brach endlich Marion das peinlich werdende Schweigen. "Sie nahmen sich so freundlich und tapfer meines – des Mr. Rowson an und – setzten sich selbst so grosser Gefahr aus."
"Nicht so grosser, als Sie vielleicht glauben, mein fräulein," erwiderte Brown zögernd – "der Bursche ist ein Feigling und suchte nur mit Mr. Rowson Streit, weil er von diesem – weil dieser als Prediger nicht darauf eingehen konnte."
"Sie wollten etwas Anderes sagen? Sprechen Sie es aus – Sie halten Mr. Rowson für feig?"
"Er ist Prediger, Miss Roberts, und es würde ihm einen gar schlechten Namen in der Gemeinde machen, wollte er Händel suchen."
"Nicht suchen, aber – es bleibt sich gleich – Sie nahmen sich seiner an – es ist mir ein recht wohltuendes Gefühl, dass Sie so gut mit einander befreundet sind. Wo haben Sie sich eigentlich kennen gelernt?"
"kennen gelernt? befreundet? Miss Roberts, ich kenne Mr. Rowson gar nicht – wir haben heute die ersten Worte mit einander gewechselt."
"Und Sie setzten Ihr Leben für ihn auf das Spiel?" fragte Marion schnell, während sie erstaunt stehen blieb und dem jungen Mann in das grosse blaue Auge sah.
"Ich hörte, dass – er – Ihnen verlobt sei – ich sah Sie erbleichen und – ich bin etwas heftiger Gemütsart. Der Zorn übermannte mich selbst über den rohen Burschen; ich war wohl etwas rascher, als ich eigentlich hätte sein sollen; aber mein Gott, Miss Roberts – Sie werden wieder unwohl, wollen wir uns nicht einen Augenblick auf diesen Stamm setzen?"
Marion liess sich von ihm zu einem der Bäume führen, die beim Aushauen der Strasse gefällt und auf die Seite gerollt waren, um dort im Lauf der Zeit zerstört zu werden. Wieder trat eine lange Pause ein, und Marion fragte endlich leise:
"Sie wollen uns verlassen, Mr. Brown? Vater sagte vorhin, dass Sie in den Freiheitskampf nach Texas zögen."
"Ja, Miss Roberts, es wird besser für mich sein, wenn ich eine derartige Beschäftigung finde. – Ich möchte Manches vergessen, und dazu ist ein Kampf wohl das passendste Mittel. Vielleicht kommt dann auch eine mitleidige – ich werde wahrscheinlich einen Pferdehandel mit Ihrem Vater machen."
"Sie scheinen nicht glücklich zu sein," sagte leise das schöne Mädchen, indem es ernst und sinnend zu ihm aufsah. – "Sie lebten lange in Kentucky?"
"Ich verliess Kentucky mit leichtem Herzen!"
"Und hat Arkansas Ihnen solchen Schmerz bereitet? Das ist nicht schön – ich habe das Land bis jetzt so lieb gehabt." –
"Sie werden es auch lieb behalten. – In wenigen Wochen feiern Sie die Verbindung mit dem mann Ihrer Wahl, und mit dem Herzen, das man liebt, muss ja die Wüste zum Paradies werden, wie viel mehr denn der schöne Wald, das wunderliebliche Klima von Arkansas. – Ach, es gibt doch noch recht glückliche Menschen auf der Erde!"
"Und wen zählen Sie dazu?"
"Rowson!" rief der junge Mann und erschrak dann selbst über die Kühnheit dieses Wortes.
"Die Mosquitos sind recht arg auf dieser Stelle," sagte Marion, indem sie schnell aufstand, "lassen Sie uns weiter gehen, Mr. Brown. – Wir werden auch bald wieder umkehren müssen – die Sonne steht nicht mehr hoch."
Auf's Neue verfolgten sie schweigend eine Zeit lang ihren Weg.
"Sie wohnen mit Ihrem Onkel ganz allein, nicht wahr, Mr. Brown?" fragte endlich Marion wieder nach langer Pause, "Mutter sagte mir wenigstens so."
"Ja, mein fräulein – wir führen eine Junggesellenwirtschaft; ein rauhes Leben."
"Ihr Onkel ist gar ein wackerer Mann – immer heiter – immer zu einem Scherz bereit; und hat dabei so etwas Ehrliches, Offenes im blick – ich war ihm vom ersten Augenblick an gut, wo ich ihn sah; – so ernst wie heute hab' ich ihn übrigens noch nie gesehen. – Aber auch Sie kommen mir heute recht ernst vor; die bösen Menschen sind an dem Allen schuld."
"Mr. Rowson wird sich wohl hier in der Gegend ankaufen? Ich hörte, dass Mr. Roberts sagte, er erwartete erst einen teil seines Vermögens."
"Ja" – flüsterte Marion – "Vater wollte es so – Vater – war überhaupt gegen diese Verbindung."
"Das ist nicht recht von Ihrem Vater, Miss – er darf dem Glück des eigenen Kindes nicht im Wege stehen."
"Er behauptete aber, dass ich nicht glücklich werden würde," sagte Marion, wehmütig lächelnd.
"Ist die Liebe nicht das grösste Glück?"
"Man sagt so."
"Man sagt so? Lieben Sie denn nicht Ihren Bräutigam?"
"Mutters ganzes Herz hing an dieser Verbindung. Durch den gottesfürchtigen Wandel des frommen Mannes eingenommen, glaubte sie für mich nicht besser sorgen zu können, als wenn sie mich vermochte, ihm meine Hand zu reichen. Ich bekam hier im wald wohl manchen Mann zu sehen, aber keiner hatte Eindruck auf mich gemacht. – Die wilden, rauhen Streifschützen, die zügellosen Flossleute – die Otterfänger und selbst die ungebildeten Farmer, die sich hier in unserer Nähe niederliessen, waren Alle nicht geeignet, mein Herz zu gewinnen.