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und sah sich jetzt vor einem jener Lager von Auswanderern, die, besonders in Arkansas und auf dem Wege nach dem Westen oder nach Texas zu, häufig angetroffen werden.

Zwei grosse, mit weissen Leinen überspannte Wagen bildeten den Mittelpunkt der Gruppe, um welche mehrere Gespanne Stiere, je zwei und zwei durch das grosse hölzerne Joch zusammengefesselt, angebunden standen. Ein kleiner weissköpfiger Bursche, etwa acht oder neun Jahre alt, stand bei ihnen und schob ihnen abwechselnd und jedem einzeln kurzgebrochene Kolben Mais in das Maul. Die Tiere aber, die grossen gutmütigen Augen matt und schläfrig auf das nächste ihnen zukommende Stück geheftet, zerkauten und verschluckten in aller Gemütsruhe das wirklich erfasste und leckten dann mit der langen scharfen Zunge wie bittend oder ermahnend den Aermel und die Hand ihres jungen Fütterers, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass sie jetzt für eine erneute Auflage empfänglich und bereit wären. Fünf Pferde weideten, mit Glocken um den Hals und die Vorderfüsse zusammengebundender Landessprache nach "gehobbelt" – in dem vorzüglichen Schilfbruch, ganz in der Nähe. Die Auswanderer selbst hatten augenscheinlich die Nacht über im inneren der Wagen zugebracht, da weiter kein Zelt oder Schutzdach den Platz verriet, wo ein Mensch im Regen geschlafen haben könnte. Jetzt aber waren sie eben im Begriff, sich um den auf der Erde gedeckten Tisch zu lagern, während ausgebreitete wollene Decken die Sitze bildeten. Der muntere Hahn, der zuerst die Gegenwart der hier Eingetroffenen mit heller stimme verraten, liess jetzt zum zweiten Mal den Warnungs- oder Begrüssungsruf ertönen.

Die kleine Familie bestand, ausser dem schon vorerwähnten achtjährigen Burschen, aus dem Mann, der Frau, zwei erwachsenen Töchtern und zwei jungen Burschen von achtzehn und zweiundzwanzig Jahren und liess sich jetzt ganz nach türkischer Art um das aufgetragene Mahl nieder.

"Komm, Ben," rief der Vater diesem zu – "die Tiere haben genug, sie standen ja die ganze Nacht im Schilf, fressen auch gar nicht mehr. – Ruhig, ihr Hunde, was wittern denn die Bestien schon wieder und haben erst die ganze Nacht gekläfft und gebellt, weil es einmal einem lumpigen Panter einfiel, in der Nähe zu heulen. – Nieder mit euch!" –

Trotz dieser freundlichen Zusprache waren die also angeredeten und unter dem Wagen festgebundenen Hunde dennoch keineswegs gesonnen, der Warnung Folge zu leisten. Nur so viel wütender bellten sie die Strasse hinab, von der Cook jetzt, sich der Gruppe nähernd, herübertrabte.

"Guten Morgen Allen," rief dieser freundlich, als er, kaum zehn Schritte von ihnen, aus dem Sattel sprang und dem kleinen schnaubenden Tiere den Zügel über den Nacken warf, "guten Morgen, schmeckt's?"

"Soll erst," rief ihm der Farmer entgegen – "kommtlegt Euch mit her und esst, wenn Ihr noch nicht gefrühstückt habt. – Hier, Annaeinen Becher für den Gentleman langt zuhelft Euch selber!"

"Danke schön," sagte Cook, der ohne die mindesten Umstände der Einladung Folge leistete, "das trifft sich prächtig, ich hatte allerdings nicht gehofft, hier mitten im wald so gute Gesellschaft und ein so treffliches Frühstück zu finden, aber" – er sah sich dabei nach seinem Pferde um, das sich, klug genug, durch Grasen keinen Vorteil zu vergeben wünschte, während es mit andächtig gespitzten Ohren und gerunzelter Stirn nach dem noch mit dem Mais raschelnden Ben hinüberschaute.

"Bring einen Arm voll Mais her, Ben," rief der Farmer, ohne den Gast ausreden zu lassen – "Du kannst ihn in den eisernen Topf tun, der dort neben dem Wagen steht. Dem Pony wird wohl das Geschirr gleichgültig sein, aus dem es frisst."

Das Pony gab durch ein halbunterdrücktes, leises Wiehern seine volle Beistimmung zu diesem Vorschlag und tat gleich darauf mit sehr geschäftigen Kinnbacken dem vor ihm hingesetzten Mahl alle Ehre an.

"Und woher kommt Ihr, Sir?" fragte Cook endlich, nachdem eine etwa viertelstündige Pause von sämmtlichen Mitgliedern des kleinen Kreises auf das Zweckmässigste benutzt worden war.

"Aus Tennessee, vom Wolfriver."

"Und wollt?"

"Nach Franklin County, an den Fuss der Ozarkgebirge."

"Schon einen Platz ausgesucht?"

"Noch nichts Besonderes, werde jedoch bald einen finden. Ich habe einen Bruder dort wohnen."

"Ahem! – ist hier auch capitales Land –"

"Jaweiss wohl, die Leute am Fourche la fave sollen aber das Pferdefleisch zu lieb haben."

"Hoho," lachte Cook, "haben Euch die ArkansasFlussleute auch schon einen Floh in's Ohr gesetzt? So schlimm ist's nicht. Dochaufrichtig gesagt, schlimm genug, ich bin gerade auf dem Wege zu einer Regulatorenversammlung, hoffe aber, wir werden dem Unwesen jetzt ein Ziel stecken. Arkansas soll nicht länger nur dann genannt werden, wenn man von Raub- und Diebesbanden spricht."

"Arkansas im Allgemeinen?" lachte der Farmer, "ja! – In den Vereinigten Staaten überhaupt, in Tennessee und weiter südlich, nördlich und östlich, da kennen sie in d e r Hinsicht nur A r k a n s a s . kommt man aber einmal über den Mississippi in den Staat selbst, dann heisst's F o u r c h e l a f a v e . – Ihr habt einen ausgezeichneten Ruf im land."

"Mag sein,"