in diesem Augenblick schon sprang die dunkle Gestalt des Halbindianers in die offene Tür, und mit rauher stimme rief er aus:
"Hier herein muss er sein – wo ist er?"
"Wo ist wer?" sagte Madame Fulweal, die, mit Cotton und Weston vertraut, halb und halb begriff, was geschehen, und also auch am ersten ihre Geistesgegenwart wieder gewonnen hatte. "Wo ist wer? Ist das eine Manier, in fremder Leute Häuser zu kommen, und noch dazu in ein Zimmer, wo Ladies und Kranke sind? – Wo ist wer? was steht der Herr da und gafft – der Wind bläst das Licht aus – drüben wohnen die Leute!" und ohne weiter den verdutzten und durch diese trotzige Bewegung überraschten Kanadienser weiter zu Worte kommen zu lassen, schob sie ihn von der Tür zurück und warf diese in's Schloss.
"So!" sagte sie, als sie den kleinen eisernen Riegel vorschob, der an dieser Tür – ein wahrer Luxusartikel in Arkansas – angebracht war – "nun wollen wir einmal unsern Gefangenen betrachten."
Indessen hatten aber auch die übrigen Frauen, Mrs. Atkins ausgenommen, ihre Besinnung und Zungen wieder erlangt, und ein solches Durcheinander-Rufen und- fragen begann jetzt, dass selbst das kranke Kind erschrocken und geängstigt das Köpfchen hob. Beim Ausbruch der Verwirrung war es wieder in seine Hängematte gelegt worden und schwieg einen Augenblick erschreckt still. Dann aber warf es sich wieder auf sein Kissen zurück und hob ein solches Zeter-Mordio an, dass es sich Mrs. Fulweal als eine besondere Gnade vom Himmel erbat, dieses unermüdliche Kind einmal zum Schweigen gebracht zu sehen.
"Was ist hier vorgefallen? wer ist der Mann? was hat er verbrochen? wem gehörte das dunkle Gesicht? woher kam der nasse Mensch auf einmal? sollen wir ihn verbergen, oder wird noch einmal nach ihm gefragt werden?" Das Alles schwirrte und schwamm in einem wahren Chaos von Tönen durcheinander, dass die einzelnen Damen kaum die fragen hören konnten, die sie selbst stellten. Da fasste etwas an die Klinke, und gleich darauf pochte Jemand von aussen an die Tür.
"Wer ist noch so spät da draussen, und was wollen Sie?" fragte die witwe Fulweal, sich wiederum das Sprecheramt zueignend, das ihr die Andern gern überliessen; "wissen Sie nicht, dass hier ein krankes Kind liegt?"
"Ladies – Sie werden mir eine Frage erlauben," sagte die stimme, die Mrs. Atkins mit Entsetzen als die Brown's erkannte – "hat sich ein junger Mann in dieses Zimmer geflüchtet?"
Mrs. Fulweal sah, ehe sie antwortete, ihre Mitverschworenen im Kreise an. Bei denen hatte aber auch schon zu Gunsten Weston's das weiche weibliche Herz – das Mitleiden – gesiegt, und was er auch verbrochen hatte (sie waren übrigens sämmtlich fest entschlossen, d a s herauszubekommen), ausliefern wollten sie ihn nicht. Ein allgemeines Kopfschütteln antwortete dem blick, und witwe Fulweal, als Dolmetscher der Festung, übernahm die Verteidigung. Um aber nicht geradezu eine bestimmte Lüge auszusprechen, hielt sie es für zweckmässiger, die Beleidigte und Gekränkte zu spielen, und rief daher mit ihrer etwas scharfen und schneidenden stimme sehr empört und indignirt aus:
"Nun, jetzt wird's mich wundern, was Sie sonst noch hier suchen wollen? Zu Narrenspossen ist's doch wahrhaftig mitten in der Nacht und bei einem solchen Wetter keine Zeit. – Wir sind im Begriff schlafen zu gehen, und wünschen ungestört zu sein – good night, Sir!"
Damit war die Verhandlung abgebrochen und der Frager schien befriedigt. Er hatte wenigstens jeden weiteren Versuch, etwas Näheres über die Sache zu erfahren, aufgegeben und die Tür verlassen. Mehrere Minuten lang lauschten nun Mrs. Fulweal und alle die Uebrigen, klopfenden und ängstlich schlagenden Herzens, an der Tür. Kein laut liess sich aber weiter hören – Alles war still und ruhig wie das Grab, und auf den Zehen wollte jetzt die witwe zu dem noch immer regungslos hinter dem Bette kauernden Flüchtling schleichen, als ihre Aufmerksamkeit, wie die der sämmtlichen übrigen Frauen, auf Mrs. Atkins gelenkt wurde. Diese hielt sich nämlich krampfhaft an der Lehne ihres Stuhles fest und tat augenscheinlich Alles, was in ihren Kräften stand, den auf sie eindrängenden Gefühlen nicht zu erliegen. Nach kurzem Kampf aber verliess sie das Bewusstsein, und sie wäre zu Boden gestürzt, hätten die Frauen sie nicht in ihren Armen aufgefangen.
Das ganze Schreckliche ihrer Lage war in dem einen Moment, als sie die stimme des Regulatorenführers erkannte, auf sie eingestürmt, und das Schlimmste fürchtend, da sie wusste, ihr Mann hatte das Schlimmste verdient, brach ihr so schon durch Nachtwache und Angst geschwächter Körper unter dem Schmerz und Bangen zusammen. –
In dem andern Zimmer ging es indessen nicht weniger wild und unruhig her. Kaum hatte Curtis dem Freunde die Warnung zugerufen und beide Männer ihre Posten an den zwei verschiedenen Türen eingenommen, als ein Sprung auf den hohlen Dielenboden in der Verbindungs-Porch der beiden Häuser gehört wurde und auch fast in demselben Augenblick Atkins mit wild blitzenden Augen und fliegenden Haaren hereingestürzt kam. Er war überzeugt, dass die Männer mit zum Complot gehörten, wusste aber auch, dass er ohne Waffen im wald rettungslos verloren sei, und die musste er sich jetzt, und wenn es mit Gefahr seines eigenen Lebens geschehen sollte, verschaffen.