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kennen ihre Beute. Wir sind jetzt die Aasgeier, bis Abend müssen wir die Hütte umschwärmen. Der blasse Mann hält den Lauf seiner Büchse auf Assowaum gerichtet, wie der Trutahn nach dem Adler blickt, wenn er über ihm kreist. Sobald aber der Whip-poor-will zum ersten Mal schreit, dann verschwimmt das Korn seines Rohres, und er muss nach allen Gegenden hin achten, ob er nicht den Schlachtschrei der Odjibewas höre."

35.

List und Gegenlist. – Der UeberfallIndianer

und Metodist.

"Spart Eure Kugeln!" sagte Cotton ärgerlich, als Rowson auf den hinwegschleichenden Indianer im Anschlag lag und endlich, als er die schmale Lichtung übersprang, nach ihm schoss – "Ihr möchtet sie besser gebrauchen können. Der Indianer ist uns jetzt nicht gefährlicher, als irgend Einer der Anderen. Fielen wir der Bande in die hände, so möchten sie die Stricke für uns bereit haben, ehe die Rotaut ein Wort dazu sagen könnte."

"Und wär' ich tausend Meilen von hier," knirschte der Priester, "so würde ich mich nicht sicher glauben, bis ich den roten Schuft unter der Erde weiss. – Der Anderen lach' ich."

"Er hat seinen Posten verlassen," flüsterte Cotton; "wäre es nicht möglich, das Canoe schnell flott zu machen und wenigstens an's andere Ufer zu entkommen?"

"Seid kein Tor und redet keinen Unsinn," brummte Rowson ärgerlich, während er die abgeschossene Büchse wieder lud und dann die Zündpfannen der übrigen untersuchte. "Ihr wollt uns wohl durch unüberlegtes Handeln den letzten noch gebliebenen Rettungsweg abschneiden? Wagen wir es, das Canoe vorzuholen, so lange noch Tageslicht ist, und werden wir, was unbezweifelt geschehen mag, endeckt, so haben wir unser Fahrzeug eingebüsst und sind dann rettungslos in ihre hände gegeben. Erreichten wir aber wirklich das andere Ufer, so hätten wir die ganze Bande heulender Schufte aus unserer Fährte. Bedenkt, dass es geregnet hat."

"Wahr! Aber wenn sie uns so umstellen, dass wir es auch in der Nacht nicht erreichen können, und uns nachher aushungern –"

"Aushungern?" hohnlachte Rowson; "wer stürbe denn da eher, die Mädchen oder wir?"

"Allerdings," sagte Cotton sinnend – "das dürfen sie schon derentwillen nicht tunaber ich weiss nicht –"

"So will ich's Euch sagen," flüsterte Rowson, ihn bei Seite ziehend, dass die beiden Jungfrauen seine Worte nicht vernehmen konnten. "Der Platz dort, wo das Canoe liegt, ist so versteckt und fern von hier, dass sie, wenn es dunkel wird, nicht daran denken werden, einen Posten dortin zu stellen. Ihren Plan ahne ich. Sie hoffen auf einen Versuch von unserer Seite, das Flussufer zu erreichen, sobald es dunkelt, und das müsste auch geschehen, wenn wir nicht glücklicher Weise den unterirdischen gang hätten."

"Und was machen wir nachher mit den Mädchen? Verdammt will ich sein, wenn ich nicht jetzt eine ganz besondere Lust verspürte, sie mitzunehmen. Wenn wir Nachts auslagern, könnten sie uns unsere Mahlzeiten kochen, undhol' sie der Teufelman ist nachher durch keine grossen Heiratsumstände gebunden."

"Sie müssen mit," flüsterte Rowson noch leiser – "wär' es auch nur deswegen, uns gegen die Kugeln der Feinde, vom Ufer aus, gedeckt zu sehen, wenn diese unsere Flucht ja zu früh erfahren sollten."

"Gut," schmunzelte Cotton, sich die hände reibend. – "Der Lumpder Wilson ist auch unter den Regulatorenes wird mir eine ganz besondere Wonne sein, dem den Bissen vor den Zähnen fortzureissen. Wie aber, wenn sie schreien?"

"dafür sorg' ich schon," erwiderte Rowson leise. "natürlich müssen wir sie knebeln, doch damit sie jetzt nichts merken, wollen wir uns gar nicht um sie bekümmern. Ich werde ihnen indessen schon etwas vorlügen, das sie bis Abend ruhig hält."

"Habt also indessen ein wachsames Auge auf die Burschen, dass sie uns nicht etwa unvermutet über den Hals kommen," fuhr er dann laut fort, "und wird es dunkel, so schlagen wir uns durch, den Wald müssen wir erreichen, und dann sind wir gerettet. Ihr aber" – wandte er sich hierauf an die Mädchen – "haltet Euch bis dahin hübsch ruhig, und wenn wir das Haus verlassen und Ihr uns nachher schwören wollt, nicht eher um hülfe zu rufen, bis wir eine volle Stunde fort sind, dann sollt Ihr Euren Freunden noch heute zurückgegeben werden."

"Wir wollen für Euer glückliches Entkommen beten," rief Ellen freudig – "haltet aber Euer Versprechen, und ohnehmt uns diese Fesseln ab. Ich gebe Euch –"

"Lass das unnütze Schwatzen, mein Täubchen," sagte Cotton, durch die verschiedenen Ausschaulöcher indessen den Feind beobachtend – "seid froh, dass Ihr Eure Zungen frei behaltet, mit den Armen müsst Ihr Euch nun schon einmal bis zum Abend behelfen."

"Die Stricke schmerzen mich," bat Ellen, "Ihr habt sie so fest gebunden, sie zerschneiden mir das Fleisch –"

"Nun, dem lässt sich abhelfen," sagte Rowson, indem er zu den Mädchen trat, die Knoten etwas zu lockern. "Und was macht mein Bräutchen?" fuhr