1845_Willkomm_143_9.txt

Tälern und an Hügeln hin. Kirchtürme blinkten im Sonnenschein und die hohen Giebel und alten Turmzinnen manchen Edelhofes sahen aus ehrwürdigem Ulmen- und Eichengebüsch hervor. Das Geläut der Glocken, die zur Kirche riefen, ertönte auf allen Seiten, und berührten die Reisenden ein Dorf, so begegneten sie häufig geschmückten Mädchen und Frauen, die wohl dem ungewohnten Fuhrwerk verwundert nachsahen.

Obwohl der Jude seine Pferde tüchtig antrieb, war die Mittagsstunde doch schon vorüber, als das am Fuss seiner romantischen Gebirge prächtig gelegene Königshain den Reisenden sichtbar ward. Paul konnte sich nicht satt sehen an den vielen wechselnden Fernsichten und den sonderbar gestalteten Gipfeln der Berge, die kühn und phantastisch hinter dem im Tale liegenden volkreichen Orte emporstiegen. Hätte Sloboda ihn nicht belehrt, dass er nur uralte Felsgebilde vor sich habe, so würde der schaulustige Jüngling mit Zinnen und Warttürmen geschmückte ungeheure Burgtrümmer aus dem Mittelalter zu erblicken geglaubt haben.

Von einer Menge gaffender Kinder umgeben, erreichte das polnische Fuhrwerk den Gastof. Hier beschloss der Greis bis auf Weiteres zu rasten, liess ein Mittagsmahl auftragen und erkundigte sich, gleich einem Fremden, nach den Sehenswürdigkeiten der Gegend und namentlich nach den umliegenden merkwürdigen Felsbergen. Der Wirt war sogleich bereit, jede möglich Auskunft zu geben. Er hielt die Reisenden für Russen schon wegen der ungewohnten Tracht des Greises und pries ihnen die wundervolle Aussicht auf den nahen Bergen, namentlich auf dem Todtensteine, mit beredter Zunge an.

"Den Todtenstein, ja, den müssen Sie sehen, meine Herrschaften," sagte er, auf einem Schemel neben den Reisenden Platz nehmend und behaglich seine Pfeife rauchend. "Das ist ein Felsen, wie es keinen mehr gibt in deutschen Landen! Die Gelehrten aus Görlitz und Dresden und andern berühmten Städten kommen bloss hieher, um die alten Steine zu beschauen, und ich habe von den gelahrten Herren manch wundersames Wort vernommen, wenn sie nachher mit einander bei einem Glase Bier hier an demselbigen Tische über das Gesehene und Gefundene discurirten. Sie müssen nämlich wissen, meine Herrschaften, dass hier herum und weit ins Land hinein, sogar bis hinauf in die Gebirge vor alten zeiten dumme und blinde Heiden gewohnt haben, von denen die Wenden nach Löbau zu und weiterhin noch ein Ueberrest sind. In meiner Jugend gab's auch ganz in der Nähe noch einzelne wendische Bauern, jetzt aber sind sie schon seit Jahren teils ausgestorben, teils weggezogen. Es hiess, sie hätten sich nicht mit den Deutschen vertragen können, was leicht sein kann, denn es ist ein hartköpfiges, abergläubisches Volk, das eine Sprache redet, wie sie kein Hund bellt! – Aber, was ich sagen wollte, die Herren Gelehrten und Bücherschreiber haben es richtig herausgebracht, dass diese alten Heiden auf dem Todtensteine ihre götzendienerischen Opfer gehalten, ihre Feinde geschlachtet und sie nachher mit Stumpf und Stiel verbrannt haben. Denn grausam, ach grausam war das Volk ganz abscheulich! Letztin erst, es sind noch keine vier Wochen her, haben ein paar Gelehrte, die über acht Tage lang in den alten Klüften herumgekrochen sind und alle Spalten visitirt und genau beguckt haben, eiserne Ringe gefunden und Kettenglieder und einen steinernen Schlägel, den sie ein Opferbeil nannten, und Blutkrüge und Schüsseln und mehr solch Zeug, was Alles die wendischen Götzenpriester bei ihren Opferfesten brauchten. Deswegen, meine Herrschaften, weil entsetzlich viel Blut da oben vergossen worden ist, heisst der Fels auch bis auf den heutigen Tag der Todtenstein!"

Nach diesen Bemerkungen, die Sloboda dankend hinnahm, erbot er sich, da es gerade Sonntag sei und er weiter nichts zu tun habe, die Reisenden, wenn sie es wünschen sollten, zu begleiten. Damit war aber dem Greise nicht gedient, weshalb er für diese gefälligkeit dankte unter dem Vorwande, dass er schwerlich schon heute dazu kommen werde, die umliegenden Berge zu besteigen, indem wichtige Geschäfte seine Zeit in Anspruch nähmen, an einem der nächsten Tage dagegen würde es ihm sehr angenehm sein, wenn er ihm einen der Gegend kundigen Führer verschaffen wolle. Der Wirt stand sogleich von seinem Vorhaben ab, da er auf ein längeres Verweilen der Reisenden hoffen durfte, und Sloboda konnte sich nach einiger Zeit in Pauls Begleitung unbemerkt entfernen.

Auf Stegen, die ihm noch wohl bekannt waren, führte Sloboda seinen Enkel aus dem dorf. Ein vielspuriger Feldweg zog sich den Berg hinan, dessen Gipfel die hohe und breite Steinmasse der granitenen Burg schmückte. Links und rechts war der Berg eine gute Strecke hinauf bebaut, bis Steingeröll, Schlinggewächse und Schwarzholz das fruchttragende Erdreich verdrängten.

etwa einen Büchsenschuss von dem Todtensteine entfernt hörte der eigentliche Weg auf. An dieser Stelle übersah man das reich angebaute Land mit seinen Dörfern, Schlössern und Kirchen bis weit in die Lausitz hinein. Sloboda blieb stehen und kehrte sich um. Eine Träne rieselte über seine gefurchten Wangen, und indem er Pauls Hand ergriff und auf die sich kreuzenden Pfade deutete, deren eine Menge nach allen Seiten liefen, sprach er: "Das ist der Ort, wo das grosse Unglück begann!"

"Welches Unglück, Grossvater?"

"Das mich vertrieb, mich flüchtig und heimatlos machte und Dich unter einem fremden volk geboren werden liess."

"Und das meine arme Mutter nie vergessen konnte?"

"Das sie nie vergessen durfte!" wiederholte Sloboda mit dumpfem Zornesgrolle.

"Ach warum habt Ihr so oft davon gesprochen und mir doch nie gesagt, worin es bestanden hat!"

"Weil es unnütz gewesen wäre! Doch jetzt Paul,