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Obwohl Sloboda und die hinter ihm jetzt sichtbar werdenden Gäste dies in Zweifel zu ziehen schienen, liess er sich doch bewegen, zaudernd die Tür zu öffnen. Allein weder der Bräutigam noch sein Gefolge trat ein, nur der Brazka erschien auf der Flur und wendete sich nach alter Sitte mit nochmaliger formeller Werbung um die Braut an den Wenden. Eine Zeit lang stellte sich Sloboda, als wisse er um keine Braut, bis endlich die Gäste sich bereit erklärten, den Wunsch des Bittenden zu erfüllen. Sie entfernten sich und der Brazka ward von Sloboda in die Schlosshalle geführt, auf deren Gallerie Graf Erasmus mit Herta der wendischen Brautwerbung neugierig zusah. Gräfin Utta fand ein solches Schauspiel zu gemein, um ihre Augen darauf zu richten.

Bald kamen die Gäste der Braut wieder zurück, in ihrer Mitte eine ältliche Frau führend, die Herta's Amme war und welche der Brautwerber nach genauer Betrachtung als eine falsche wieder zurückschickte. Auch ein junges hübsches Mädchen, das ihm nunmehr vorgeführt ward, wollte er nicht als die ihm verheissene Braut, die er als noch weit schöner und lieblicher beschrieb, gelten lassen. Erst nach drittmaligem Suchen ward Haideröschen im vollsten Brautstaat vorgeführt, von dem Brautwerber mit jubelndem Gruss, von der Musik mit einem Tusch empfangen. Jetzt trat auch der Bräutigam mit seinen Geleitsmännern in die Halle, um sich die verschämte Braut zuführen zu lassen. Der Brazka hielt wieder lange gereimte Dankreden an Sloboda, an Haideröschen, an die Gäste, und erst nachdem all diesen lang dauernden Gebräuchen volles Recht geschehen war, gab er, der jedesmalige Ordner solcher Feste, das Zeichen zum Aufbruch. Die Musik spielte wieder auf, vom Brazka angeführt. Ihr schloss sich Haideröschen, geleitet von zwei Ehrendienern, an, denen die Slonka oder Salzmeste, so geheissen, weil sie bei Tafel das Salz aufzusetzen hat und überhaupt, als erste Pate der Braut, Tafelordnerin ist, nebst den Brautjungfern folgte. Erst nach diesen durfte Clemens in den Brautzug treten, begleitet von einer zweiten Slonka und zwei Züchtjungfern. Nach diesem sehr hoch gehaltenen und für unerlässlich geachteten Ehrenpersonal schloss sich erst der Zug der beiderseitigen Gäste an und bewegte sich unter fortwährender Musick den Schlossberg hinab an den See.

Als auch dieser hinter dem Brautzuge lag, bestieg die ganze ziemlich zahlreiche Gesellschaft im Schatten des Waldes harrende Wagen, deren Kutscher und Pferde mit buntseidenen Tüchern und grossen Blumensträussern bestens aufgeputzt waren. In vorgeschriebener Ordnung, Braut und Bräutigam voraus, nahm das Brautgeleit Besitz von diesen Wagen, unter denen mehrere aus einfachen Leitern bestanden, wie sie der Bauer zu Holz- und Getraidefuhren allein brauchen kann, und in raschem Trabe, nicht selten in wildestem Galopp, jagte der lustige Brautzug hinein in die rauschende, harzduftige Haide dem Geburtsorte Haideröschens zu, wo Trauung und Hochzeitsmahl stattfinden sollten. Seltsamerweise lief bald nach der Abfahrt, was in Jahren nicht vorzukommen pflegte, als erster Begegnender ein Hase über den Waldweg, was, als ein böses Zeichen, die Lustigkeit der Gäste einigermassen störte und die lieblichen Träume der jungen Braut etwas verdüsterte.

Unmittelbar nach der Trauung begann das Mahl unter genauer Befolgung aller durch Sitte und Gewohnheit vorgeschriebenen und geheiligten Ceremonien. Zu diesem Mahle waren noch zwei längst erwartete Ehrengäste gekommen, Heinrich der Maulwurffänger und dessen Bruder Gregor. Sie erhielten ihre Sitze zunächst dem Pfarrer, der jederzeit die erste Stelle neben dem Bräutigam einnimmt. Durch das erscheinen dieser beiden Männer, namentlich aber durch die trockenen Witze und komischen Erzählungen des Maulwurffängers, ward die Hochzeitsgesellschaft sehr bald in die munterste Laune versetzt. Man vergass das viele Ungemach, das die Hauptpersonen erlitten hatten, und freute sich der angewandten Listen, die ein so gelungenes, erfreuliches und glückverheissendes Ende herbeigeführt.

Bier und Branntwein wurden zu den vielen und fetten speisen in Menge genossen und äusserten bald genug ihre Wirkungen. Die Unterhaltung ward so lebhaft, dass sie einem heftigen Gezänk Aller unter einander glich. Dazwischen klapperten Messer, hölzerne Tellerdenn nur auf solchen assen die HochzeitsgästeBierkannen und Gläser. Im Eifer des Anstossens und Zutrinkens ward auch manches Glas zerbrochen. Die Aufwartenden rannten mit ihren hoch mit Fleisch beladenen Schüsseln zuweilen gegen einander und verschütteten einen teil der dampfenden Stücke, die alsdann ab- und zugehende Gäste unter allgemeinem jubel mit ihren kurzen zweizinkigen Gabeln aufhoben und triumphirend selbsteigen auf ihre Teller trugen, wo sie bald verschwanden.

Das eigentliche Mahl war beinahe beendigt, als unerwartet noch ein Gast in Sloboda's glückliche Behausung trat. Graf Magnus wollte die Einladung nicht versäumen, die ihm der unbekannte Briefschreiber zugeschickt hatte. Der junge Mann strahlte in voller männlicher Schönheit. Er trug einen prächtigen mit Goldstickerei reich verzierten Reitrock, die feinsten Spitzenmanschetten fielen über seine schönen hände herab und der feine graublaue Hut sass kokett auf dem wohl frisirten Haar.

So trat er leichten Schrittes unter die tobenden Bauern, die Erstaunten mit Anmut und freundlicher Herablassung grüssend. Einige Augenblicke verstummten Alle, man hörte kaum einen Atemzug.

"Lasst Euch nieht stören, meine Lieben," redete Magnus die Versammelten an. "Ich komme, die Freude und das Glück des jungen Paares mit Euch zu teilen und als ihr Grundherr demselben ein kleines Geschenk zu überreichen. Von morgen an, wo Clemens und Röschen als Ehegatten meinen Grund und Boden betreten, erkläre ich sie für freie Leute. Es lebe das freie Brautpaar!"

Schnell entriss er dem zunächst sitzenden Bauer das Glas und leerte es in einem zug bis auf den Grund, mit freundlichem Augenwink Clemens und Haideröschen grüssend und sich gegen