entkleiden."
Beide Mädchen traten in Herta's Schlafgemach, das unmittelbar an ihr Wohnzimmer stiess und von aller Verbindung mit andern Gemächern abgeschlossen lag. Es glich einer Kapelle und mochte wohl in früherer Zeit auch dazu benutzt worden sein. Wie die meisten kleineren Zimmer des alten Schlosses hatte es bloss ein Fenster. Dies war aber so hoch an der ellendicken Mauer angebracht, dass man einer Stiege bedurfte, um es öffnen zu können. Das Meublement des Schlafgemaches bestand aus einem geräumigen Bett, mit Vorhängen aus schneeweissem Wollenzeuch, einer Commode nebst Waschtisch und einigen wenigen Stühlen. Ein Teppich überbreitete den Boden. In der Wand, dem Bett schräg gegenüber, war ein Schrank angebracht. In diesem bewahrte Herta ihre Kleider auf.
Während Haideröschen ihre junge Herrin entkleiden half und die Zarteit ihrer Haut eben so sehr wie die Feinheit ihrer Kleider bewunderte, plauderte Herta ununterbrochen und drückte manchen schwesterlichen Kuss auf die Stirn der schönen Wendin.
"Nun kommt das Schlimmste," sagte sie schalkhaft zu ihrer neuen Zofe, als sie das weiche bequeme Nachtgewand angelegt hatte, "und wenn Du mir darin nicht genügst, jage ich Dich morgen wieder fort, Du mein Herzensröschen! Wickele mir die Locken, aber raufe mich nicht! Bei meiner Ungnade!"
Obwohl Haideröschen mit den Toilettengeheimnissen der vornehmen Damen nicht vertraut war, ging sie doch mit leidlicher Zuversicht an das verlangte Geschäft und beendigte es nach mannichfachen Scherzen und Unterbrechungen zu Herta's vollkommenster Zufriedenheit. Sie konnte dabei nicht unterlassen, den prächtigen schneeweissen Nacken ihrer jungen Gebieterin wiederholt zu küssen, worüber Herta jedesmal in so komischen Zorn geriet, dass Haideröschen nur ermuntert ward, ihren Lippen die Ruhe in dem warmen duftigen Sammet noch mehrmals zu gönnen.
Endlich war die Nachttoilette beendigt und Herta's Kopf mit einer solchen Menge weisser Papiewickel besät, dass man glauben konnte, die junge Schöne habe sich die braunen Haare mit dem glänzend weissen Geflock jener Sumpfblumen geschmückt, die über Torfmooren in ganzen Wäldern wachsen und des Nachts im Mondschein wie flatternde Mantillen tanzender Elfen blitzen und leuchten. Eine nochmalige Umarmung begleitete die letzte gute Nacht der beiden Mädchen, worauf Haideröschen sich zurückzog und Herta in die weichen Hüllen ihres Lagers flüchtete, die Brust voll süssen Jubels, die Seele voll der edelsten und uneigennützigsten Gedanken.
Ungeachtet ihrer Aufregung fiel Herta doch bald in jenen halbbewussten Zustand, der dem festen Schlaf meistenteils vorauszugehen pflegt. Die heitern Gedanken, mit denen sie sich beschäftigt hatte, schufen ihr angenehme Phantasiebilder, die ihrem geistigen Auge in leuchtender Schöne vorüberschwebten. In diesem glücklichen Schwärmen der Seele hörte sie die Schlossuhr elf schlagen. Die Bilder erloschen in ihr und es ward still und dunkel. Plötzlich fuhr sie schreckhaft zusammen vor einem Geräusch dicht neben ihr. Sie erwachte aus der unklaren Seelendämmerung und schlug weit die grossen Augen auf. Da schien es ihr, als weiche die Tür des Wandschrankes aus den Angeln und ihre Kleider schwebten langsam gegen sie heran. Anfangs glaubte sie sich zu täuschen und sah dem nächtlichen Spuk mit erstarrenden Pulsen zu, als sie aber unverkennbar gewahrte, dass eine dunkle Gestalt Schritt vor Schritt ihrem Lager näher kam, richtete sie sich auf und sagte: "Haideröschen, lass die Possen!" denn sie meinte wirklich, die kleine Wendin habe sich wieder in die kammer geschlichen und wolle sich, aufgemuntert durch ihre Heiterkeit, einen Scherz mit ihr erlauben. Aber das Herz stand ihr still und ein eisiger Schauer überrieselte sie, als auf ihre Frage eine Männerstimme antwortete:
"Ich bedaure, dass meine schöne Cousine ihr Herz so schnell an dieses geschöpf verschenkt hat."
Es war Magnus, der in Lebensgrösse vor ihr stand und mit der ihm eigenen galanten Unverschämteit die arme über der Brust verschlang und höhnisch lächelnd seine Falkenaugen auf das erschrockene Mädchen heftete.
Die erste Bewegung Herta's war, nach der Klingel zu langen, die auf dem Nachttisch zu Häupten ihres Bettes stand. Allein Magnus sah dies voraus und fiel ihr in den Arm.
"Das ist nicht die Art, schöne Muhme, einen Ehrenhandel beizulegen."
Herta kehrte die Sprache zurück. Sie schleuderte einen blick tiefer Verachtung auf den Abscheulichen und sagte:
"Entfernen Sie sich sogleich, Elender, oder ich erhebe ein Geschrei, dass die Mauern dieses Schlosses beben!"
"Das wirst Du nicht tun, reizendes Mühmchen, weil Du ein Weib bist und Deine stimme dadurch an Klang verlieren könnte. Bei Gott, ich sah Dich nie in einem verführerischeren Costüme!"
Im ersten Schreck hatte Herta uicht bemerkt, dass ihr Nachtkleid von den runden Schultern gefallen war und sie wie eine blendende Marmorbüste in reizender Formenschönheit dem Grafen gegenüber sass. Schmerz und Schaam entlockten ihren zürnenden Augen die bittersten Tränen, und indem sie sich schnell in die Decken hüllte und das Gewand wieder zu ordnen suchte, versetzte sie:
"Vergebe Ihnen Gott diesen Frevel, ich vermag es nicht!"
"Ich komme auch nicht deshalb, anbetungswürdiges Mädchen, ich erscheine, weil Du es befohlen hast."
"Schamloser Lügner, ich befohlen!"
"Auf Edelmannswort, Muhme! Gestatte mir zu reden und Du wirst einsehen, dass ich vollkommen in meinem Rechte bin!"
Herta verhüllte ihr Gesicht und begann laut zu schluchzen. Magnus stützte sich nachlässig auf den Nachttisch und fuhr in leisem Flüstertone fort:
"Erinnere Dich Deiner vor einigen Tagen mir gegebenen Zusage, liebenswürdige Cousine. Du versprachst mir für die Beleidigung, welche Du mir durch Deine Fürsprache für das Bauernkind zugefügt, Genugtuung.