blockhütte, mit jetzt umgeworfenem Lehmkamin, ein kleines, verwildertes, etwas zwei Acker grosses Feld, dessen Umzäunung teils niedergefault, teils verbrannt war, ein halbverfallenes Seitengebäude, das wahrscheinlich als Küche oder Vorratskammer gedient hatte, und ein umgestürzter Brunnen, dessen Oeffnung das abgesägte Stück eines hohlen Baumes bedeckte. Der Platz schien seit langen Jahren nicht mehr bewohnt, aber etwas so Wildes, Unheimliches ruhte auf der verödeten Stätte, dass Brown unwillkürlich, als er eben die niederliegende Fenz überschreiten wollte, inne hielt und nach der benachbarten Baumgruppe hinüberschaute, gleichsam mit sich zu Rate gehend, ob ein Nachtlager im Freien, unter den grünen Bäumen des Waldes, nicht dem in der, wenn auch trockenen, doch keineswegs traulichen wohnung vorzuziehen sei. Ein stärkerer Windstoss von Westen her, der ihm den Nebel in dünnem, kaltem Sprühregen entgegenwarf, machte aber seiner Unschlüssigkeit auf einmal ein Ende,