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einmal zusammen sehen."

"Ich auch," sagte Assowaum, dem der Gedanke sehr wohl zu tun schien. Schweigend zogen die beiden Männer jetzt, ohne irgend Jemandem weiter zu begegnen, auf der breiten Strasse fort, bis ihnen aus der Ferne die langgezogenen schrillen Töne eines geistlichen Liedes entgegenschallten. Diesen lauschte der Indianer erst einige Sekunden lang mit gespannter Aufmerksamkeit, dann aber schritt er wieder ruhig weiter, indem er nur sagte:

"Der blasse Mann" (so nannte er Rowson seiner auffallend bleichen Gesichtsfarbe wegen) "hat eine sehr laute stimme; er ist wie ein junger Wolf. – Die alten mögen noch so gut heulenDu hörst stets den jungen."

"Du kannst den Priester nicht leiden Assowaum?"

"NeinAlapaha liebte den Grossen Geistsie betete zu dem Manitou, der ihre Väter beschützt hatte, und war ein folgsames Weib. Sie kreuzte nie Assowaum's Pfad, wenn er auf die Jagd ging, und zog sie in der ersten dunkeln Nacht ihre Matchecota3 um das frischgepflanzte Mondámiefeld (Mais), so mieden es die Würmer und Raubtiere, und die Frucht war gesegnet. Alapaha lacht jetzt über den grossen Geist Assowaum's, und das wild weicht aus seinem Pfade, wenn er in den Wald geht."

Der Indianer schien nicht weiter zum Reden aufgelegt. Er schritt schweigend und schnell vorwärts, bis sie an die äussere Fenz von Roberts' Farm kamen. Von hier aus lief ein breiter Weg, zwischen zwei Maisfeldern hinführend, nach dem Hauptgebäude zu, aus dem jetzt klar und deutlich der schon lange gehörte Gesang heraustönte. William Brown hing, am haus angekommen, den Zügel seines Pferdes über eine Fenzstange und trat in das Zimmer, wo sich die Andächtigen versammelt hatten.

Der Gesang war eben beendigt, und sämtliche Zuhörer lagen, den rücken dem Prediger zugekehrt und sich auf die Sessel ihrer Stühle stützend, auf den Knieen. Rowson aber, dem wir schon früher unter ganz anderen Verhältnissen im wald begegneten, stand aufrecht in der Mitte und sprach mit andächtig geschlossenen Augen und scharfer, abstossender stimme ein lautes Gebet, worin er die entsetzliche Sündhaftigkeit der Gegenwärtigen dem Allmächtigen an's Herz legte und nicht um die so reichlich verdiente Strafe, sondern um Gnade und Erbarmen bat.

Brown, der einer anderen sekte angehörte und sich zu dem Knieen nicht verstehen wollte, blieb mit gefalteten Händen und andächtig zuhörend auf der Schwelle der Tür stehen, trat aber nicht näher. Vergebens winkte ihm Rowson mehrere Male freundlich zu, den Platz an seiner Seite einzunehmen; er schien es nicht zu beachten und starrte schweigend vor sich nieder. Endlich schloss jener sein Gebet, Alle standen auf, und der Gottesdienst war beendet.

Brown begrüsste jetzt mehrere der Anwesenden, mit denen er bekannt war und die sich aus der ganzen Nachbarschaft hier zusammengefunden hatten.

"Sie sind recht spät gekommen, Mr. Brown," sagte Marion Roberts, des alten Roberts liebliches Töchterlein, und seit sechs Monaten die verlobte Braut des frommen Predigers Rowson.

"Haben Sie mich vermisst, Miss Roberts? – Dann bedaure ich freilich, den grössten teil des Gottesdienstes versäumt zu haben."

"Aber, Mr. Brown, das ist nicht schön gesprochen. Ich habe eine zu gute Meinung von Ihnen, als dass ich glauben sollte, Sie wohnten nicht der Sache selbst wegen so heiliger Handlung bei," sagte Marion.

"Ich bin nicht Metodist."

"Und schadet das etwas? Sind wir nicht alle Christen?"

"Ihr B r ä u t i g a m denkt darüber anders." Brown betonte das Wort "Bräutigam" besonders und schaute dem schönen Mädchen dabei forschend in's Auge. Dieses aber vermied seinen blick und erwiderte:

"Er mag wohl auch manchmal ein wenig zu strenge Ansichten haben; ich meines Teils denke darüber viel milder undVater ebenfalls. Mutter ist freilich sehr streng, besonders in dieser Hinsicht. Mutter und Mr. Rowson haben überhaupt sehr ähnliche Ansichten."

"Diesmal lag auch die Schuld nicht an mir, mein fräulein, ich war zeitig genug auf dem Wegeaber mein Onkelein Zufall hielt ihn auf, und er musste wieder nach haus."

"Er ist doch nicht krank geworden?" fragte schnell und ängstlich Marion.

"Herzlichen Dank für die Teilnahme, mit der Sie sich für ihn interessieren," erwiderte der junge Mann treuherzig – "es wird dem alten Onkel wohl tun, wenn er es erfährt. Er hält s e h r viel von Ihnen."

Marion errötete über die etwas zu lebhafte Frage und sagte ausweichend:

"Warum kam er aber nicht mit Ihnen?"

"Es war ein Abenteuer," lächelte Brown, "das er mir verboten hat zu erzählen, da er es selbst mitteilen will. Sie kennen seine leidenschaft für Erzählungen."

"Oh ich freue mich schon darauf," rief Marion, in die hände klatschend, "das wird herrlich!"

"Und darf man wissen, was herrlich werden wird?" fragte Mr. Rowson hinzutretend und den jungen Mann freundlich grüssend.

"Ein Spass, der meinem Onkel passierte, oder vielmehr eine Heldentat, die er ausübte und –"

"Haben Sie es auch selber gesehen?" fragte Marion lächelnd, "Sie wissen, Ihr guter Onkel –"

"Aber, Marion," warnte ernst ermahnend Rowson, "ist es recht, Dich