nach mehrmaligem Bearbeiten von Seiten Herta's, "es liesse sich zuletzt Alles recht gut hier einrichten. Der gnädige Herr Graf will uns die Schlosshalle einräumen zur Brautschau, wofür ich meinerseits vielmals danke, aber wo haben wir eine alte Frau, die bei der ersten Frage nach der Braut meine Tochter vorstellen kann? Die Frau Gräfin –"
"Um Gotteswillen, Sloboda!" unterbrach Herta den Rücksichtslosen. "Meine Tante wird sich während der ganzen Ceremonie fest in ihre Zimmer verschliessen."
"Wir müssen aber doch eine alte Frau haben, gnädiges fräulein," behauptete Sloboda sehr bestimmt und so ernstaft, dass die immer traurige Herta darüber lächeln musste.
"Könnte nicht einer der Bedienten –"
"Die Frau vorstellen, meinen Sie?"
"Ja, so denke' ich. Für eine täuschende Verkleidung will ich sorgen."
"Das geht nicht, liebes gnädiges Herzensfräulein; denn es ist, sehen Sie, noch niemals bei uns vorgekommen."
"Es muss also durchaus ein Frau sein?"
"Ja, lieber Engel, und zwar eine Frau in den Jahren."
"Seid Ihr zufrieden, wenn ich meine Amme dazu herkommen lasse? Sie wird es gern tun!"
Sloboda überlegte den Vorschlag und nahm ihn endlich zaudernd an. Dagegen lehnte er die Ausrichtung des Hochzeitmahles auf dem schloss, die Graf Erasmus nochmals in Vorschlag brachte, entschieden ab, weil es, wie er sich ausdrückte, gegen Grundsatz und Sitte seines Volkes verstosse, bei der Hochzeit das Brod Fremder in fremdem haus zu essen. Die Zukunft lehrte ihn nur zu bald, dass ein prophetischer Geist in dem Grafen tätig gewesen und dass alles nachfolgende Unglück aus seiner Weigerung herzuleiten sei.
Als der festgesetzte Tag herankam, bestand die unglückliche Herta darauf, die geliebte Braut mit eigener Hand schmücken zu dürfen. Sie ringelte ihr mit zartem Finger die glänzenden Löckchen auf der Stirn, setzte ihr die hohe Borta von schwarzem Sammet auf mit dem goldbrokatenen Deckel und der daran befestigten grünen Rautenkrone; sie legte ihr das Halsband mit bunten Perlen um, das mit silbernen Sternen geschmückte Haarband über den untern Absatz der Borta und knüpfte die verschiedenen vorgeschriebenen grünen Bänder in zierliche Schleifen. Ganz besondere Aufmerksamkeit empfahl das ängstliche Haideröschen ihrer sie putzenden Gebieterin bei der Befestigung der F l i z u r . So nennen nämlich die Wenden ein Stück feiner weisser Leinwand, welches in einer Breite von vier Zoll, in Falten gelegt und mit grüner Seide eingefasst, über Brust, Schulter und Rükken läuft, und nebst den zwei bis drei Schnuren goldener oder silberner Schaumünzen um Brust und Hals ein nur Bräuten gestatteter Schmuck ist. Ausserdem reichte Herta der kleinen Wendin ein feines weisses Tuch, das sie selbst in glücklicheren Tagen gestickt hatte.
Müssten wir nicht befürchten, unsere Leser durch ausführliche Beschreibung der übrigen zahllosen und zum teil höchst seltsamen Gebräuche bei einer wendischen Bauernhochzeit zu ermüden so würden wir noch manches Eigentümliche hier anzuführen haben. So beschränken wir uns darauf, zu erwähnen, dass sich aus Haideröschens Geburtsorte zwei Brautjungfern einfanden, die fast eben so wie die Braut selbst gekleidet waren. Mit diesen kam natürlich auch die ganze Verwandtschaft der Sloboda, was denn ein lautes und lebendiges Treiben in den untern Räumen des alten Schlosses verursachte.
Es war ein schöner, klarer und warmer Frühlingstag. Die Wipfel der schlanken Tannen wiegten sich mit leisem Rauschen in der blauen Luft und schmetternde Lerchen hingen, dem Auge kaum sichtbar, in dem unermesslichen Dome. Die meisten Menschen wünschen sich an ihrem Hochzeitstage einen solchen glückverheissenden Frieden der natur, und auch Haideröschen sah mit ihren wunderbaren Kinderaugen dankend gegen Himmel, als sie in der ersten Nachmittagsstunde die schrille Musik der Haidebauern aus dem wald erklingen hörte, die den Bräutigam begleiteten. Verstohlen sah sie hinab auf den spiegelklaren See, über den eine ganze Flotille kleiner Nachen segelte, alle mit geputzten Männern besetzt, welche jubelnd ihre bebänderten Hüte schwenkten und unaufhörlich mit der Musik um die Wette jubelten. Sogar einzelne Schüsse wurden abgefeuert und weckten das schlummernde Echo der stillen Haide.
Am fuss des Schlossfelsens angekommen, ordneten sich die Begleiter des Bräutigams paarweise, das Musikchor, aus mehrern Clarinetten, einem Fagott und andern nationalwendischen Instrumenten bestehend, stellte sich an die Spitze und der Brautführer mit bandverziertem Stock, Hut und Kleid schritt gravitätisch voraus. Unter fortwährendem Musiciren erstieg diese Schaar junger Männer den Schlossberg und zog bis vor die grosse Eingangspforte.
Hier wurde sie durch herbeispringende Knechte, die ein langes rosenrotes Band schnell vor die Pforte zogen, aufgehalten und ihnen erst nach Erlegung eines geringfügigen Trinkgeldes der Eintritt gestattet, indem der Brazka mehrmals die Versicherung gab, dass sie nicht als ungebetene Gäste erschienen, sondern mit erlaubnis des Schlossherrn und auf dessen besondere Einladung kämen.
Ein neues, noch bedenklicheres Hinderniss stiess dem Bräutigamszuge im inneren des Schlosshofes auf. Es waren nämlich alle Fenster fest verschlossen, einige sogar mit Läden verbaut. Auch die Haupteingangstür, die doch sonst immer offen stand, zeigte sich heute fest verriegelt. Bescheidentlich nahte sich nun, während die Musik schwieg, der Brautwerber der Schlosstür und klopfte leise mit seinem Stabe an. Allein Niemand gab Antwort. Das Schloss schien unbewohnt oder gar ausgestorben zu sein. Erst auf heftigeres klopfen liess sich drinnen eine mürrische stimme vernehmen, die Jan Sloboda angehörte. Er fragte: was man begehre? Der Brautwerber antwortete: man suche Herberge. Uebrigens könne er auf Ehre und Seligkeit versichern, dass er und seine Begleiter vollkommen ehrliche Leute wären und mit den freundschaftlichsten Gesinnungen kämen.