1845_Willkomm_143_91.txt

Mir überliessest Du Ort und Zeit unseres Zusammenkommens, und um Dir zu zeigen, wie hoch Du in meiner achtung stehst, wählte ich grade diesen Ort, grade diese Stunde und schlug den gefahrvollsten Weg zu diesen traulich-stillen Plätzchen ein. Hier werden wir hoffentlich recht ungestört sein und unsern Ehrenhandel ganz in der Ruhe und ohne Zeugen schlichten können."

"Sie sollen sich irren, mein Herr!" versetzte Herta entschlossen. "Ihre Abscheulichkeit übersteigt alle Grenzen, darum sollen Sie entehrt und gebrandmarkt werden, wie Sie es verdienen."

Herta richtete sich wieder auf und suchte abermals die Schelle.

"Was willst Du tun?" fragte Magnus mit schwer verhaltenem Atem.

"Das ganze Schlossgesinde nebst Deinen ergrauenden älteren will ich herbeirufen, damit sie sehen, welcher namenlosen Schändlichkeit Du fähig bist!" "Wenn dies wirklich Deine Absicht ist, will ich Dich nicht weiter hindern und stehe mit Vergnügen von meinem Anliegen zurück. Immerhin lass die Schelle läuten, erhebe Deine stimme! Mache Lärm, so viel Du wünschest! Nur gestatte, dass ich hier Platz behalten darf, Du wirst alsdann zu spät einsehen, dass Du Dich selbst in den Augen aller ehrbaren Menschen entehrt hast, und dadurch genötigt werden, dem verhassten Vetter Magnus Deine schöne Hand zu reichen, um ihn zum Altar zu führen." Schaudernd leuchtete dem unglücklichen Mädchen die furchtbare Wahrheit dieser Worte ein. Schüchtern zog sie die Hand wieder zurück und verbarg sie frierend in die weissen Decken. Magnus lächelte. "Was haben Sie mir zu sagen?" stammelte Herta. "Dass ich Dich liebe, schöne Muhme, liebe bis zum Wahnsinn und dass ich Erwiederung meiner leidenschaft wünsche, hoffe, befehle!" "Sie haben längst meine Antwort gehört. Verlassen Sie mich und ich will vergessen, welche Schmach Sie mir zugefügt haben, ja sogar versuchen, ob ich Sie in Zukunft wieder achten lernen kann." "Ich ziehe Deine Liebe jeder Art von achtung vor." "Magnus, ich hasse Sie!" "Dann habe ich gegründete Hoffnung, dass Du nach Jahresfrist, sind wir nur erst Mann und Frau, närrisch in mich verliebt sein wirst."

"Gehen Sie oder ich zerschelle mir den Kopf an der Wand!"

"An meiner Brust wirst Du weicher und angenehmer ruhen."

"hinweg!"

"Schöne Muhme, ich habe hier zu fordern, Du nur zu gewähren. Gedenke Deiner Zusage! Ich komme um Genugtuung!"

"Nun so nimm sie Dir!" rief Herta in der Angst der Verzweiflung, richtete sich auf und bot ihm den schönen Busen dar, der zart glänzend aus dem Gewande schimmerte.

"Durchstosse mich mit Deinem Hirschfänger, dann hast Du Genugtuung!"

"Es fällt mir nicht ein, so grausam zu sein," erwiderte abwehrend der junge Graf, den Augenblick benutzend und seinen Arm um die lebende volle Gestalt schlingend. "Versprich mir Deine Gunst zu schenken," fuhr er flüsternd fort, "mein Weib zu werden, und ich beendige diese Unterbrechung Deiner Nachtruhe."

Immer heftiger, immer glühender umschlang er die einer Ohnmacht nahe Herta, mit wilden Küssen ihr Lippen, Stirn und Busen bedeckend. Ihr Sträuben gegen die Liebkosungen des Verachteten steigerte nur seine Glut, seinen Ungestüm. Er wusste, dass die Wehrlose gänzlich in seiner Gewalt sei, dass sie es nicht wagen werde noch könne, durch lautes Toben und Schreien sich Hilfe zu verschaffen. Und selbst in diesem Falle war er zu dem Aeussersten entschlossen, um seinen Zweck zu erreichen.

Als er gewahrte, dass die Kräfte des unglücklichen Opfers seiner brutalen Wildheit sich erschöpften und der Körper des schönen Mädchens in seinen Armen zusammen zu brechen drohte, vergönnte er Herta einige Augenblicke der Erholung.

"Herta, mein Herzenskind," sprach er, "willst Du denn ewig grausam, ewig unerbittlich sein? Habe ich nicht in schüchternster Weise, zart und sinnig um Dich geworben? Und empfing ich je eine andere Antwort von Dir, als starre Kälte oder beleidigende Stichelreden? – O Du göttliches, widerspänstiges Mädchen, Du weisst nicht, welchen verzehrenden Feuerbrand Du in meine Seele geschleudert hast! Ich kann, ich will nicht leben, ohne Dich zu besitzen! Und wenn jetzt ein Erdstoss die hundert Gewölbe dieser Burg mit ihren zahllosen Quadern über uns zusammenstürzt, ich weiche doch nicht von Dir. An Deinem Busen, Lippe an Lippe, im Feuerhauch der Liebe will ich die Schauer des Todes begrüssen und die Wonnen einer Seligkeit schlürfen, gegen welche das Paradies Mohammeds ein wesenloser Schatten bleibt!"

Herta suchte sich gegen den Rasenden in ihrer Ohnmacht dadurch zu schützen, dass sie ihre kleinen Händchen ihm entgegenstemmte und unverständliche Bitten wimmerte. Aber Magnus hatte kein Gefühl mehr für den Schmerz der Verlassenen. Er verdoppelte seine stürmischen Liebkosungen, seine wilden Ausbrüche einer wahnsinnigen leidenschaft so lange, bis das schwache Mädchen in völlige Apatie versank. Erst als er bemerkte, dass Herta ohne Leben, ohne Puls und Atem, mit gebrochenem Auge, ein bleiches Marmorbild, Tränenperlen in den Grübchen der Wangen und weisse Schaumblüten auf der duftigen Lippe vor ihm lag, fuhr auf Sekunden ein Reuegedanke durch seine verbrecherische Seele. Mit einem Anflug von Mitleid hüllte er die Bewusstlose in ihre Dekken und liess seine Blicke wohlgefällig auf ihrem Antlitz ruhen.

"Jetzt denke' ich doch, soll sie mein Weib werden," sprach er mit triumphirender Miene. "Wenn sie aber aus eigenem Antriebe zu mir kommt