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erkrankt ist! – Darauf verbeugte ich mich und ging durch die Haide zu Dir, ohne dass ich auf andere Gedanken kommen konnte."

Sloboda war sehr nachdenkend geworden. Er wagte nicht dem schlauen Maulwurffänger zu widersprechen und mochte ihn noch weniger in seinem furchtbaren Verdachte bestärken. Endlich sprach er unwillkürlich:

"Es wäre doch entsetzlich!"

"Warum?" sagte Heinrich mit seiner sarkastischen Gleichgiltigkeit. "Die natur will ihren Lauf haben und die geschichte der Völker auch. Ich sehe da bloss Ursachen und Folgen."

"Glaubst Du, dass der Graf Deinen Verdacht teilt?"

"Nein. Dazu ist er zu wenig Politiker. Das Erschrecken des Fräuleins stellt er auf Rechnung ihrer Abneigung gegen Magnus."

"Sollte man ihn nicht auf den Fall aufmerksam machen?"

"Auch das nicht. Es bleibe ein Dunkel über Herta's traurigem Zustande, bis sie erliegt, oder von selbst die Wolken jener Nacht sich lichten! – Noch hoff' ich, dass Herta's kräftige natur diesen Sturm überdauern, dass sie Empfindung, Sprache und Errinnerung wieder erhalten wird, und dann steigt der Geist Gottes mit Windesschnelle herab auf die Zinnen Bobersteins und deutet uns an, was wir für Recht zu achten haben. Läge aber meiner Vermutung dennoch eine Täuschung zum grund, so könnte ich mit deren Verbreitung ein nie wieder gut zu machendes Unglück anstiften. Und solch eine Sünde soll nie und nimmer auf dem Gewissen Pink-Heinrichs lasten!"

"Und meine Tochter! Was soll mit ihr geschehen, wenn das unglückliche fräulein stirbt?"

"Dein Kind muss aus dem schloss, auch dann, wenn fräulein Herta am Leben bleibt."

"Zu wem, Heinrich, zu wem? Ich kann sie nicht beschützen, denn mir sind die hände gebunden und ich muss Tag und Nacht arbeiten, wenn ich leben soll."

"Nur nicht verzweifelt, Freund Jan!" sagte der Maulwurffänger. "Ich habe darüber simulirt auf dem ganzen einsamen Wege durch die Haide. Mein Anschlag ist reif und nach meinem Erachten recht gut ausführbar. Wir warten geduldig einige Tage ab, um zu sehen, wie sich die Krankheit der allgeliebten Herta gestaltet. Inzwischen bereitest Du und Ehrhold Alles zu baldiger Ausrichtung einer Hochzeit vor; denn kann Dein Kind nicht auf dem schloss bleiben, wovon ich überzeugt bin, so muss sie unverweilt den Clemens heiraten. Als Frau, dafür steh' ich, hat Blauhut keinen freundlichen blick mehr für sie."

"Gut," versetzte Sloboda. "Meine Einwilligung hat sie längst, wird aber auch die herrschaft einwilligen? Graf Magnus muss sie als Untertanin annehmen, muss dem Burschen seinen Consens freiwillig geben! – Wenn er sich weigert, können wir ihn zwingen?"

"zwingen nicht, aber dazu ängstigen. Er fürchtete mich, Jan, und er hat Grund dazu. Und bei meiner ewigen Seele, diesen Wüstling verderbe ich, wenn er den hochfahrenden, gebietenden Herrn spielen will!"

"Er wird es dennoch tun, Heinrich."

"Er tut es nicht! Sein Vater weiss mehr von seinen Lasterwegen, als er glaubt, und wenn ich mit diesem Rücksprache zu nehmen drohe, gwährt er mir, was ich verlange. Ueberdies schwebt er in beständiger Furcht wegen der Gerüchte, die zum teil durch meine Veranlassung in Umlauf sind. Er fühlt sich nicht mehr sicher in seiner herrschaft. Die finstern drohenden Mienen seiner Knechte weissagen ihm nichts Gutes, und um den langsam heranziehenden Sturm nichr zu vollem Ausbruche kommen zu lassen, fügt er sich dem Unvermeidlichen."

"Willst Du selbst mit ihm sprechen?"

"Nein. Seit der Flucht Haideröschens betrete ich den Zeiselhof nicht mehr. Ich habe meine Vermittler."

"Wen meinst Du?"

"Das ist mein geheimnis, Freund Jan," sagte der Maulwurffänger mit ernstem Auge. "Es muss verschwiegen bleiben, bis es gewirkt hat, oder ich ziehe meine Hand zurück!"

"Nicht doch, Heinrich! Du hast mein, Du hast das Vertrauen aller meiner eben so gedrückten Stammesbrüder. Tue, was Du für recht und zweckdienlich hältst, und rechne auf die Dankbarkeit eines leibeigenen Mannes!"

Sloboda reichte nicht ohne lebhafte Bewegung dem Maulwurffänger seine rauhe Hand. Heinrich ergriff und drückte sie herzhaft.

"So ist es gut," sprach er. "Nun ich mit Deiner Einwilligung handle, will ich eilen und Alles in's Werk setzen."

Er stand auf, warf seine Drähte nebst dem Quersack wieder über die Schultern und schlang sich den Lederriemen seines Stockes fest um die Hand.

"Wann kommst Du wieder?" fragte Sloboda.

"Ich kann es nicht bestimmen. Meine Geschäfte führen mich diesmal tiefer in die Haide, und da mögen wohl ein paar Wochen vergehen, ehe ich zurückkehre. Doch wirst Du schon früher mittelbar von mir hören. Sage Deinem kind einen Gruss und sie solle nur mutig, treu und fromm bleiben, dann würde sie Gott nicht verlassen!"

Mit nochmaligem Händedruck trennten sich die beiden Männer. Der Wende sah gedankenvoll dem Maulwurffänger nach, wie er mit grossen, wiegenden Schritten dem Saum der Haide entgegen ging, die in goldigem Feuerduft Dorf und Feld im weiten Bogen umspannte.

Achtes Kapitel.

Der Drohbrief.

Magnus dehnte sich mit wollüstigem Behagen auf schwellender Ottomane und las einen jener verführerischen Romane von Crebillon, die damals unter den verdorbenen höhern Ständen ihrer graziös verhüllten Unmoralität wegen eben so grossen Beifall fanden,