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Wo solche Schurkereien vorfallen, da muss den Schuften einmal bewiesen werden, dass der alte Geist in uns Hinterwäldlern noch nicht etwa erstorben ist. Nunsie werden's auch ohne uns, die wir doch nun einmal hier, wo wir vollauf zu tun haben –"

"Aber sagtet Ihr nicht," fragte Mrs. Roberts schaudernd, – "dass jener RowsonjenerRowson –"

"Lass das jetzt sein, Alte," unterbrach sie schmeichelnd Roberts – "wenn Du wieder recht wohl und kräftig bist, dann wollen wir über die Vorfälle genauer sprechen, bis dahin hören wir auch das Resultat des Regulatorengerichts. Aber nun, Mädchen, schafft einmal an, was Küche und Rauchhaus zu bieten vermögen. Wir feiern heute ein fest, ein fest der Erlösung, und zwar ein doppeltes, in geistiger und leiblicher Hinsicht, denn in leiblicher sind uns diese verwünschten Pferdediebe, vor denen kein Huf im Stalle mehr sicher warHostlern haben sie neulich versucht, seinen Hengst mitten aus dem Hofraum zu stehlen, und seine Fenz ist über elf Fuss hoch. Uebrigens hat er keine 'Reiter'1 dran, und ich habe es ihm –"

"Und in geistiger können wir unserem Herrgott fast noch mehr danken –" unterbrach ihn Bahrens, als er fand, dass Roberts wieder mit verhängten Zügeln nach New-York sprengte – "jetzt wird das Predigen doch einmal ein wenig nachlassen."

"Aber, Mr. Bahrens," sagte in vorwurfsvollem Ton die Matrone – "wollen Sie die Schuld aus eine so heilige Sache werfen?"

"Nein, sicherlich nicht", erwiderte dieser, um Alles zu vermeiden, die noch nicht ganz Genesene zu kränken – "sicherlich nichtaber das Gute hat es, dass wir künftig in der Wahl der Prediger sehr vorsichtig sein werden, und auch mit Recht. Ein gebranntes Kind scheut das Feuer."

"Hallo da!" rief Harper dazwischen – "hier ist verboten worden, die Sache weiter zu berühren, bis wir erst einmal eine ordentliche Mahlzeit im Magen haben, und das sind' ich nicht mehr wie recht und billig. Seit gestern Abend sitzen wir hier neben dem Bett und hungern; das mag ein Anderer aushalten."

"Gleich sollen Sie befriedigt werden, bester Herr Harper," sagte Marion, ihm lächelnd das Händchen hinüberreichend – "Sie dürfen schon nicht böse seinMutter –"

"Bstbstkeine Entschuldigungen," lachte der kleine Mann – "ich weiss Alleshabe den Hunger bis jetzt selbst nicht gespürt. Aber nun kommt's, darum meld' ich's auch gleich, eh' es zu spät oder später wird; von Mittag kann's so nicht weit mehr sein."

"Wie wär's, wenn wir jetzt noch nach der Versammlung hinüberritten?" fragte Bahrens – "ich hätte gewaltige Lust, daran teil zu nehmen."

"Wir kämen doch zu spät," erwiderte Roberts; "der Platz ist ziemlich weit, deshalb warten wir's besser ab. Brown und Wilson haben mir Beide versprochen, heute Abend noch hinüber zu kommen und das Resultat zu melden. Es ist sehr gefällig von ihnen."

"S e h r !" sagte Harper und warf einen Seitenblick nach Marion hinüber. Diese aber schien, mit der Mutter beschäftigt, die Bemerkung ganz überhört zu haben, während Ellen sich ebenfalls herumwandte. Mit ausserordentlich lobenswertem Eifer blies sie die fast verglommenen Kohlen im Kamin zur hellen Flamme an und legte Holz nach, um die verspätete Mahlzeit für die Mutter zu kochen.

Der Abend rückte indessen heran; Mrs. Roberts hatte sich wieder vollkommen erholt, und da das Wetter mild und warm war, so sassen Alle unter den blühenden Dogwoodbäumen im kleinen Gärtchen. Der Platz war aber besonders freundlich, denn nicht allein standen hier viele Schattenbämne, sondern Marion's sorgsame hände hatten hier auch manche wilde Waldblumen heimisch gemacht, die mit ihrem Farbenschmelz das Auge erfreuten.

Wie oft sie aber auch das Gespräch auf fernliegendere, gleichgültigere Gegenstände bringen mochten, immer flogen wieder die Augen hinüber nach der Gegend, aus der sie die Freunde erwarteten, und immer wieder war das wahrscheinliche Resultat jener ernsten Verhandlungen die Axe, um die sich ihre Vermutungen und Bemerkungen drehten.

"Sie werden ihn Wohl nicht so hart bestrafen," sagte Mrs. Roberts endlich nach kleiner Pause, in der sie nachdenkend vor sich niedergestarrt hatte – "wenn die Wunde so bös war, ist ja das schon Züchtigung genug –"

"Für solche Verbrechen?" fragte ernst und mahnend ihr Gatte. Schaudernd barg die Matrone ihr Antlitz in den Händen.

"Der Indianer hatte Mitleiden mit ihm," flüsterte schüchtern Marion – "er pflegte ihn mit einer Sorgfalt, deren ich ihn nicht für fähig gehalten hätte –"

"Der Indianer?" fragte, staunend zu der Tochter aufschauend, die alte Frau – "der Indianer pflegte denMörder seines Weibes?" wiederholte sie dann immer noch ungläubig und verwundert.

"Jawie wir das Vieh pflegen, das wir schlachten wollen," sagte Bahrens mit einem leisen Schauder; "mir ist der Indianer noch nie so entsetzlich vorgekommen, als in seiner zärtlichen Sorgfaltich kann sein Bild gar nicht los werden."

"Und Duarmesarmes Kind," wandte sich die Mutter jetzt liebevoll zu der neben ihr sitzenden Jungfrau; "