stiehlt er nur im äussersten Notfall ein Huhn; wir ähneln ihm in der Hinsicht."
"Lasst Eure moralischen Bemerkungen, wenn's gefällig ist," brummte Cotton – "zur Sache – zur Sache."
"Nun gut denn, zur Sache. – Mit den Staaten, zwischen denen sie wohnen, haben sie sehr wenig zu tun, ausgenommen mit dem östlichen, denn nach Mississippi hinein erstrecken sich ihre Verbindungen bedeutend, und dazu bedürfen sie auch unserer Pferde, weil sie sich auf jener Seite in dem dichtbebauten land gewaltig vorsehen müssen. Von oben herunter kommt aber ihr ganzer Wohlstand. In allen grossen Städten nämlich, am Mississippi wie Ohio, am Wabasch, Illinois, ja selbst am Missouri, haben sie ihre Agenten, grösstenteils junge Burschen aus Kentucky und Illinois, und diese spioniren umher, welche Boote den Fluss hinuntergehen und mit was sie beladen sind. Ist es etwas, das sie zu haben wünschen, oder das sie in den südlichen Städten schnell und vorteilhaft glauben verkaufen zu können, so suchen sie eine Stelle als Steuermann, und geht das nicht, als gewöhnliche Ruderer, darauf zu bekommen, führen das Boot richtig und ordentlich bis zu ihrer Insel und lassen es dort mit List oder Gewalt auf den Strand laufen. natürlich muss das in der Nacht geschehen, wenn nur höchstens Einer der Bootsleute an Deck ist. Ein vorheriges Zeichen verkündet die Ankunft neuer Beute, und die Mannschaft – muss in's Gras beissen."
"Hölle und Schwefel!" rief Cotton, "dann wundert's mich auch nicht mehr, woher die vielen Leichen im Mississippi kommen; Anfang Februar war ich in Natchez, da kamen einmal sieben zusammen, und alle ohne die mindeste Verletzung. Wir glaubten damals, es sei ein Boot mit ihnen umgeschlagen."
"Ja, sie wissen es schon klug einzurichten," sagte Rowson – "das Geschäft ist mir aber zu blutig; ich mag nichts damit zu tun haben."
"Nein, ich auch nicht," sagte Cotton schaudernd – "Gott sei uns gnädig, das heisst ja die Sache wie das Fleischerhandwerk betreiben! Wenn nun Frauen in den Booten sind?"
"Junge Frauen werden auf der Insel behalten, und zwar wohl bewacht im inneren derselben, denn jedes Mitglied darf e i n e Frau haben."
"Also die schaffen sie nicht bei Seite?" fragte Johnson.
"Das weiss ich nicht, geht mich auch nichts an," entgegnete Rowson, "das aber ist gerade der Insel grösster Schutz, dass sie von uns Allen stets als letzter Zufluchtsort betrachtet werden kann. Sind wir in äusserster Gefahr, so werden wir dort aufgenommen und auch beschützt, darauf könnt Ihr Euch verlassen."
"Das hab' ich diesmal gesehen!" rief Cotton. "Verderben hätte ich am Ufer können, keiner der Himmelhunde würde eine Hand gerührt haben."
"Weil Ihr das rechte Zeichen nicht wusstet," lachte Rowson. "Glaubt Ihr, sie holen Jeden hinüber, der sich an den Landungsplatz hinstellt und schreit und winkt?"
"Aber welches ist das Notzeichen?"
"Lauft viermal zwischen den beiden Pawcornbäumen, die dort am Ufer stehen, hin und her – Nachts natürlich mit einem brennenden Scheit Holz – und passt auf, wie schnell Bewaffnete mit einem Boot bei der Hand sind –"
"Also viermal?" sagte Cotton nachdenkend – "nun wer weiss, wie bald mir Alle von der Gastfreundschaft jener Leute Gebrauch machen."
"Einmal aber die Insel betreten" – warnte ihn Rowson, "und Ihr seid unrettbar der Ihrige –"
"Waret Ihr schon darauf?" fragte lauernd der Jäger.
"Nein – noch nicht," entgegnete kurz abgebrochen der Metodist – "doch wo ist Weston, wär' es nicht besser, dass er ebenfalls von der uns drohenden Gefahr in Kenntniss gesetzt würde?"
"Atkins hat ihn in die oberen Ansiedelungen geschickt," warf Johnson ein. "Er wollte morgen wieder bei ihm eintreffen und dann auch zu mir kommen."
"Meinetwegen," sagte Cotton gähnend – "ich bin müde und lege mich nun schlafen. Ist noch etwas im Topfe, Johnson?"
"Nein, Ihr habt den Rest da im Becher"
"Nun gute Nacht denn, wer zuerst morgen aufwacht, weckt die Anderen." Damit schob er sich ein paar Hirschhäute, die in der Ecke lagen, zurecht, nahm eine alte wollene Decke über die Schultern, warf sich auf das harte Lager und war in wenigen Minuten fest eingeschlafen.
Johnson und Rowson sassen schweigend neben einander und starrten in die Kohlen; Beide hatten augenscheinlich noch etwas auf dem Herzen, aber Keiner wollte beginnen, und mehrere Male schon war der Metodist aufgesprungen, im Zimmer auf- und abgegangen und dann wieder am Kamin stehen geblieben. Endlich brach Johnson das Schweigen und sagte leise:
"Fürchtest Du, dass man uns entdeckt hat?"
"Nein," antwortete mit eben so vorsichtig gedämpfter stimme der Prediger. "Nein – aber dass es geschehen w i r d , fürcht' ich."
"Wie ist das möglich? –"
"Möglich? Frag' lieber, wie es möglich war, dass es noch nicht geschehen ist."
"Du bist ein Tor und siehst überall Gespenster."
"Solche Torheit hat noch Niemandem Schaden gebracht," antwortete düster der Prediger – "ich fürchte, der