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Er war von Kopf bis zu Füssen, die schwarzen und spiegelblank gewichsten Schuhe ausgenommen, in schneeweisses Baumwollenzeug gekleidet. Die kleine baumwollene Jacke aber, die er trug, hätte er um alle Schätze der Welt nicht mehr vorn zuknöpfen können, so war sie entweder in der Wäsche eingelaufen oder, was wahrscheinlicher, so hatte sich sein runder Leib ausgebreitet und "verburgemeistert", wie er es selbst gern nannte. Ein hellgelber Strohhut beschattete sein Gesicht, und ein hellgelbes dünnes Halstuch hielt seinen offenen Hemdkragen vorn zusammen, zwischen dem ein teil der breiten, sonnverbrannten Brust sichtbar wurde. Nicht ohne etwas Stolz oder wenigstens Eitelkeit zu verraten, lugte dabei der Zipfel eines brennend roten Taschentuches aus der rechten Beinkleidertasche, die wohl geräumig genug gewesen wäre, ein halbes Dutzend derselben zu verbergen.

Sein Begleiter war ein junger, stattlicher Mann mit freiem, offenem blick und dunklen, feurigen Augen. Seine Tracht ähnelte der der übrigen Farmer im Westen Amerikas und bestand aus einem blauwollenen Frack, eben solchen Beinkleidern und einer schwarzgestreiften, aus demselben Stoff verfertigten Weste. Den Kopf bedeckte ein schwarzer, ziemlich abgetragener Filzhut, und in der Hand hielt er eine schwere lederne Reitpeitsche. Schuhe trug er jedoch nicht, sondern nach der indianischen Sitte sauber, aber einfach gearbeitete Mokassins, und dies sowohl wie der nicht unruhige, aber fortwährend umherschweifende und auf Alles achtende blick verriet den Jäger. Uebrigens führte er keine Büchse bei sich, so wenig wie sein Begleiter.

"Ein verfluchter Kerl, mein Bruder," lachte der Kleine, in irgend einer begonnenen Erzählung fortfahrend – "und eine Wut hatte er, alte Sachen zu kaufen, rein zum Rasendwerden! Wie ich vorigen Herbst in Cincinnati war, klagte mir seine Frau ihre Not: das ganze Haus stand voll alter Möbel und Hausgeräte und Kochgeschirre, von dem sie nicht den zehnten teil gebrauchen konnte, und alle Abende lief trotzdem der Sappermenter noch auf den Auctionen herum, um Alles, was nur irgend billig war, aufzukaufen. Was er einmal hatte, sah er nachher nicht wieder an. Da gab ich denn meiner Schwägerin den Rat, sie solle einen teil des Plunders heimlich auf eben diese Auktionen schaffen lassen, um es nur los zu werden, das Geld könne sie nachher hinlegen und später einmal etwas Nützliches dafür anschaffen. Der Plan war gut, ich bestellte einen Karrenführer, besorgte, als mein Bruder Nachmittags im Geschäft war, die ganze Bescherung selber hinunter nach Frontstreet, und ehe es dunkel wurde, war alles aus dem Haus. Meiner Schwägerin fiel ein Stein vom Herzen, und als ihr Mann Abends halb zehn Uhr, zu seiner gewöhnlichen Stunde, höchst aufgeräumt heimkam, machte sie uns noch einen capitalen Punsch. – Apropos, Bill, Punsch müssen wir uns einmal hier brauen, das verwünschte Volk in dieser Gegend gehört fast sämmtlich zum Mässigkeitsverein. Alsowo war ich doch stehen geblieben, ja, beim Punsch. Bei dem Punsch blieben wir bis elf Uhr zusammen sitzen, und mein Bruder erzählte eine Schnurre nach der andern; konnte merkwürdige Schnurren erzählen, mein Bruder! Ich fragte ihn ein paar Mal, weshalb er so lustig sei, er wollte aber nicht mit der Sprache heraus; geht am nächsten Morgen wieder um sechs Uhr fort, und denke Dir, was bringt er auf drei Wagen nach Haus? den ganzen Plunder, den ich am Abend vorher fortgeschafft hatte. Kein Stück fehlte, und dabei prahlte er, was er für einen unmenschlich guten Handel gemacht hätte."

"Nicht übel, Onkel," lächelte der junge Mann, ihm einen schnellen Seitenblick zuwerfend, "vortrefflich sogarwenn es wahr wäre."

"Ei Du Sapperments-Junge, hab' ich Dir schon jemals etwas vorgelogen? Nie! Wenn ich Dir übrigens künftig eine Tatsache erzähle, so brauchst Du nicht zu feixen und das Maul von einem Ohr zum andern zu ziehen; hörst Du, Musjö?"

"Aber, bester Onkel, Sie müssen mir das nicht so übel nehmen. Wenn Sie anfangen, freu' ich mich immer schon auf's Ende, denn gewöhnlich ist etwas Komisches dabeiund da mag ich dann wohl manchmal ein wenig zu früh lachen –"

"Komisches? da hör' Einer den Laffen an. Ich erzähle n i e komische Geschichtenhast Du schon je eine komische geschichte von mir gehört? E r n s t war das Berichtete, bitterer, trauriger Ernst; mein Bruder wird sich auch noch mit der verdammten leidenschaft zu grund richtener muss sich ruinieren."

"Ihr Bruder soll doch aber ein sehr gewandter Geschäftsmann sein, und wenn er in dieser Hinsicht auch eine freilich etwas sonderbare Liebhaberei hat, so bringt er das sicherlich auf andere Art zehnfach wieder ein."

"Gewandter Geschäftsmann? Gott segne Dich, Jungees gibt keinen pfiffigeren Kaufmann, als mein Bruder ist; nur zu pfiffig manchmal, nur zu pfiffig! – Ich weiss die Zeit noch recht gut, wo wir zusammen in Kentucky jagten, und wie er die Krämer immer über's Ohr hieb mit alten Opossum-Fellen, denen er Waschbärenschwänze annähte und sie nachher für Schuppenfelle verkaufte. Manches Quart Whisky haben wir auf die Art zusammen vertrunken. – Aber einen Streich muss ich Dir doch erzählen, den er mir einmal am Cane-See spielte. Wir ruderten zusammen in einem alten Canoe auf dem See herum, teils um Fische zu harpunieren, teils um Hirsche zu schiessen, die