bringt, und liest in den Büchern, die sie so lieb hat. Doch kein laut geht über ihre Lippen! Es ist recht entsetzlich und der gute alte Graf grämt sich unaussprechlich um seinen Liebling."
"Darf ich sie sehen?" fragte ich Haideröschen, worauf sie mich zu melden und mein Anliegen dem gnädigen Herrn mitzuteilen versprach. "Ich ward vorgelassen und in das Zimmer des guten Fräuleins geführt. – Gütiger Himmel, welch einen Anblick hatten da meine Augen! Ich bin doch just kein Weichling und habe auch zu zeiten schon mancherlei Trübseliges erlebt, aber solch Schreckensbild ist mir noch niemals vorgekommen! – Die kluge, schöne, gütige Herta sass still und stumm auf ihrem Fensterplatz, die durchsichtig zarten hände auf dem Schoosse gefaltet. Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Buch, eine von den Schriften, die ihr Gregor besorgt hat. Das starrte sie an mit Augen, aus denen nicht der Glanz einer lebendigen Seele leuchtete, sondern mit einem kalten fahlen Schein, als habe sich ein Mondstrahl darin gefangen und mühe sich vergeblich, sein kristallenes Haus zu durchbrechen. – Und welche tiefe Blässe war an die Stelle der Rosen getreten, die in den Grübchen ihrer Wangen so reizend blühten! Wie erschrocken neigten sich die Krausköpfchen ihrer Locken zu ihnen herab und zitterten vor dem Leichenduft, der ihnen entgegen zu wehen schien! – Ich nannte grüssend ihren Namen – da blickte sie verwundert auf, doch schien sie mich nicht zu kennen, oder ein grässliches Trugbild musste an ihrer Seele vorüberrauschen, denn sie schauerte innerlichst zusammen und Fieberfrost schüttelte ihre Glieder, wie der Herbstwind die Zweige der Birken. – Bestürzt bis zur Verzweiflung umringten die Unglückliche das gräfliche Paar und die vertrauteren Diener. Keiner sprach, Keiner wusste zu raten, zu trösten. Nur das sahen Alle schaudernd ein, dass dies herrliche Gemüt durch ein rätselhaft Furchtbares zerrüttet worden sein müsse und dass ihr klarer Geist vielleicht für immer verwirrt sei!"
"Herr des himmels," rief Sloboda erblassend, "Herta wahnsinig, die Mutter der Armen den Verstand verloren!"
"Es steht zu fürchten, denn auch heute ist keine Aenderung in ihrem Zustande eingetreten."
Sloboda rang die hände und ging gebückten Hauptes durch die niedrige stube. Vor dem Maulwurffänger blieb er stehen, legte seine beiden gewaltigen hände auf dessen Schultern und forschend in seine Augen blickend, sagte er:
"Glaubst Du, dass dies von ungefähr und ohne besondere Veranlassung geschehen sei?"
Pink-Heinrich schüttelte den Kopf.
"Hast Du auch keine Vermutungen?"
Ein blick des Maulwurffängers traf den Wenden, vor welchem dieser zurückprallte, als fürchte er durchbohrt zu werden.
"Was denkst Du?" sagte er leise, als entsetze er sich vor seiner eignen stimme.
Der Maulwurffänger stand auf, lehnte sich auf beide arme gestützt über den Tisch und erwiderte mit ergreifendem Tone:
"Ich denke, dass Gott in seiner Weisheit beschlossen hat, ein Strafgericht zu halten über Alle, so verworfen sind, und dass er der unschuldigen Opfer viele bedarf, ehe im Weltall die Stunde dazu schlägt!"
"Das sind vieldeutige Worte, auf die ich mich nicht verstehe."
"Nicht! Nun wohl, so spricht die Zeichensprache vielleicht deutlicher zu Dir. – Als ich heute Mittag das Schloss wieder verliess, traz mich der Kastellan ängstlich an und fragte, ob ich in seinem Zimmer gewesen sei oder Jemanden darin beschäftigt gesehen habe? Da ich jenes bejahen, dieses verneinen musste, so drang er in mich, keinen Scherz mit ihm zu treiben. Nun war ich, weiss Gott, nicht zum Scherzen aufgelegt und liess ihn also nicht sehr freundlich an. Darauf gestand er mir, dass er drei Schlüssel an seinem Bunde vermisse und nicht begreifen könne, wie diese ihm weggekommen sein sollten. Nach einigem Hin- und Herreden ergab es sich, dass die fehlenden Schlüssel alte selten betretene Gänge des Schlosses öffnen, von denen einer mit sämmtlichen Gemächern der alten Burg zusammenhängt. – Das fiel mir auf, denn nun erst erinnerte ich mich, von meinem Bruder Gregor gehört zu haben, dass Blauhuts bestes Pferd auf einem nächtlichen Ritt gestürzt sei und die linke Fessel gebrochen habe. Es war in der Nacht geschehen, die jenem traurigen Erkranken Herta's voranging."
"Sollte daraus ein Schluss zu ziehen sein?" sagte Sloboda. "Das scheint mir gewagt und könnte zu entsetzlichen Folgen veranlassen."
"List und Vorsicht helfen aus jedem Irrtum," erwiderte Pink-Heinrich. "So wenigstens dachte ich, als ich des bestürzten Kastellans Rede vernahm. Ach entschuldigt, unterbrach ich den Alten, ich habe was vergessen." So stieg ich denn nochmals hinauf, trat abermals in das Zimmer der Kranken und sagte zum Grafen Erasmus: "Verzeihung, gnädigster Herr, ich wollte nur untertänigst fragen ob Sie dem Herrn Grafen Magnus – und diesen Namen betonte ich recht scharf – irgend etwas zu melden, vielleicht von dem Erkranken seiner schönen Verwandten in Kenntniss zu setzen hätten? Bei Nennung dieses Namens fuhr das fräulein zusammen, wie vom Schlage getroffen, ein grauenhafter Seufzer entrang sich dem gepressten Herzen, und ihre hände gegen die Augen erhebend, begann sie zu weinen. – Die Frau Gräfin flüsterte ihrem Herrn Gemahl leise zu: Das gute Kind scheint liebeskrank zu sein, der Herr Graf aber wechselte einen finstern blick mit mir und äusserte sehr ungnädig: ich habe meinem Sohne keine Botschaft zu senden. Er soll nicht wissen, dass Herta