sehen lassen, wenn er ein so ganz gutes, reines Gewissen hat? – Mr. Rowson gab mir darin neulich ganz recht."
"Und Mr. Rowson hätte gerade volle Ursache, Herrn Brown zu verteidigen, wo es in seinen Kräften steht," rief Marion, sich eifriger als bisher zu ihrer Mutter umwendend. – "Das ist etwas, was mir an ihm nicht gefällt."
"Er hat ihn auch verteidigt," entgegnete diese, "hat ihn wacker verteidigt; aber was kann er dafür, wenn er selbst den Verdacht nicht ganz abzuschütteln vermag?"
Marion wandte sich zur Seite, um eine Träne zu verbergen, die sich ihr ungerufen in's Auge stahl. Ihre Mutter hatte aber jetzt auch vollauf zu tun, um verschiedene Fleischstücke herbeizuholen, die sie noch vor zwölf Uhr zubereiten wollte. Zufällig trat sie dabei einmal an das kleine, in die Stämme eingeschnittene Fenster, das, eigentlich gegen arkansische Sitte, mit einer Glasscheibe versehen war, und entdeckte plötzlich zu ihrem Entsetzen drei Reiter, die auf der Strasse herankamen. Es war der erwartete Harper mit seinem Nachbar Bahrens und hinter denen ihr eigener Negerknabe.
"Ei bewahre!" rief Madame Roberts erschrocken aus, "da kommt Harper schon und ich bin noch nicht fertig. – Ei, der Schlingel von einem Jungen! Er hat doch bestellen sollen: erst um zwölf."
"So lass doch, Mutter," lächelte Marion, leise mit dem Finger den feuchten verräterischen Fleck von den Wimpern wischend – "die beiden Männer nehmen das nicht so genau, es sind ja gute Freunde vom Vater; Sam hat sie sicher schon unterwegs getroffen."
Es war übrigens hierbei auch weiter nichts zu tun; Mrs. Roberts ordnete nur noch in aller Geschwindigkeit ihre, wie sie glaubte, etwas verschobene Haube vor dem kleinen Spiegelglas, strich sich die Schürze glatt und trat dann den beiden Gästen, wenn auch mit noch von der Arbeit ein wenig erhitztem Gesicht, freundlich und herzlich entgegen.
"Willkommen, Mr. Harper, willkommen als von den toten auferstanden!" sagte sie, diesem die Hand reichend. – "Nur herein, Gentlemen, mein Mann wird gleich wieder zu haus sein, er will bloss einmal nach ein paar Kühen sehen, die lange nicht zum Melken nach haus gekommen sind. – Nur näher, Mr. Bahrens, wenn ich auch noch nicht ganz in Ordnung bin."
"Madame Roberts," sagte dieser lachend, "ich dränge mich heute ungeladen ein, erfuhr aber erst, dass Sie Gäste hätten, als ich schon auf dem Wege war."
"Ich glaubte Sie mit bei der Regulatorenversammlung," antwortete Mrs. Roberts, "sonst hätt' ich schon lange zu Ihnen hinübergeschickt – aber nur herein, vor der Tür machen wir das Alles nicht ab."
Die beiden Männer folgten der Einladung, und Harper, zwar noch immer sehr blass und angegriffen, aber doch mit dem ganzen früheren gemütlichen Wesen, das ihm gerad' so viele Freunde in der Ansiedelung erworben, musste sich nun vor allen Dingen niedersetzen, einen Becher des für ihn ganz apart aus Honig und Früchten bereiteten Getränkes zur Stärkung zu sich nehmen und dann erzählen, wie es ihm in seiner Krankheit gegangen, wer ihn Alles gepflegt, was er für Arzeneien genommen und wie er wieder besser geworden sei. Er willfahrte auch mit der freundlichsten Bereitwilligkeit von der Welt dem Allen und rühmte besonders seinen Neffen und seine drei Nachbarn, Wilson, Cook und Roberts, die sich sehr verdient um ihn gemacht hätten. "Selbst Bahrens," fuhr er, diesem die Hand hinüberreichend, fort, "hat sein Maisfeld verlassen und ist auf ein paar Tage zu mir herübergekommen. Sie haben mich Alle lieb, was kann ich denn hier im wald mehr verlangen?"
Das Gespräch wandte sich jetzt auf die ihnen zunächst liegenden Gegenstände, das heisst alle mögliche Arten von Vegetabilien und andere Esswaaren, die teils schon auf dem Feuer brodelten, teils noch der weiteren Verwendung harrend auf einem kleinen Seitentische aufgeschichtet standen, während Mrs. Roberts ein scharfes Messer heraussuchte und ihre Absicht kundtat, in den Garten zu gehen, um etwas Salat zu holen.
Bahrens, der ihr indessen schon einige ausserordentlich wunderbare begebenheiten von fabelhaft grossen Spargeln und märchenhaften Kohlköpfen erzählt hatte, bestand darauf, sie zu begleiten, und Harper blieb mit der Jungfrau allein im haus zurück.
Marion hatte sich schon den ganzen Morgen danach gesehnt, mit Harper ein paar Minuten allein über den fernen Freund zu sprechen. War er ja doch der einzige, zu dem sie sprechen d u r f t e . Als dieser Wunsch aber wirklich erfüllt war, schien es, als ob ihr alles Herzblut hinaufströmte nach Gesicht und Schläfen. Die Zunge klebte ihr am Gaumen und sie konnte keinen laut hervorbringen. Auch Harper schwieg, doch dachten Beide sicherlich nur an den e i n e n Gegenstand, fürchteten aber, etwas für Beide so Schmerzliches zu berühren und konnten es doch nicht über's Herz bringen, ein anderes, gleichgültiges Gespräch anzuknüpfen. Da brach endlich Harper das peinlich werdende Schweigen und sagte, dem jungen Mädchen mit wehmütig freundlichem Ausdruck die Hand hinüberreichend:
"Wie geht es Ihnen, Marion? Gut, hoff' ich, nicht wahr? Das ist recht. – Seien Sie ein braves, starkes Kind – es freut mich – freut mich herzlich, Sie so wohl und – und zufrieden zu