als durch den geistreichen Witz und treffenden Sarkasmus des frivolen Franzosen. In langen Pausen schlürfte der junge Graf dabei starke Chocolade aus einer grossen reich vergoldeten Tasse. In diesem zwiefachen Genusse störte ihn sein vertrauter Kammerdiener, welcher mit den fein gebürsteten Sonntagskleidern des Herrn eintrat, sich jedoch in respectvoller Entfernung von dem Lesenden hielt. Nach einiger Zeit legte Magnus das Buch weg und trank den Rest seiner Chocolade.
"Was willst Du, Jean?" fragte er den Kammerdiener, der bewegungslos, den Sammetrock des Gebieters auf dem arme, im Zimmer stand.
"Mit Ew. Gnaden gütiger erlaubnis wollte ich untertänigst melden, dass so eben zum dritten Male zur Kirche geläutet worden ist."
"Schon so spät, Jean? – Ja, dann muss ich mich beeilen. Die Zeit vergeht doch wunderbar schnell bei angenehmer, geistreicher Lectüre."
Magnus erhob sich von seinem bequemen Lager, winkte dem Kammerdiener, ihm dem Pudermantel umzuwerfen und liess sich die Haartour in Ordnung bringen. Dabei gähnte er mehrmals.
"Der gnädige Herr Graf scheinen eine schlaflose Nacht gehabt zu haben."
"Ach nein, guter Jean, ich langweile mich nur im Voraus schon bei der stundenlangen albernen Predigt unseres zahnlosen alten Pfarrers."
"Dann brauchen ja Ew. Gnaden bloss nicht in die Kirche zu gehen," sagte Jean. "Sind Sie nicht Ihr eigener unabhängiger Herr?"
"Nicht so ganz, wie Du glaubst. Ich muss meinen Untertanen mit gutem Beispiel vorangehen und mich also ihnen zu Liebe zu tod langweilen. Man hält mich für einen Freigeist, ich weiss es bestimmt, und eben desshalb will ich von heute an jeden Sonntag die Kirche besuchen. Ich gebe Dir mein Ehrenwort, Jean, es geschieht bloss so lange, bis sich die dummen Bauern von meiner wahrhaftigen Gottesfurcht augenfällig überzeugt haben."
Es war nämlich Magnus erzählt worden, dass viele seiner Untertanen laut geäussert hatten, ihr Herr müsse ehestens vom Himmel bestraft werden, weil er nicht ein einziges Mal das Gotteshaus besucht habe, und so hielt er es denn für unumgänglich nötig, sich in die Umstände zu fügen.
"Noch kein Bote von Boberstein angekommen?" fragte er, während ihm der Kammerdiener den Pudermantel abnahm und einige weisse Tüpfel von Stirn und Wange stäubte.
"Man hat noch nichts gehört."
"Wie geht es mit Sultan?"
"Der Voigt ist mir die Antwort auf meine Frage bis jetzt schuldig geblieben."
"Warum? Sollte Sultan's Leben bedroht sein? – Geh, Jean! Bescheide den Voigt zu mir. Ich will sogleich die genaueste Nachricht über das Befinden meines Lieblingspferdes haben."
"Irre ich nicht, gnädigster Herr, so höre ich den schwerfälligen Tritt des Voigtes auf dem Corridor."
So war es. Der Voigt erschien. Er hatte einen ziemlich grossen Brief in der Hand, der schlecht couvertirt und mit schwarzbraunem Siegellack äusserst plump verschlossen war. Auf dem Siegel konnte man kein bestimmtes Zeichen erkennen, da der vermutlich ungeübte Schreiber zwei- oder dreimal das Petschaft in das halb geronnene Lack gedrückt hatte.
"Du wirst täglich lässiger, Ephraim," redete Magnus den Eintretenden ziemlich barsch an. "Wenn das so forfgeht, werde ich künftig eine Gesandtschaft an Dich abschicken müssen, um zu erfahren, wie Du Dich in meinen Diensten benimmst. Was bringst Du von Sultan für Nachricht?"
"Die Geschwulst mindert sich, gnädigster Herr," versetzte der Voigt mit niedergeschlagener Miene, "bei sorgfältiger Pflege wird das arme Tier wieder vollkommen hergestellt werden."
"Das ist mir lieb, aber was zum Henker schneidest Du für Gesichter? Und was hast Du denn da in den Händen?"
"Ich wollte Ew. Gnaden eben um Entschuldigung bitten der Säumniss wegen, der ich mich schuldig gemacht habe. Dieser Brief –"
"Brief?" fiel Magnus schnell ein, mit dem rechten Arm in den Sammetrock fahrend und so plötzlich dem Voigte entgegenschreitend, dass er dem Kammerdiener das Kleidungsstück entriss und es auf dem Boden hinter sich fortschleifte. "Ein Brief von Boberstein?"
"Von dem Stammschlosse des gnädigen Herrn ist mir ein solcher Brief noch nicht zu Gesicht gekommen," versetzte der Voigt. "Ueberhaupt habe ich solche Schriftzeichen noch niemals erblickt, und eben deshalb zögerte ich mit der Ueberreichung."
"Wer brachte ihn? Wie kam er an Dich?" fragte Magnus hastig, jetzt mit Hilfe des Kammerdieners auch den zweiten Aermel seines Feierkleides anziehend.
"Ich fand ihn, gnädigster Herr. Draussen am Tor zwischen Schloss und Riegel war er eingeklemmt."
"Vermutlich ein Pasquill," sagte Magnus verächtlich, "lass doch sehen!"
Der Voigt überreichte das ungleich gefalzte, äusserlich beschmuzte Schreiben. Magnus besah das verwischte Siegel, die unleserliche, gekleckste Handschrift.
"Vielleicht ist es ein Brandbrief. Man hat neuerdings verschiedene auf Edelhöfen ausgeworfen, um Milderung der Hofedienste zu erzwingen. Wie ich höre, haben sich einige Furchtsame dadurch einschüchtern lassen und wirklich Versprechungen getan. Bei mir können diese Toren auf solche Weise nichts erlangen. Ich trotze der Rohheit und werde um so härter strafen, je unerlaubter ein solches Verfahren ist."
Während dieses Gesprächs hatte er den Brief erbrochen. Schon beim Durchlesen der ersten Zeilen runzelte er die Stirn und wechselte die Farbe.
"Was ist das?" hörten ihn Voigt und Kammerdiener murmeln. Er las noch einige Zeilen, worauf die Anwesenden bemerken konnten, dass ihm die hände zitterten