sagte Marion, indem sie stehen blieb und der Freundin seufzend in's Auge schaute, "das waren doch recht schöne, selige zeiten und wir wussten damals noch nicht, was sorge und Kummer, was Gram und Schmerz sei. Der Uebergang aus diesem glücklichen Alter in das reifere Leben ist auch so unmerklich, kommt so allmälig, dass man es nicht eher bemerkt, als bis man alle jene süssen Tage weit, weit hinter sich hat und nun wie vor einem Abgrund –" sie hielt plötzlich inne, als ob sie sich scheue, den Satz zu vollenden, und wandte den Kopf ab, dass Ellen die zwei hellen Tautropfen nicht bemerken sollte, die ihr im Auge perlten.
"Warum bist Du so traurig, Marion?" fragte aber schmeichelnd die Freundin, "Du stehst doch am Ziel Deiner Wünsche, und ich sollte denken, die Verbindung mit dem mann, den wir lieben, dürfte uns nicht so traurig und wehmütig stimmen. Dass man sich mit einem gewissen Bangen zu einem solchen Schritt entschliesst, finde ich eher begreiflich. Hast Du einen Kummer?"
"Nein, liebe Ellen," flüsterte Marion, immer noch das jetzt tränenfeuchte Antlitz von der Freundin abwendend – "nein – ich bin nur ein törichtes Kind und – und sollte eigentlich recht freudig und mit froher Zuversicht in die Zukunft schauen. – Aber horch – da fielen eben zwei Schüsse – sie scheinen die Trutühner gefunden zu haben. Nun gibt's für uns Beide noch etwas zu tun, heute Abend," fuhr sie dann, sich lächelnd zu Ellen wendend, fort. Aber auch in dieser Augen bemerkte sie die Spuren von heimlich vergossenen Tränen und sagte nun schnell und ängstlich:
"Ach, Ellen, liebe, beste Ellen, was fehlt denn Dir? Sieh, ich bin ein so verzogenes und nur immer mit mir selbst beschäftigtes Wesen, dass ich es kaum bemerkt, wenigstens nicht beachtet habe, wie auch Du mir so niedergeschlagen und still seit einiger Zeit erscheinst. Darf ich es wissen?"
"Ja!" sagte Ellen, durch ihre Tränen lächelnd. – "Du sollst Alles wissen – doch nicht heute – in einigen Tagen erst, wenn Du selbst ruhiger und mit Dir im Reinen bist. Dann sollst Du Alles erfahren; aber" – fuhr sie schmeichelnd fort – "habe ich Dich erst einmal zu meiner Vertrauten gemacht, dann musst Du mir auch helfen – ich helfe Dir wieder."
"Wenn Du könntest – liebe Ellen –"
"Also fehlt Dir doch etwas?"
"Mutter rief mich, wenn ich nicht irre, ich bin gleich wieder bei Dir," sagte Marion und floh in das Haus. Aber keine Mutter hatte gerufen, nur fort wollte sie aus der Nähe der Freundin und das Gefühl bekämpfen, das sie mit kaum widerstehlicher Gewalt zwang, dem Herzen derselben Alles – Alles, was sie peinigte und quälte, anzuvertrauen. Sie fühlte, dass schon der Gedanke an den ach! so heissgeliebten Mann Sünde sei, und ihre Aufgabe war von nun an, selbst diesem zu entsagen und ganz den Pflichten zu leben, die ihr an der Seite ihres Gatten heilig und teuer sein mussten.
Die Männer kehrten jetzt, mit ihrer Beute beladen, von der Jagd zurück und das Gespräch ward wieder allgemein. Die Mädchen hatten jedoch vollauf zu tun, die Trutühner, ehe sie erkalteten, zu rupfen, und selbst jetzt war das mit bedeutender Schwierigkeit verknüpft. Beide behaupteten, seit langer Zeit kein so fettes wild unter Händen gehabt zu haben.
Rowson aber hatte das, was i h n beunruhigt oder gestört, indessen ebenfalls abgeschüttelt und seine ganze sonstige Ruhe wiedererlangt. Er schien sogar an diesem Abend einmal das ernste, strenge Wesen des ortodoxen Priesters bei Seite legen zu wollen und zeigte sich lebhaft, ja sogar heiter und mehr als je, selbst in Marion's Augen, zu seinem Vorteil. Madame Roberts war entzückt, und der alte Roberts nahm Bahrens zweimal bei Seite und gab ihm im Vertrauen zu verstehen, er glaube, der Prediger sei ausgewechselt. Erstlich wäre er schon nahe an sechs Stunden im haus, ohne ein einziges Mal zu predigen, und dann habe er eine so gewisse Ungezwungenheit und Keckheit nicht allein im Ton und Wesen, nein sogar auch in seinen Bewegungen, wie er sie früher noch nie an ihm bemerkt hätte.
"Er ist heute Abend eine ganz andere person," rief er nach einer Weile wieder, sich die hände reibend, "verdammt, wenn's nicht wahr ist – und merkwürdig hat er sich verändert – aber sehr zu seinem Vorteil, Bahrens – sehr zu seinem Vorteil."
Dem Gebete sollte Roberts aber dennoch nicht entgehen, denn vor Schlafengehen hielt Rowson erst noch eine sehr lange, salbungsvolle Predigt, der sich die Männer in Geduld fügen mussten.
Am nächsten Morgen wurde nun beim Frühstück der Plan zu dem heutigen Sonn- und Festtag entworfen, und Madame Roberts war dafür, sogleich zusammen aufzubrechen, um ihres künftigen Schwiegersohnes wohnung hübsch einzurichten, dort zu Mittag zu essen und dann den Nachmittag zu dem von dort kaum eine Meile entfernten haus des Richters hinüber zu reiten. Hierin stimmte ihr auch Mr. Rowson vollkommen bei, bat jedoch die Gesellschaft, nur noch etwa eine Stunde seiner zu harren, da er vorher einen kleinen Weg zu reiten habe, aber in ganz kurzer Zeit zurück sein würde.
"Aber nicht wahr, Mr. Harper und