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eigentlich die grosse Not? Das Herz der Eltern wird sich doch Wohl noch mit der Zeit erweichen lassen," tröstete ihn Brown.

"Ja, wenn es nur Zeit hätte!" rief Wilson ungeduldig aus; "Rowson hält morgen Hochzeit, und da soll Ellen hinüber kommen und den jungen Leuten die Wirtschaft führen helfen."

"Morgen?" hauchte Brown erbleichend.

"Jaam Nachmittag," fuhr Wilson, ohne es zu bemerken, fort. "Hat Atkins dann ausverkauft, so will er nach Texas, unddas Mädchen muss mit."

"Nun, so geht Ihr mit ihm," sagte Brown, der kaum noch hörte, was der Andere sprach.

"Das geht nicht," erwiderte dieser – "ich habe meine alte Mutter in Tennessee, nicht weit von Memphis, wohnend, und die müsst' ich auf jeden Fall erst holen. Sie lebt jetzt bei fremden Leuten, und dort soll sie mir einmal nicht sterben."

"Da werde' ich freilich wenig für Euch tun können," seufzte Brown etwas zerstreut, "ich kenne Atkins gar nicht, habe ihn erst einmal gesehen, und es ist doch höchst unwahrscheinlich, dass er auf meine Fürsprache auch nur das geringste Gewicht legen würde."

"Das sollt Ihr auch nicht bei Atkins versuchen, sondern bei jemand ganz Anderem."

"Und bei wem?"

"Bei Madame Rowson. – Ihr seid mit Roberts gut bekannt, und Marion hält viel auf Euch, das weiss ich. Wenn Ihr sie recht schön für mich bitten wolltet, sie tät' es Euch sicherlich zu Gefallen."

"Madame Rowson," sagte Brown leise und wie in tiefen Gedanken verloren, – "Madame Rowsonkann s i e helfen?"

"Oh, sie gilt sehr viel bei Atkins," beteuerte Wilson. "Als Atkins' Frau im letzten Sommer so lange und gefährlich krank lag, hat sie ganze Wochen lang mit Ellen an ihrem Bette gewacht. – I h r tun sie Alles zu Liebe, es ist ein gar so gutes Mädchen –"

"Jaja!" seufzte Brown tief auf.

"Nicht wahr, das glaubt Ihr auch?"

"Was?"

"Dass sie ihr Alles zu Gefallen tun werden."

"Guter Wilson," sagte Brown, sich halb von seinem Begleiter abwendend – "Ihr hättet Euch in dieser Sache sicherlich an einen Besseren wenden können, als an mich. Rowson selbst würde da vielleicht ein nützlicherer Fürsprecher sein."

"Ja," sagte Wilson halb ärgerlich, "das weiss ich; aber verdammt will ich sein, wenn ich den Mann leiden kann. Die ganze Nachbarschaft hat ihn gern, die Frauen wenigstens, die ganz versessen auf ihn sind, doch ich, ich weiss nicht, mir wird's immer unbehaglich, wenn ich mit ihm freundlich tun soll. sonderbar müssen auch seine Verhältnisse sein. Vor einem Jahr kommt er hierher, sagt selbst, dass er arm ist, arbeitet nicht das Mindeste, predigt nur und bekommt von keinem Menschen einen Cent dafür, hat aber immer Geld, treibt sich auf solche Art zwölf Monate im ganzen County umher und heiratet auf einmal das schönste Mädchen am Fourche la fave (Ellen ausgenommen, denn, ich weiss nicht, die gefällt mir doch noch besser). Ich selbst habe weiter nichts gegen Rowson, kann nichts gegen ihn haben, denn dass er feig ist, nun, was kümmert das mich, aberum eine gefälligkeit möchte' ich ihn nicht bitten, und wenn mein ganzes Lebensglück auf dem Spiele stände."

"Habt Geduld, Wilson," tröstete ihn Brown, "wenn Euch das Mädchen liebt und der andere Mann ihr Wort noch nicht hat, so wird sich auch Alles noch einrichten lassen. Ihr habt viele Freunde hier und seid jung und fleissigwas wollt Ihr mehr?"

"Das M ä d c h e n will ich, Brown," sagte Wilson treuherzig, "und wenn Ihr auch noch so schön predigt, so seht Ihr mir doch ebenfalls aus, als wenn Ihr den entsetzlichsten Kummer auf der Welt hättet und keinem Menschen ein Wort davon anvertrauen könntet. Nein, so still halt' ich's nicht aus. Bis Atkins fortgeht, muss sich mein Schicksal entscheiden, und will oder kann mir bis dahin Keiner von Euch helfen, dass ich das Mädchen im Guten bekomme, nun so hol' mich der Teufel, wenn ich sie nicht entführeund mit geht sie, das weiss ich."

"Habt Ihr denn schon bei Atkins um sie angehalten?"

"Ja, und siedie Alteein bitterböses Weib, hat mir gedroht, mich zur Tür hinauszuwerfen, wenn ich mich noch einmal dort blicken liesse."

"Und jetzt wollt Ihr hin?"

"Allerdingsaber nicht in's Haus," lachte Wilson – "so auf den Kopf gefallen bin ich nicht. Nein, Ellen wäscht heute unten am Bache, ein paar hundert Schritt vom haus entfernt, im Busch drin, und da das fast die einzige Zeit ist, wo ich ungestört ein Wörtchen mit ihr plaudern kann, so wollt' ich die Minuten wenigstens benutzen. nachher, wenn sie ihre Arbeit beendet hat, reit' ich noch nach Bowitts hinüber; das Wetter ist ja warm und schön."

"Kann ich denn Euer