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Liebchen nicht einmal zu sehen bekommen, dass ich doch wenigstens weiss, welchen Geschmack Ihr habt?" lächelte Brown.

"Warum das nicht?" rief freudig Wilson, "sie wird Euch gefallen, und ich brauche mich ihrer nicht zu schämen; aber kommt denn, wir sind nicht weit mehr von dem platz entfernt und müssen hier rechts abbiegen, sonst sehen sie uns vom haus aus. – Halthier lasst Euer Pferd, denn durch die Slew können wir nicht reiten, und zur brücke liegt nur eine alte, dürre Cypresse darüber hin. Mein Pony nehme ich übrigens hinunter in das Schilfdickichtda ist sein gewöhnlicher Platz".

"So," sagte er, als er jetzt schnell wieder zurückgesprungen kam und dem Freunde über die schmale brücke voranlief – "sodort ist sie, aber nur leise, wir wollen sie überraschen."

Die Männer schlichen auf den Zehen einem kleinen offenen Fleck im wald, gerade in der Biegung des Baches zu, der seine wasser dem nicht weit entfernten Fourche la fave in tausend Krümmungen entgegenführte, und blieben hier, von dem lieblichen Schauspiel, das sich ihnen bot, wirklich überascht, stehen. Wilson aber warf dem Freund einen triumphirenden blick zu, als ob er hätte sagen wollen: siehst Du, dass ich Recht habe? Ist das ein Wesen für Texas, und soll ich mir diese holde Blume entführen lassen?

Neben dem kiesigen Bachufer, von zwei niederen Holzgabeln gestützt, hing über einem kleinen knisternden Feuer ein mächtiger schwarzer Kessel; mehrere kleine Bänke standen in einem Halbkreis umher und trugen in einzelnen Abteilungen die verschiedenen Wäscharten, farbige und weisse, und vor einem tischähnlich befestigten Brett stand Ellen, Wilson's holdes Lieb, schlug mit dem breiten Waschholz die einzelnen Stücke Weisszeug, die sie aus einem neben ihr stehenden Kübel nach einander vornahm, und begleitete mit ihrer silberhellen Glockenstimme die regelmässigen Schläge des Klöppels. Aber nicht ihre einzige Beschäftigung war das. dicht daneben, zwischen zwei schlanken Hikorystämmen befestigt, hing, von dem leichten Südwind geschaukelt, eine kleine, aus Papaorinde geflochtene Hängematte, in der ein rotbäckiges Kindchen bis jetzt still und friedlich geschlummert hatte. Das schlug aber jetzt die grossen dunkeln Augen auf, tat einen blick in die Höhe und verzog dann, anstatt die herrliche, es umgebende natur freundlich anzulächeln, das kleine liebe Gesichtchen zu einer so entsetzlich sauern Miene, dass alle Anzeichen eines nahenden Sturmes und Wehegeschreis zu fürchten waren. Ellen hatte den kleinen Schläfer aber nicht ausser Acht gelassen und bemerkte kaum das Erwachen des angehenden, ungeduldigen Weltbürgers, als sie auch ihren Klöppel schnell fallen liess, die Hängematte in etwas lebhaftere Bewegung setzte und dem durch ihre Gegenwart sogleich beruhigten kind mit leiser, schmeichelnder stimme ein Wiegenlied vorträllerte. Die Männer lauschten schweigend und Ellen, ihre Nähe nicht ahnend, sang, munter bald sich zu dem jetzt lächelnden kind niederbiegend, als ob sie es küssen wollte, bald neckend von ihm zurückfahrend:

Es schaukelt so leise

Der spielende Wind

Im sicheren Netze

Das lächelnde Kind.

Es scheucht Dir die Fliegen

Und fächelt Dich, Lieb',

Und raubt tausend Küsse,

Der schelmische Dieb.

Er küsst Dir die Schläfe,

Die Wänglein so rund,

Er küsst Dir die Locken,

Den rosigen Mund.

Er pflückt von den Zweigen,

Was Lenz ihnen gab,

Und wirft Dir auf's Bettchen

Die Blüten herab.

So schlumm're, mein Herzchen,

Dein Wächter, der Wind,

Dein freundlicher Hüter,

Er schaukelt das Kind.

Er schaukelt's so leise,

Mit neckischem Kosen

Wohl hin und wohl her. –

"Ach Gott!" fuhr sie aber erschrocken auf, als Wilson bei dem letzten Vers leise an sie herangetreten war und seine Hand um ihre Hüfte legte – "ach Du böser Mensch, wie Du mich erschreckst hast!"

"Sei nicht böse darüber, mein liebes Mädchen," flüsterte Wilson, einen Kuss auf die Lippen der sich nur schwach Sträubenden pressend, "aber sieh, hier hab' ich Dir einen Freund mitgebrachtder –"

Ellen wandte sich rasch und erschrocken um. Als aber ihre Blicke denen des freundlich lächelnden jungen Fremden begegneten, der ja auf jeden Fall auch den Kuss gesehen haben musste, färbte sich ihr Hals und Antlitz wie von Purpur übergossen und flüchtigen Fusses wollte sie fort. Wilson aber fasste noch zeitig genug ihre Hand und bat flehend:

"Ellenes ist ja ein guter Freund und er weiss, dass wir uns lieb haben; überdies," fuhr er neckend fort, "darf das kleine fräulein auch unter keiner Bedingung fortlaufen und den ihr anvertrauten Schutzbefohlenen zurücklassen. Alsoda der Schelm in der Hängematte gerade keine besondere Lust bezeigt, auszuwandern, so bleibst Du am liebsten hier. – Hab' ich Recht oder Unrecht?"

"Unrecht," flüsterte lächelnd das Mädchen, indem dem Fremden verneigte – "Unrecht, Du weisst, dass Du immer Unrecht haben musst."

"Schöne gesetz," sagte Wilson mit ernst-komischer Miene zu Brown – "sehr schöne gesetz. Da sind unsere Regulatoren noch gar nichts dagegen."

"Die hässlichen Regulatoren –" rief Ellen.

"Halt da," unterbrach sie lachend Wilson – "nicht so voreilig, Misshier stehen zwei."

"Du ein –"

"Stop a littlehier ist unser Hauptmann, und ich –"

"Oh, Sie sind kein Regulator, nicht wahr?"