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die Porch sprang und zwischen den Gebäuden hindurch wollte, hörte er in der stube zu seiner Rechten wildes Ringen und Fluchenvor sich die laute stimme der zusammenrückenden Feinde, im rücken die Verfolger, und stürzte sich nun in Angst und Verzweiflung in das Gemach der Frauen, die mit einem Schrei des Entsetzens von ihren Sitzen in die Höhe fuhren.

31.

Die Damengesellschaft. – Die Ueberraschung.

"Oh, Madame Mullins, ich möchte Sie bitten, mir noch eine Tasse Kaffee einzuschenken," sagte die witwe Fulweal, als sie das ängstlich stöhnende Kind eben wieder aus der Hängematte genommen hatte und damit im Zimmer auf und ab lief. "Wie ihm das kleine Köpfchen glüht," rief sie dann, den Kleinen so dicht an's Licht haltend, dass er das fieberheisse Gesichtchen ängstlich verzog und eben in einen neuen Schmerzensschrei ausbrechen wollte.

"Was kriegt denn das Kind hier für blaue Fleckchen?" sagte Madame Bowitt, sich zu ihm niederbeugend.

"Wo? wo?" schrie die Mutter entsetzt – "was ist mit den blauen Flecken? Sind die gefährlich? Ach Gott, das Kind stirbt mir!"

"Unsinn," sagte Mrs. Fulweal – "blaue Fleckenich möchte wissen, wo blaue Flecken sein sollten. Was weiss denn Madame Bowitt von Kinderkrankheiten; das dritte, das ihr starb, war kaum sechs Monate alt, und alle drei sind keine acht Tage krank gewesen."

"Die blauen Flecken sollen, wie mir einmal ein fremder Doctor versichert hatein sehr böses Zeichen sein," piepte die jüngste Miss Heifer – "Bruder George's Mädchen bekam sie, und es fehlte nicht viel, so wäre es dieselbe Nacht gestorben; so aber lebte es doch noch bis zum nächsten Morgen."

"Bekommt denn das Kind wirklich blaue Flekken?" klagte Mrs. Atkins in Todesangst – "ist es denn schon so weit? Muss es denn wirklich sterben?"

"Oh bewahre," sagte Mrs. Hostler, "sogefährlich ist es gar nichtdie blauen Flecken machen nichts. – Wenn es nur nicht das Pfeifen beim Husten hättemein armes, kleines Mädchen, das im vorigen Monate starb, keuchte ebenso."

Die Mutter setzte sich in trostlosem Jammer auf das eine Bett und rang die hände.

"Ladies!" nahm Mrs. Kowles das Wort. Sie hatte bis zu diesem Augenblick schweigend ihre Pfeife geraucht und klopfte jetzt die Asche auf dem einen Herdstein aus, der den ungeheuren Vorderklotz im Kamin trug – "ich sehe wirklich nicht ein, warum Sie die arme Mutter so ängstigen. – Herr Jesus, der Blitzist mir's doch in alle Nerven gefahren! – Weder blaue Flecken noch Keuchen und Pfeifen sind so sichere –"

Sie musste aufhören zu reden, denn der rollende Donner übertäubte wohl eine Minute lang selbst das Schreien des Kindes – "sichere Anzeichen," fuhr sie endlich, als sich der Sturm legte, in ihrer Rede fort – "dass man bei ihnen immer nur auf Tod zu zählen hätte. Bewahre, ich weiss selbst zwei Fälle, wo die Kinder beide davon kamen, das heisst, das eine wurde blind, und das andere biss ein toller Hund, da waren aber die Flecken nicht daran schuld. Wozu sich ängstigen, wenn noch keine Gefahr da ist?"

"So glauben Sie, dass mein Kind wieder genesen kann?"

"Warum denn nicht? Es hat genug Medicin genommen, um sechs Kinder gesund zu machen, und wenn es nicht so gelb in den Augen aussähe –"

"Gelb in den Augen?" fragte die auf's Neue gequälte Mutter, indem sie mit dem Lichte zu dem kind stürzte – "und was bedeutet das? Madame Fulweal – S i e haben doch Erfahrung; glauben Sie, dass –" sie wagte nicht den Satz zu vollenden, sondern barg ihr Gesicht in den Händen und lispelte leise: "Das habe ich verdientan Ellen verdientverdient durch mein Mitwissen –" Erschrocken fuhr sie empor, ob Niemand die verräterischen Laute gehört habe, und sank erst dann wieder in ihre vorige Stellung zurück.

Da schmetterte jener schon zweimal erwähnte furchtbare Schlag über den Wipfeln des rauschenden und zitternden Waldes dahin, und die Frauen fuhren entsetzt vor dem zürnenden Sturmgott zusammen, der an den Grundvesten der Erde rüttelte.

Mrs. Atkins war emporgesprungen und horchte aufmerksam nach aussen hin.

"Rief nicht da draussen Jemand?" fragte sie, bleich und erschrocken ihr Ohr an die Spalten der Hütte haltend.

"Ih Gott bewahre," brummte Mrs. Fulweal, "wer sollte in solchem Wetter draussen seinjawas ich sagen wollteJesus im Himmel!"

Mit ihr sprangen alle Frauen entsetzt und geängstigt in die Höhe, denn auf flog die Tür und herein stürzteTodesfurcht und Grauen im blick, mit fliegenden, nassen Haaren und stieren Augen, der junge Westonwährend er mit von Furcht erstickter stimme schrie:

"Verbergt mich, oder ich bin verloren!" Dann brach er, schon halb bewusstlos, aber noch mit einem gewissen Instinct den sichersten und verstecktesten Winkel der stube in einem Sprunge erreichend, hinter dem Bett, das ziemlich die eine Ecke ausfüllte, zusammen.

"Um Gottes willenWestonwas ist vorgefallen?" hauchte in Todesangst Mrs. Atkins. Jener behielt aber keine Zeit zum Antworten, denn