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"Meinen Wagen!" befahl er dem Voigt. "Du, Jean, hole mein Gesangbuch aus der Bibliotek."
Kaum hatten sich die Diener entfernt, so warf sich Magnus auf einen Stuhl und stampfte wütend mit dem fuss.
"Abscheulich!" rief er. "Mich zwingen zu wollen und in so stolzen, beleidigenden Ausdrücken!"
Der Brief lag auf seinem Schooss. Er lautete:
"Vier Wochen nach Empfang dieses wird Röschen Sloboda, bekannt unter dem Namen Haideröschen, den Bauer Clemens Ehrhold heiraten. Sie werden, Herr Graf, ohne Säumen genannten Clemens Ehrhold die erlaubnis dazu erteilen und Röschen Sloboda als Ihre Untertanin annehmen. Ferner wollen Sie nicht anstehen, obgenanntem Röschen ein Heiratsgut von dreihundert Reichstalern zu überantworten und am Tage der Hochzeit, zu deren Feier Sie hiermit eingeladen werden, den Neuvermählten einen Freibrief als ausserordentliches Hochzeitsgeschenk zu überreichen. Binnen zweimal vier und zwanzig Stunden werden Sie gnädigst Antwort geben, wozu das Abfeuern Ihrer Jagdflinte aus demselben Fenster, durch welches die kleine Wendin Ihrer Verfolgung sich entzog, für genügend erachtet wird. Sollten Sie anstehen, die oben genannten Bedingungen eingehn zu wollen und das verlangte Zeichen nicht geben, so werden eine Stunde später alle Fenster Ihres Schlosses von hundert Schüssen zugleich zertrümmert werden und die gerechte Strafe des himmels wird Sie erreichen mitten im Triumph Ihrer nichtswürdigen Verbrechen!"
Dieser Brief war ohne Namensunterschrift und unverkennbar mit verstellter Hand geschrieben. Magnus fiel daher sogleich auf den Gedanken, der Verfasser desselben könne Niemand anders als sein erklärter Feind der Maulwurffänger sein. Deshalb war er anfangs auch fest entschlossen, die herrische Forderung ganz unbeachtet zu lassen und dem frechen Schreiber damit seine Verachtung zu erkennen zu geben, allein später stiegen doch wieder Zweifel in ihm auf. Der überall tätige Maulwurffänger konnte ja bloss das Werkzeug eines Mächtigeren sein! Es liess sich nicht läugnen, dass eine unglaublich kühne Räuberbande die Haide seit Jahren unsicher machte; dass Mitglieder derselben als Bauern und Bürger verkleidet auf allen Dörfern und Schlössern Bekanntschaften anknüpften und über öffentliche und geheime Vorgänge sehr wohl unterrichtet waren. Von der Stärke dieser kunstreich organisirten Räuberbande erzählte man sich Wunderdinge; die Schlauheit, Kraft und originelle Gesinnung ihres Anführers konnte man nicht genug rühmen. Ja das unwissende Volk legte ihm sogar höhere Kräfte bei, hielt ihn für hieb- und stichfest und behauptete, er könne zugleich an mehreren Orten gegenwärtig sein und wie der Sturmwind im Augenblick erscheinen und verschwinden. – Es war ferner so gut als gewiss, dass die niedrigen Volksklassen, namentlich das arme, darbende Volk, in sehr enger Verbindung mit diesem Schrecken der Wälder stand. Jede Hütte stand dem Unhold bei drohender Gefahr offen, während sie sich vor der verfolgenden Macht verschloss. Der schlaue "Fürst der Haide," wie man den Räuber wohl nennen hörte, hatte nicht selten schreiendes Unrecht auf seine Weise ausgeglichen und harterzige Herren auf das Empfindlichste gezüchtigt.
Dies und manche auffallende Einzelheiten aus dem unstätten abenteuerlichen Leben des Räubers traten dem jungen Grafen blitzschnell vor die Seele und nachdenkend stützte er den Kopf in seine Hand, das bedrohliche Schreiben zerknitternd und auf die glimmenden Kohlen des Kamins schleudernd.
Um Auswege war Magnus nie verlegen, da es ihm auf die Wahl seiner Mittel nicht ankam. Den Inhalt des Briefes nochmals sich wiederholend, sprang er auf und schnalzte lächelnd mit dem Finger.
"Vortrefflich!" sagte er, das Zimmer langsam durchschreitend. "Gräfliche Gnaden fügen sich unbedingt dem Willen des dunklen Unbekannten, fertigen die erlaubnis zur Hochzeit des jungen Burschen mit der niedlichen Kleinen aus, sind überhaupt unaussprechlich herablassend und zuvorkommend und knallen zu guter Letzt mit ihrer Vogelflinte zu dem famosen Fenster hinaus. – Warum auch sollte ich es nicht tun?" fuhr er fort, in seiner Wanderung inne haltend. "Wer von all meinen Leuten weiss denn, was mir zugemutet wird, welcher unbekannten Gewalt ich mich ohne alles Sträuben ergebe? – Und welcher Vorteil kann mir aus solchem unbedingt willigen Nachgeben erwachsen! – Diese Schlauen, wer sie immer sein mögen, sind in der Tat ungemein kurzsichtig. Sie muten mir, der ich jedenfalls weit über ihnen stehe, zu, ich solle mich ohne Rückhalt, ohne Säumen ihren Händen überliefern, und scheinen dabei zu vergessen, dass grade dieses grobe Drängen, wenn ich mich ihm füge, eine laute Aufforderung ist, vorsichtig zu sein. – Sie laden mich naiv gutmütig zu Haideröschens Hochzeit ein – ein vortrefflicher Gedanke! – Ich habe Lust, die lieben Leute in ihrer Lustigkeit kennen zu lernen. – Und den Freischein soll ich mitbringen zum Trunk und Tanz? – Wirklich, diese Tölpel ahnen nicht, wie bereitwillig sie mir in die hände arbeiten! – Der Freischein zur Hochzeit – mein Recht als Herr – der Lärm und die ausgelassene Lust der Wenden – ich kann mich gar nicht täuschen, dass ich dabei einen vollständigen Sieg erringe und dem Feinde die empfindlichste Niederlage bereite."
"Ew. Gnaden?" sagte der Kammerdiener, die Tür öffnend.
"Ist angespannt?"
"Wie Sie befohlen haben."
"So will ich denn zur Kirche fahren und im inbrünstigen Gebet Gott danken, dass er mich erleuchtet und aus schwerer Gefahr gnädig errettet hat."
Der Kammerdiener machte grosse Augen, als er seinen Gebieter eine so ungewohnte, noch nie vernommene Sprache anstimmen hörte, indess begleitete er ihn gehorsam zur Kirche, wo er sich abermals über die ausserordentliche Andacht und die gespannte Aufmerksamkeit des Grafen zu wundern hatte. Magnus wartete den Gottesdienst gänzlich ab, dankte sehr