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mit meinen alten Knochen Sonntags im wald herumkriechen, unschuldiges Viehzeug erschrecken? ich denke nicht dran." – Trotz der abweisenden Worte war Harper aber doch vom Pferde gestiegen, das geduldig und regungslos stehen blieb, und auf den Zehen schlich jetzt der kleine dicke, weissgekleidete Mann mit immer röter werdendem Gesicht, die Wurzel eines umgestürzten Baumen zwischen sich und dem wild haltend, auf dasselbe zu. Augenscheinlich nur in der Absicht, seinen Spass an den gewaltigen Sätzen des Tieres zu haben, wenn dieses ihn endlich, und so ganz in der Nähe, wittern würde. Dieses schien ihn aber n i c h t zu wittern, da er gerade gegen den Wind stand, denn wieder hob er den Kopf, streckte sich einen Augenblick und begann seine leckere Mahlzeit auf's Neue.

William Brown, oder Bill, wie ihn sein Onkel der Kürze wegen nannte, fing jetzt selbst an, sich für den Gegenstand zu interessiren, denn unbeweglich auf seinem Pferde sitzen bleibend, um auch das geringste Geräusch zu vermeiden, schaute er mit gespannter Aufmerksamkeit dem Vorrücken seines Onkels zu, der in diesem Augenblick zu der Wurzel kam und sich jetzt in kaum zehn Schritt Entfernung vom Hirsch befand. Hier blieb er einen Moment stehen und sah nach seinem Neffen zurück, verzog aber das Gesicht dabei zu einem wunderkomischen Grinsen, als wenn er hätte sagen wollen: "Na, Bill, bin ich nicht ein verfluchter Kerl?" Hier zögerte er jedoch wenige Secunden, denn entweder war er selbst über die unbegreifliche Sorglosigkeit des jungen Hirsches erstaunt, oder er scheute sich auch wohl, mit seinen reinen Schuhen weiter vorzutreten, da dort die wirkliche sogenannte "Lick" oder Salzlecke begann, und der kleine Bach, der durch den weichen Lehmboden rieselte, von unzähligen Wildfährten und Viehspuren zu einem weichen Schlamm zusammengetreten war. Die alte Jagdlust überwog jedoch zuletzt jede andere Bedenklichkeit, denn jetzt schien sich ihm zum ersten Mal die Möglichkeit aufzudringen, dass er das wild wirklich ergreifen könnte, und ohne sich weiter zu besinnen, trat er leise und vorsichtig in den flüssigen Brei, den Glanz seiner wohlgeschwärzten Sonntagsschuhe auf eine wahrhaft unverantwortliche Weise vernichtend. Näher und näher kam er dem Tier, Brown hob sich, atemlos vor gespannter Erwartung, im Sattel in die Höhe, und das Herz des alten Mannes schlug, wie er später wohl hundertmal erzählte, so laut, dass er mit jedem Augenblick fürchtete, der Hirsch müsste ihn hören. Da hob dieser den Kopf; ehe er aber nur, über die Nähe des weissscheinenden Gegenstandes erschreckt, mit einer Muskel zucken konnte, warf sich Harper auch, Sabbat und Sabbatkleider vergessend, vorwärts und ergriff ihn gerade in demselben Augenblick mit beiden Händen an den Hinterläufen, als sich das zum Tod entsetzte Tier auf diesen in die Höhe hob, um mit einem Sprung der gefährlichen Nachbarschaft zu entgehen. – Es war zu spät, der alte Mann hing wie mit eisernen Klammern an dem seinem Geschick verfallenen Tier. Vorwärts riss ihn aber die verzweifelten Kraftanstrengung des also Gefangenen. In voller Länge hineingezogen in die lehmige Masse, schleifte es ihn in seinem letzten Sträuben, und vergebens hob er, so weit es ihm der kurze dicke Nacken erlaubte, den Kopf, um diesen wenigstens dem Schlammbad zu entziehen. Hochauf spritzte die dünne Masse, als er, einem Schiff gleich, das von Stapel gelassen wird, hineintauchte.

"Haltet fest," schrie Brown, hoch aufjauchzend und seinen gewöhnlichen Jagdschrei ausstossend – "haltet fest, Onkelhurrah für den alten Burschen, das nenne ich eine Jagd!"

Der Zuruf war aber keineswegs nötig, denn nichts fiel dem alten Mann weniger ein, als jetzt loszulassen, wo er nicht allein seinen ganzen Sonntagsstaat, sondern sogar sich selbst total preisgegeben hatte. Um hülfe zu rufen durfte er freilich nicht wagen, denn unter diesen Verhältnissen den Mund aufzumachen, hätte mit höchst unangenehmen Folgen verknüpft sein können, aber fest hielt er, als ob seiner Seele Heil daran hinge. Gewiss lag in diesem Augenblick der Ausdruck eiserner Willenskraft und Entschlossenheit in seinen Zügen, als er mit fest zugekniffenen Augen ruckweise durch die Salzlecke gezogen wurde, doch hatte ihm die vaterländische Erde die ganze Physiognomie mit einer solchen Kruste überzogen, dass an Erkennung irgend eines Ausdrucks gar nicht zu denken war.

Brown sprang zwar schnell zu seiner Hilfe herbei, der Anblick war aber so komisch, dass er sich am rand der Lick in's Laub niederwarf und so krampfhaft lachte, dass ihm die grossen Tränen an den Bakken herunterliefen, und er sich wohl eine Minute lang nicht erholen konnte. Wie er aber endlich wieder emporsprang, hörte er den scharfen Krach einer Büchse, zum letzten Mal zuckte das schwer getroffene Tier im Todeskampfe empor und stürzte dann, die gefesselten Läufe dem Griffe des alten Mannes entreissend, verendend in den Schlamm zurück.

Den Knall der Büchse hatte Harper aber gehört, und sich aufraffend, rief er mit wilder stimme: "Wer hat geschossen?" wobei er sich, da er die Augen nicht öffnen konnte, nach der falschen Seite, auf der Niemand stand, wandte und dadurch Brown's Lachlust auf's Neue unwiderstehlich erregte.

Der verborgene Schütze liess jedoch nicht lange auf sich warten, denn aus einem kleinen Sassafrasdickicht trat der Indianer und stiess, als er die traurige Gestalt des sonst so ernsten und ehrbaren Mannes erblickte, wie er mit weitgespreizten Fingern und geschlossenen Augen dastand, in komischer Verwunderung ein lautes "W a h !